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OP-Klimaretter „Die spannende 
Phase beginnt jetzt“
Mehr OP extra OP-Klimaretter „Die spannende 
Phase beginnt jetzt“
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20:24 17.09.2019
Lena Reschke engagiert sich beruflich und privat für den Klimaschutz. Quelle: Jürgen Jacob
Cölbe

Im Januar startete das vierjährige Projekt „Hand aufs Herz – Cölbe schützt Klima“. Im OP-Interview zieht Projektkoordinatorin Lena Reschke Bilanz.

OP: Wie hat sich das Projekt in den vergangenen acht Monaten entwickelt?
Lena Reschke: Es ist viel passiert. Bei der Auftaktveranstaltung im Januar wurden bereits etwa 50 Klimaschutz-Ideen für die Gemeinde Cölbe entwickelt. Diese wurden bei unseren monatlichen Treffen weitergeplant und durch neue ergänzt. Lückenschlüsse im Radwegenetz, die Gründung eines Werkzeugverleihs oder der Aufbau eines Gemeinschaftsgartens sind nur einige Beispiele. Das erste Projektjahr war dafür gedacht, die Bürger zu informieren und sie zur Mitarbeit zu motivieren. In den nächsten drei Jahren sollen die geplanten Klimaschutzprojekte umgesetzt werden. Die spannende Phase beginnt jetzt.

OP: Das Projekt ist eine Kooperation der Gemeinde Cölbe und des St.-Elisabeth-Vereins. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?
Reschke: Bei dem Projekt handelt es sich um ein Verbundprojekt. Klima-Coach Michael Nass und ich sind beim St.-Elisabeth-Verein angestellt und 
die Organisatorin Regine Hassenpflug bei der Gemeinde Cölbe. Wir halten wöchentliche Team-Meetings ab und gestalten den Projektverlauf gemeinsam. Zusätzlich gibt es eine Lenkungsgruppe, die mit Vertretern beider Projektpartner besetzt ist. Für beide Partner spielt der Begriff der Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. Cölbe hat im Energiesektor in den vergangenen Jahren viel umgesetzt: die Nahwärmeversorgung und den Solaracker. In den kommenden Jahren soll in energetische Sanierungen investiert werden und es ist ein Nahmobilitätskonzept geplant.


Der St.-Elisabeth-Verein hat nachhaltiges Handeln seit vielen Jahren verinnerlicht, wie auch das Leitthema „Ökologie und Nachhaltigkeit oder: Wie gehen wir mit unserer Umwelt um?“ für die Jahre 2017/2018 zeigt. Dabei wurden zwei Umweltaktionstage auf dem Gelände in der Cölber Lahnstraße organisiert und die leerstehenden Hallen wurden bis zum Abriss für Nachtflohmärkte genutzt.
    Beim Thema Ernährung ist der St.-Elisabeth-Verein nicht nur Unterstützer des Modellprojektes Ökomodell-Region 
des Landkreises Marburg-Biedenkopf, sondern beteiligt sich auch daran: So wird unter anderem betrachtet, unter welchen Bedingungen ein regionaler Laden mit Marktwagen vom WABL-Standort des Vereins in Cölbe betrieben werden kann. In Sachen Elektromobilität hat der Verein im August einen Förderbescheid für „Elektromobiles Car Sharing & Fuhrpark-Management im 
sozialbetrieblichen Bereich“ des Landes Hessen erhalten. Dies sind Projekte, die im Zusammenhang mit Klimaschutz im Alltag entstanden sind.

Aktivisten erleben Gemeinschaft

OP: Das Ziel des Projektes ist, den Cölber Bürgern zu vermitteln, dass Klimaschutz Spaß macht. Auf welche Weise animieren Sie die Bürger zum Mitmachen?
Reschke: Das Projekt kommt nicht mit dem moralischen Zeigefinger und sagt, was zu tun ist, sondern bietet eine Plattform für Bürger, die sich für Klimaschutz vor Ort einsetzen möchten. Das Besondere ist, dass dieses Mitmachprojekt die soziale und ökologische Transformation miteinander verknüpft. Es geht nicht primär nur um Klimaschutz, sondern auch um das Erleben von Gemeinschaft.
    Die heutige Welt ist sehr individualisiert und isoliert. Soziale Treffpunkte verschwinden immer mehr. Begegnungen sind oftmals der Beginn von Beteiligung und im gemeinschaftlichen Handeln liegt Kraft für Veränderung.
    Damit sich möglichst viele Menschen angesprochen fühlen, verwenden wir verschiedenste Formate – von Theaterabenden über praktische Workshops bis hin zu monatlichen Planungstreffen.

OP: Hessenweit ist das Projekt das einzige, das vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit gefördert wird. Was macht das Projekt einzigartig?
Reschke: Bereits im Namen „Hand aufs Herz – Cölbe schützt Klima“ stecken zwei Besonderheiten. Zum einen nimmt es Bezug auf die Methode des „Handabdrucks“ von Ger-
manwatch. Der Handabdruck ist das Gegenmodell zum ökologischen Fußabdruck. Anstatt aufzuzeigen, welchen negativen Einfluss der Lebensstil eines Menschen auf die Erde hat, möchte der Handabdruck die positiven Handlungen in den Fokus rücken. Er steht sinnbildlich für das persönliche Engagement, sich nachhaltiger zu verhalten – egal ob auf gesellschaftlicher oder politischer Ebene. Beispielsweise durch die Initiierung einer Mitfahrbörse am Arbeitsplatz. Zum anderen macht der Projektname deutlich, dass Emotionen eine wichtige Rolle spielen. Seit Jahrzehnten versucht die Wissenschaft uns klarzumachen, dass wir die Erde ausbeuten. Doch scheinbar werden durch Fakten und Wissen nur wenige Menschen erreicht. Deswegen der Appell „Hand aufs Herz“ – lasst uns gemeinsam eine solidarische und zukunftsfähige Gesellschaft gestalten.

Jugend ist mit im Boot

OP: Das Thema Nachhaltigkeit ist von zentraler Bedeutung für das Gelingen des Projektes. Was kann man auf lokaler Ebene zum Klimaschutz beitragen?
Reschke: Es ist wichtig, Handlungsoptionen für ein klimafreundlicheres Leben vor Ort zu schaffen und aufzuzeigen, dass es nachhaltige Alternativen gibt. Wir wollen wegkommen vom Gefühl der Ohnmacht und Frustration hin zu mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Es geht darum, einen positiven Wandel anzustoßen. Viele kleine Schritte tragen zu großen Veränderungen bei. Man sollte nie die Vorbildfunktion von kleinen Handlungen unterschätzen – wer weiß schon, wen dieses Projekt inspirieren könnte.

OP: Der besondere Fokus soll auf Kindern und Jugendlichen liegen mit dem Aufbau einer Jugendwerkstatt. Hat sie ihre Arbeit bereits aufgenommen?
Reschke: In Cölbe gibt es schon seit einigen Jahren eine sehr aktive Kinder- und Jugendarbeit durch den Verein „Junge Entwicklung fördern“ (JEF). Glücklicherweise zählt JEF zu den ideellen Partnern des Projektes und wir können von ihrem Netzwerk profitieren. Beispielsweise wurde in Kooperation mit dem Jugendclub Schönstadt ein Paletten-Sofa gebaut, anstatt ein neues Sofa zu kaufen. In den Sommerferien gab es auch einen „Do it yourself“-Tag für Kinder und Jugendliche im Jugendclub Cölbe. Für die nächsten drei Jahre sind noch viele weitere Klimaschutzaktivitäten gemeinsam mit JEF geplant. Denkbar sind eine Kleidertauschparty oder eine Fahrradtour zum Erdbeerfeld mit anschließendem Kuchenbacken. Außerdem kooperieren wir mit den Grundschulen. In Bürgeln fand ein Klimafrühstück statt, bei dem die Grundschüler sich angeschaut haben, woher die Lebensmittel kommen.

So machen Sie mit

Wollen Sie auch dazu beitragen, die Umwelt zu verbessern, das Klima zu retten und unsere Erde für die Zukunft lebenswert zu halten?
Dann beteiligen Sie sich an unserer Serie und werden Sie Klimaretter! Schicken Sie uns Ihre Ideen und Vorschläge oder erzählen Sie uns, was Sie bereits umsetzen. Per Post an die Oberhessische Presse, 
Stichwort: Klimaretter, 
 Franz-Tuczek-Weg 1 in 35039 Marburg oder schicken Sie eine 
E-Mail an die Adresse feedback@
op-marburg.de     

OP: Kann das Projekt bereits Erfolge vorweisen? Wenn ja, welche?
Reschke: Das Projekt „Sauberes Wehr“ startet am Sonntag, 29. September, mit einer ersten Müllsammelaktion am Wehr in Cölbe. Diese Aufräumaktionen sollen monatlich fortgeführt werden. Eine weitere Initiative, die in den Startlöchern steht, ist eine „Food Coop“ (Einkaufsgemeinschaft) für Cölbe, um Verpackungen und Transportwege einzusparen.

Kurz vor der Umsetzung befindet sich auch eine Informationskampagne zur Vermeidung von Verpackungsmüll. Um existierendes klimafreundliches Verhalten in Cölbe sichtbar zu machen, küren wir jeden Monat einen Klimahelden. Es wurde auch eine Kooperation mit dem Dresdner Projekt „Stories of Change“ aufgebaut. Diese beinhaltete einen dreitägigen Filmworkshop, in dem ein Kurzfilm über bürgerschaftliches Engagement in Cölbe entstanden ist. Am 1. Oktober feiert der Film Premiere in Dresden.

OP: Welche Erwartungen haben Sie persönlich an das Projekt?
Reschke: Das Projekt bietet die einmalige Chance, den ökosozialen Wandel selbst in die Hand zu nehmen. Deswegen müssen erlebbare Räume des Wandels geschaffen werden: Lastenradverleih, offene Werkstätten und Saisongärten.

20.000 Tonnen Treibhausgas einsparen


OP: Es liegen noch mehr als drei Jahre auf der Wegstrecke bis zum Ende des Projekts. Was soll aus Ihrer Sicht am Ende unterm Strich das Ergebnis sein?
Reschke: Wenn am Ende der Projektlaufzeit eine vernetzte Dorfgemeinschaft in Cölbe aufgebaut ist, die verschiedenste Klimaschutzprojekte 
betreut, dann können wir, glaube ich, von einem gelungenen Projekt sprechen. Dabei ist ganz wichtig, dass sich die Projekte bis 2022 so etabliert haben, dass sie selbstständig weiterarbeiten können. Neben dem gemeinschaftlichen Handeln geht es auch vor allem darum, Treibhausgase einzusparen. Über die gesamte Projektlaufzeit sollen idealerweise 20.000 Tonnen Kohlendioxid eingespart werden.

OP: Wie wichtig ist Ihnen selbst der Klimaschutz?
Reschke: Ich besitze kein Auto, sondern lege alle Strecken zu Fuß, mit dem Fahrrad oder Zug zurück. Ich kaufe Secondhand, regional, aus biologischem Anbau, ernähre mich vegetarisch und beziehe Ökostrom. In meiner Freizeit engagiere ich mich in der Ortsgruppe von Greenpeace und bin als Foodsaverin beim Verein Foodsharing aktiv. Mir ist auch ein bundesweites beziehungsweise internationales Engagement wichtig. Ich habe mehrmals Klimacamps und die Klimakonferenzen in Bonn und Kattowitz besucht.

von Silke Pfeifer-Sternke