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OP-Klimaretter Das Comeback des Tante-Emma-Ladens
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14:59 13.10.2019
Tilman Schmidt (von links), Lukas Janssen und Johannes Grenzebach betreiben zusammen mit Anna Kochanow-Janssen (fehlt auf dem Foto) den Laden „Mudda Natur“ im Steinweg. Quelle: Silke Pfeifer-Sternke
Marburg

Lebensmittel ohne Einwegverpackung kaufen und so die Umwelt schonen ist das Konzept der Unverpackt-Läden, die darauf ausgelegt sind, Müll zu vermeiden. Zum Einkauf im Unverpackt-Laden bringen die Kunden eigene Gefäße mit: Dosen, Gläser oder Papiertüten. Die Gefäße werden zuerst gewogen, das Gewicht notiert und dann erst wird eingekauft. Die Produkte zum Selbstabwiegen sind in Spendern oder Gläsern und werden einfach umgefüllt. Angeboten werden Lebensmittel, Putzmittel und Hygiene-Artikel. Das Konzept ist simpel, aber effektiv – vor allem für diejenigen, die den Plastikmüll in ihrem Haushalt reduzieren wollen.

Die Gründer der beiden Marburger Läden unterscheiden sich nur äußerlich. Die einen wirken jung und dynamisch, die anderen seriös und gefestigt. Alle haben eines gemeinsam: den Wille, etwas zu verändern. Die Betreiber der Unverpackt-Läden zeichnen sich aus durch ihre Beharrlichkeit, ihre Überzeugung zu leben und andere von dem Modell der Müllvermeidung zu überzeugen. Ihr berufliches Standbein fußt auf den Gedanken der Nachhaltigkeit. 

Gründer sagen der Verschwendung Kampf an

Im Mai 2019 öffneten Johannes Grenzebach (27), Tilman Schmidt (28), Lukas Janssen (29) und dessen Frau Anna Kochanow-Janssen den Unverpackt-Laden „Mudda Natur“ im Steinweg. Sie verfolgen ein Zero-Waste-Konzept und wollen nicht nur Plastikmüll reduzieren, sondern haben auch der ­Lebensmittelverschwendung den Kampf angesagt. So werden zum Beispiel Karotten, die optisch nicht mehr ansprechend, aber noch immer genießbar sind, eingekocht.So entsteht ein neues Produkt. Andere Produkte sind zugekauft – von Direktvermarktern und einem Hausschlachter.

Dass es nicht immer einfach ist, plastikfrei einzukaufen, berichtet eine Familie aus Fritzlar. Sie sind auf der Suche nach Quark im Glas. In Marburgs Oberstadt werden sie fündig. „Die Umstellung ist sehr mühsam“, gesteht die Kundin, die von der Tochter angestiftet wurde, beim Einkauf Müll zu vermeiden.

Mitarbeiter Martin Kroek (links) mit den Betreibern des Ladens „Kauf‘s lose“ in der Biegenstraße, Sonja Krause und Sascha Fritz. Foto: Silke Pfeifer-Sternke

Davon, dass ihr das Haarewaschen mit Shampoo aus dem Unverpackt-Laden „Kauf‘s lose“ gefallen hat, berichtet eine andere Kundin in der Biegenstraße. Sie war zunächst skeptisch, aber nach der Anwendung ist sie überzeugt.

Sonja Krause (40) und Sascha Fritz (30) freuen sich über das positive Feedback. Sie entdeckten das Prinzip des Unverpackt-Ladens in der Schweiz und waren sofort Feuer und Flamme. Sie haben sich Läden in anderen Städten angeschaut, und eine Crowdfunding-Aktion gestartet. Fast 30 000 Euro der Finanzierungssumme von 100.000 Euro sind auf diesem Weg zusammen gekommen. Ihren Laden eröffneten sie Anfang August 2019. Seitdem können Kunden in der Biegenstraße dort ebenfalls einkaufen und Müll reduzieren

„Wer bei uns einkauft, der muss im Voraus planen“

Aber, das System hat auch Tücken: „Wer bei uns einkauft, der muss im Voraus planen. Man muss nachdenken, was man benötigt“, sagt Krause.

Auf der Habenseite steht: „Man lässt sich weniger zu Lustkäufen verleiten“, sagt Grenzebach. Letztlich gehe es darum, seinen Lebensstil umzustellen. „Wer sich Gedanken über seinen Einkauf macht, der kauft nur das ein, was er wirklich braucht“, sagt er.

Klimaretter-Tipps

Spülbürste: Als Alternative zu einer Spülbürste aus ­Plastik gibt es Spülbürsten aus Holz mit Naturborsten, bei denen der Spülkopf auswechselbar ist.

Frischhaltefolie: Eine Alternative zu Frischhaltefolien aus Plastik sind haltbare Bienenwachs-Tücher, in die man Brot einwickeln kann. Damit lassen sich auch Schüsseln und Schalen mit Gemüse und Obst abdecken. Es ist monatelang wieder verwendbar.

Viele ältere Kunden fühlen sich in den Unverpacktläden zurückversetzt in die gute alte Zeit der Tante-Emma-Läden. Und viele werfen zunächst ­einen scheuen Blick in die Läden, suchen das Gespräch mit den Betreibern und kommen wieder – mit Gefäßen zum Abfüllen.

Wer nichts dabei hat, kann sich im Steinweg eines der gespendeten und gereinigten Gläser nehmen. In der Biegenstraße geht das ebenfalls. Zudem werden auch Gläser zum Kauf angeboten, die man beim nächsten Einkauf wiederverwenden kann.

Das Prinzip der Müllvermeidung gehört zum Lebenskonzept der Gründer. Die vier vom „Mudda-Natur“-Laden eint Folgendes: Sie kommen aus Großfamilien und Haushalten, in denen mehrere Generationen unter einem Dach leben. „Zuhause haben wir eine Wegwerfquote von 2 Prozent“, sagt Grenzebach. Alles werde verarbeitet: aus getrockneten Brötchen wird Paniermehl.

„Es gibt keine zweite Erde“, sagt Krause, die sich mit ihrem Lebensgefährten Sascha Fritz ganz und gar der Müllvermeidung verschrieben hat – daraus entwickelte sich die Idee zu ihrem Laden.

von Silke Pfeifer-Sternke