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OP-Klimaretter Die Allianz der Teilzeitheiligen
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00:17 12.06.2019
Eine Möglichkeit ist das Leihfahrrad: Bei der Aktion „Einstieg in den Umstieg“ heißt das Motto: Möglichst ohne Auto mobil sein. Quelle: Silvia Brambring
Marburg

Gar nicht so einfach, immer das Richtige zu tun – der gute Wille ist da, die Überzeugung auch, und dann kommt einem gemeinerweise das Leben dazwischen. „Einmal musste ich einfach das Auto nehmen“, erzählt die in Cappel lebende Silvia Bram-bring. Sie ist eine von vier Initiatoren der Aktion „Einstieg in den Umstieg“, die im zweimonatigen Selbsttest versucht, möglichst komplett aufs Autofahren zu verzichten. Bram-bring saß zu Hause, telefonierte mit einer Freundin: „Während wir sprachen, hatte sie einen Schwächeanfall. Da bin ich hingefahren, habe den Notarzt alarmiert, und der hat meine Bekannte sofort in die Notaufnahme des Klinikums überwiesen – vier Tage Intensivstation.“

Doch wenn es nicht gerade um Leben und Tod geht, sondern allenfalls um Zeit und Bequemlichkeit, verzichten Silvia Brambring, Ann-Marie Weber, Stefanie Mai und Johannes M. Becker konsequent aufs Auto und versuchen, ihre Mobilität anders zu organisieren.

Verzicht ist Notwendigkeit

Geht im Großen und Ganzen auch ganz gut, hakelt aber auch bisweilen. Etwa an dem Abend, als die Cappelerin aus Frankfurt mit dem Zug nach Marburg zurückkehrte. „Der kam pünktlich am Hauptbahnhof an, doch als ich auf dem Vorplatz war, habe ich vom Bus nur noch die Rücklichter gesehen“, erinnert sich Silvia Brambring und kritisiert die Taktung der einzelnen Verkehrsmittel Zug und Bus, die sich idealerweise ergänzen würden.
Ihr Zuhause erreichte sie schließlich per Muskelkraft – Brambring ist überzeugte „Nextbike“-Nutzerin. Die „Umsteiger“-Gruppe hat bereits eine Infoveranstaltung zur Nutzung der Mietfahrräder organisiert, und dort war die einhellige Meinung: Sehen schwer aus, die Velos, lassen sich aber leicht fahren.

Klimaretter-Tipps

Alternativen zum Auto
Gibt es in Ballungsräumen in Hülle und Fülle – aber auf dem flachen Land? Da wird‘s schon schwieriger mit Car‑
sharing und Co. Oft lassen sich jedoch auch im ländlichen Raum schon viele Dinge erledigen, wenn man mit dem Nachbarn spricht. Wann fährst du zum Einkaufen? Okay, kann ich mitkommen? Löst nicht alle Probleme, erspart  
aber vielleicht die eine oder andere Fahrt und sorgt nebenbei für die Kontaktpflege.
Terminplanung
Wer sich seinen Alltag ein wenig sortiert, wird merken, wie viele überflüssige Autofahrten stattfinden. Am Mittwoch zum Optiker? Okay, dann gleich auch noch danach ins Kino, vorher zur Bank etc. Menschliche Schwäche: Gründe dafür, das Auto zu nutzen, findet man immer. Gründe, es stehenzulassen, muss man suchen.
Protokoll führen
Einen Terminkalender hat jeder, der Termine hat. Ob elektronisch oder in der Papierversion – da lässt sich bestens protokollieren, wann man wo wie oft mit welchem Verkehrsmittel gewesen ist. Diese Kontrolle in Verbindung mit dem monatlichen Kilometerstand des Autos ist eine gute Grundlage zum Umsteuern.
Wochenend …
… und Sonnenschein und dann mit dir im Wald allein. Kann man meistens direkt vor der Haustür haben, anstatt nach mehrstündiger Autobahnfahrt irgendwo in benachbarten Bundesländern oder im Ausland. Einfach mal von daheim aus losgehen und sich überraschen lassen.

„Die Kombination aus Monatskarte 65+ und Nextbike ist für mich ideal“, bilanziert Brambring, in deren Gruppe mittlerweile mehr als 30 Personen registriert sind.Alle, die sich für das Autofasten interessieren, merken, dass sich im Freundes- und Bekanntenkreis immer häufiger die Gespräche um Klimafragen drehen, dass Verzicht keine Option, sondern eine Notwendigkeit geworden ist.

Dass Verzicht nicht immer möglich ist, sich bestimmte Ziele wirklich nur mit dem Auto erreichen lassen, haben auch Johannes M. Becker und Ann-Marie Weber gemerkt. Der frankophile Friedens- und Konfliktforscher erledigte während der „Fastenzeit“ eine „vorher geplante Langstreckenfahrt“ in seine südfranzösische Wahlheimat. Wäre wohl auch irgendwie mit dem Zug gegangen, doch im Midi wartete eine so große Menge Wein auf den Transport ins Hessische, dass sich Becker hinters Steuer setzte. Dafür schnallte er sich seine Gitarre auf den Rücken, als er vor einigen Tagen ein Benefizkonzert am Kaiser-Wilhelm-Turm gab und radelte mit einem E-Bike auf die Lahnberge.

Dem ehemaligen BUND-Vorsitzenden Hubert Weinzierl wird bisweilen das Erstgeburtsrecht für die Wortschöpfung  „Teilzeitheiliger“ zugeschrieben – genutzt wird der Begriff immer dann, wenn sich offenbart, dass man seine hehren Ziele nicht zu 100 Prozent umsetzen kann. Mit dieser ernüchternden Erkenntnis einigermaßen gut zu leben, will „Einstieg in den Umstieg“ vermitteln.

Zwölfstundentag trotz Autonutzung

So sagt auch die in einem Ortsteil von Fronhausen lebende Ann-Marie Weber: „Wenn ich mit meinen Kindern deren etwas weiter entfernt wohnende Oma besuchen will, geht‘s nur mit dem Auto.“ Und überhaupt: Wer Kinder hat, muss nicht nur einen Alltag organisieren, sondern den der ganzen Familie. Da gibt‘s dann auch bei den Webers „Großkampftage“, die vom Zeitmanagement her nur mit dem Familienauto machbar sind.

Klimaretter-Tipps

Erst testen …
… dann meckern. Von Haus aus sind die meisten Menschen Skeptiker, die sich fragen: Klappt das mit der Zugverbindung wirklich oder sollte ich nicht doch zur Sicherheit das Auto nehmen? Komme ich mit einem Mietrad in der Stadt wirklich überall hin? Nur Mut, einfach mal ausprobieren und das Scheitern einkalkulieren.
Entschleunigung
Ja, ja, schon gut – ein leicht überstrapazierter Modebegriff, ähnlich wie Achtsamkeit oder Nachhaltigkeit. Sagen wir‘s einfach so: Zeitstress gibt‘s im alltäglichen Leben schon genug, aber auch immer wieder Ziele, die sich durchaus auch zu Fuß erreichen lassen. „Das Leben ist ein langer Fußmarsch“, sagt der Norweger Erling Kagge, Autor des Buchs „Gehen. Weiter gehen“. Sein Credo: „Der Kopf braucht Bodenhaftung, die bekommt er durch die Füße.“
Gelassenheit
Nichts ist schlimmer als missionarischer Eifer. Der macht nämlich auch ein schlechtes Gewissen. Also: Nichts gegen eine selbstkritische Haltung oder gegen kontroverse Diskussionen im persönlichen Umfeld, aber eines ist sicher: Nur entspannte Klimaretter sind gute Klimaretter.

Kindergarten, Schule, Pfadfinder, Einkauf, Erledigungen – „da kommt an manchen Tagen schon mit Auto ein Zwölfstundentag zusammen“, sagt die Gründerin des ökologisch orientierten Vereins „Allmende Holzhausen“. Einmal pro Woche mietet sich Weber ein Lastenfahrrad mit Elektroantrieb, kuppelt den Kinderanhänger hintendran und erledigt den Wocheneinkauf. Klingt gut, hat aber auch seine Tücken: „Der Tegut-Parkplatz in Cappel etwa ist ja schon für Autofahrer schwierig, aber wo stellt man da ein solches Ungetüm – Lastenfahrrad mit Anhänger – ab?“

Hat ja auch keiner behauptet, dass das einfach ist. Aber es geht. Was in den Augen der Frau aus dem Südkreis gar nicht geht, ist der Preis einer Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel: „91 Euro – wenn das der Preis ist, wer soll da umsteigen? Ich habe das einmal gemacht und nie wieder.“

"Frage der Einstellung"

Stefanie Mai ist im Quartett der „Umsteiger“ vielleicht diejenige, die am konsequentesten Verzicht übt. Die erste Erfahrung: Das kostet Zeit. Täglich bis zu eineinhalb Stunden mehr muss einplanen, wer aus einem ähnlich weit von Marburg entfernten Ort wie Kleinseelheim alles erledigen will, ohne den Zündschlüssel herumzudrehen. Doch Stefanie Mai hat begonnen, sich anders zu organisieren: Wo sie bisher zwei- oder dreimal „kurz nach Marburg reinfuhr“, überlegt sie jetzt im Voraus, wie sie die Zahl der Fahrten einschränken kann. „Vielleicht ist das eben auch ein gutes Stück weit eine Frage der Einstellung“, sinniert Johannes M. Becker. Da mag er recht haben, doch Ann-Marie Weber fährt ihm in die Parade: „Frage der Einstellung? Ja, aber nicht mit Kindern.“ Da zeigt sich deutlich: Jeder hat eine andere Lebenswirklichkeit und muss für sich herausfinden, an welchem Punkt des Alltags die Autonutzung überflüssiger Luxus oder schlichte Notwendigkeit ist.

  • Weil die Initiatoren der Aktion „Einstieg in den Umstieg“ umweltbewussten Interessierten auch zeigen wollen, dass das „Zu Fuß gehen“ die vielleicht gesündeste Fortbewegungsart überhaupt ist, wird die Reihe der öffentlichen Veranstaltungen am Samstag, 15. Juni, mit einem „Literarischen Stadtspaziergang“ durch Marburg fortgesetzt. Treffpunkt ist um 15 Uhr am Rathaus.
  • Ein weiteres offenes Treffen mit Erfahrungsaustausch findet am Mittwoch, 19. Juni, ab 18 Uhr in den Räumen der Heilpraktikerschule Wegwarte im Marburger Schwanhof statt.

Wer verzichtet, muss sich mal etwas gönnen

  • Die Treffen sollen auch nach dem offiziellen Abschluss des „Autofastens“ regelmäßig fortgesetzt werden, eine weitere Zusammenkunft ist bereits für den 26. Juni terminiert.
  • Vorher jedoch wird gefeiert, denn wer verzichtet, muss sich auch mal etwas gönnen. Als Datum für die „Einstieg in den Umstieg“-Party hat die Gruppe Sonntag, 23. Juni, ins Auge gefasst, Ort und Uhrzeit stehen noch nicht hundertprozentig fest.
  • Wer sich für die Mitmachaktion interessiert, findet im Internet auf der Homepage einstieg-in-den-umstieg.de jede Menge Informationen und die Möglichkeit, mit den Organisatoren Kontakt aufzunehmen.

von Carsten Beckmann