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OP-Klimaretter Der Kampf gegen die Verschwendung
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20:00 23.09.2019
Ein Kühlschrank in der Kirche? Ja! Anna Serr von der Foodsharing-Initiative freut sich, dass der „Fairteiler“ in der Unikirche so gut angenommen wird. Dort können regelmäßig Lebensmittel abgegeben und mitgenommen werden.  Quelle: Nadine Weigel
Marburg

In Deutschland landen jährlich fast 13 Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall. Das belegt eine Studie der Universität Stuttgart. Inklusive der Abfallmengen aus Landwirtschaft, Handel und Gastronomie komme man auf insgesamt 12,7 Millionen Tonnen verschwendeter Lebensmittel im Jahr, so die Forscher. Gründe für die Verschwendung können zum Beispiel kleine Druckstellen, von der Norm abweichende Größen oder der Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums sein.

Unfassbar – findet die Food­sharing-Gruppe Marburg. Sie hat sich 2013 gegründet und wächst seither stetig. Momentan sind rund 200 Marburger auf der Online-Plattform www.foodsharing.de registriert. Sie alle treibt der Kampf gegen die tägliche Verschwendung von Lebensmitteln an.

„Diese Überproduktion in Deutschland ist einfach schlimm“, sagt Anna Serr und öffnet die Tür zur Unikirche in der Oberstadt. Hinter den Kirchenbänken, in einer Ecke des Gotteshauses, steht ein Kühlschrank. Es ist ein sogenannter „Fairteiler“. Immer mittwochs zwischen 13 und 16 Uhr kann jeder in die Kirche am Lahntor kommen und sich aus dem Kühlschrank bedienen – oder auch selbst Lebensmittel, die er nicht mehr braucht, hineinlegen. Nachdem der Späti in der Biegenstraße geschlossen – und damit auch ein rege genutzter Fairteiler nicht mehr betrieben werden konnte, gibt es nun nur noch zwei Fairteiler in der Unistadt: Der Kühlschrank in der Unikirche und im El-Amin-Markt in Wehrda ist ein Regal eingerichtet.

Weitere Standorte für "Fairteiler" gesucht

Die Marburger Foodsharer sind händeringend auf der Suche nach neuen Orten, wo sie „Fairteiler“ installieren könnten. „Es müsste ein Ort sein, der gut zugänglich ist“, erklärt Anna Lena Georg von der Initiative. Optimal wäre ein öffentlicher Ort, den viele Menschen besuchen.

Die Lebensmittel bekommen die Foodsharer von zahlreichen Läden aus Marburg. Nach Ladenschluss holen sie überschüssige Lebensmittel ab und bestücken zum einen die „Fairteiler“ damit – oder verteilen das Essen an ihr Netzwerk an Freunde, Bekannte und Verwandte. „Es kam aber auch schon vor, dass ich einfach Leute auf der Straße angesprochen habe, ob sie nicht ein paar Lebensmittel haben möchten“, erinnert sich Anna Lena Georg.

Geht es nach der Initiative, könnten nicht nur mehr Fairteiler eingerichtet werden, sondern auch noch mehr Läden ihr nichtverbrauchtes Essen den Foodsharern zur Verfügung stellen. „Wir wünschten uns noch mehr Kooperationspartner“, so Anna Serr.

Sie führt die Zurückhaltung mancher Einzelhändler darauf zurück, dass zum Beispiel lokale Märkte großer Lebensmittelketten nicht eigenständig eine Kooperation mit Foodsharing eingehen dürften. Das bedauern Marburgs Lebensmittelretter sehr, denn ihnen ist wichtig, dass Foodsharing kein Nischenthema ist. „Dass man gutes Essen nicht wegwirft, geht jeden etwas an“, betont Psychologie-Studentin Serr. Es gehe darum, dass man Lebensmitteln wieder mehr Wertschätzung entgegenbringe. „Wichtig ist vor allem, dass wir mit all unseren Sinnen essen. Nicht das Mindesthaltbarkeitsdatum gibt an, ob Lebensmittel noch genießbar sind, sondern vielmehr Konsistenz, Geruch und Geschmack“, fasst Anna Lena Georg zusammen.

Kontakt

Mehr Informationen gibt es unter www.foodsharing.de oder per E-Mail: foodsharing-marburg@gmx.de. Das nächste offene Treffen der Marburger Initiative ist am Montag, 30. September, um 19.30 Uhr im Ortsbeiratsraum der Südstadt, Schulstraße 6.

Die Foodsharer der Unistadt würden ihr Engagement auch gern auf die umliegenden Dörfer ausweiten. „Falls es Interessenten gibt, sind wir gern bereit, Hilfestellung zu geben“, bietet Serr an, die bereits seit 2013 bei Food­sharing aktiv ist. Seit einem Jahr beobachtet sie ein steigendes Interesse am Projekt. Dass das mit der aktuellen Klima­debatte zu tun hat, kann Serr nur vermuten. 

Klar ist: Lebensmittelverschwendung ist nicht nur ein ethisches, sondern auch ein ökologisches Problem: Wie das Bundeszentrum für Ernährung mitteilt, ist in Deutschland die Ernährung für ein Fünftel aller klimaschädlichen Treibhausgasemissionen verantwortlich.Sowohl für die Erzeugung als auch für die Vernichtung von Waren werden Rohstoffe, Energie und Wasser benötigt. Mit jedem Lebensmittel, das unnötig im Müll landet, werden also wertvolle Ressourcen verschwendet.

Die Vereinten Nationen haben sich zum Ziel gesetzt, die Lebensmittelverschwendung bis zum Jahr 2030 zu halbieren. Doch eine drastische Reduzierung kann wohl nur erreicht werden, wenn alle Beteiligten in der Wertschöpfungskette mit Lösungsansätzen und ­eigenen Zielvereinbarungen dazu beitragen.

Dies kann nur gelingen, wenn das gesamtgesellschaftliche Bewusstsein für den Wert der Lebensmittel steigt, findet die Marburger Lebensmittelretterin Anna Serr. „Der Verbraucher muss lernen, den Wohlstand, in dem er lebt, wieder wertzuschätzen“, betont sie.

von Nadine Weigel

Klimaretter-Tipps

Weniger tierische Produkte essen
Mehr Gemüse, Getreide und Hülsenfrüchte schmecken nicht nur dem Klima, sondern nutzen auch der Gesundheit. Steaks und Gulasch nicht häufiger als zwei Mal die Woche. Auch bei Wurst, Eiern und Käse darf es etwas weniger sein. Denn die Produk­tion tierischer Produkte kostet wich­tige Ressourcen wie Wasser, Boden und Energie.

Saisonal essen
Saisonale Freilandware, dazu gehört auch Ware aus Folientunnel und unbeheizten Gewächshäusern, ist nicht zu toppen, was die Klimafreundlichkeit angeht. Und oft schmecken sie auch besser.

Keine Lebensmittel in den Müll
Machen Sie sich einen Einkaufszettel und planen Sie, was Sie sinnvoll verarbeiten und zubereiten können. Besonders leicht verderbliche tierische Produkte tragen ein Verbrauchsdatum und müssen auch wirklich gegessen sein. Die meisten Produkte tragen aber ein Mindesthaltbarkeitsdatum und sind oft noch lange nach dessen Ablauf ohne Gefahr essbar.

Klima-Vorfahrt für Fußgänger und Radfahrer
Lassen Sie das Auto so oft wie möglich stehen. Einkaufen zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem öffentlichen Nahverkehr ist klimafreundlicher und schont die natürlichen Lebensgrundlagen.

Verpackt – da geht auch weniger
Lassen Sie Produkte mit zu viel Verpackung links liegen, denn auch dieser Müll verschlechtert die CO2-Bilanz. Das geht bei vielen Produkten, bei manchen ist die Verpackung aber aus hygienischen Gründen nötig. Kaufen Sie Mehrwegprodukte und überlegen Sie bei Großpackungen zunächst, ob Sie so viel auch sinnvoll verbrauchen können oder teilen Sie es rechtzeitig mit Freunden oder Nachbarn.

Klimafreundliche Küchengeräte nutzen
Kühl- und Gefriergeräte, Geschirrspüler und Elektroherde tragen das EU-Label. Hier ist die niedrigste Energieverbrauchsklasse einfach zu erkennen. Und wenn Sie dann noch auf Ökostrom umsteigen, freut sich das Klima richtig.

Regional, lokal und transparent einkaufen
Regionale Lebensmittel fördern kurze Wege und stärken die Wirtschaft vor Ort. Lernen Sie den Landwirt in Ihrer Nähe kennen, indem Sie bei ihm einkaufen – natürlich möglichst nicht mit dem Auto. Und übrigens: So leisten Sie auch einen Beitrag zur Erhaltung von Streuobstwiesen und schönen Kulturlandschaften in Ihrer Nähe.

Quelle: Bundeszentrum für Ernährung