Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
OP-Klimaretter Deutschlands günstigste Energie
Mehr OP extra OP-Klimaretter Deutschlands günstigste Energie
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 23.07.2019
Ulrich Pfeiffer (von links), Friedhelm Koch und Hans-Jochen Henkel stehen vor dem Hackschnitzel-Lager. Quelle: Tobias Hirsch
Oberrosphe

Bis nach Paris zum Weltklimagipfel hat sich das Bioenergiedorf von Oberrosphe schon rumgesprochen. Dort hatte es Marian Zachow (CDU) als stellvertretender Landrat jedenfalls vorgestellt, weil der Landkreis eine Vorreiterrolle in Sachen autarke Energieversorgung einnimmt.

Im Jahr 2008 war Oberrosphe mit das erste Bioenergiedorf in ganz Hessen. Heute, elf Jahre später, gibt es allein 13 im Landkreis, vier sind bereits wieder in Planung. „Dadurch werden jährlich 70 Millionen Liter Heizöl eingespart – nur im Landkreis“, sagt Hans-Jochen Henkel, einer der Vorreiter aus Oberrosphe und Vorstandsvorsitzender. Zusammen mit Ulrich Pfeiffer und Friedhelm Koch hat er den Hut auf. Obwohl er das nicht so gerne hört. „Wir sind eine Bürgergenossenschaft. Hier haben alle Mitspracherecht und alle Entscheidungen werden mit Aufsichtsrat und Mitgliedern gemeinsam getroffen“, betont er.

Mehr als die Hälfte der Haushalte im Dorf machen mit

Drei Jahre Vorlaufzeit hat es gebraucht – von der Idee bis zum Tag der Grundsteinlegung für das Heizkraftwerk. Ideengeber waren übrigens damals Pfarrer Bernd Arlt und der ehemalige Ortsvorsteher Hans Bertram, der auch gleichzeitig der Revierförster war. Ersterer hat bei einem Kollegen in Nordrhein-Westfalen die erste „Dorfheizung“ gesehen und war begeistert. Die Idee wurde in den Ortsbeirat eingebracht, eine Bürgerversammlung einberufen und so nahm die Sache ihren Lauf.

Im September 2007 gab es den Beschluss, auf dem Kartoffelacker am Ortseingang zu bauen, im Juni 2008 war Grundsteinlegung, im Oktober startete die Versorgung der 117 Haushalte, die sich der Genossenschaft damals angeschlossen hatten. Mittlerweile sind es 142 von insgesamt 235 Haushalten in ganz Oberrosphe.

Jährlich kommen etwa zwei bis drei Haushalte dazu. „Es ist schon noch Luft nach oben“, weiß Hans-Jochen Henkel und zeigt auf die leere Stelle neben dem Ofen. „Da passt noch einer hin.“

Genossenschaft hat Dachflächen für Solarmodule angemietet

Schon jetzt erfüllt Oberrosphe die von der Europäischen Union herausgegebenen Prozentzahlen was den Anteil der erneuerbaren Energien angeht. 32 Prozent sollen es laut Brüssel im Jahr 2030 sein. „Das hatten wir schon 2008. Wir liegen heute bereits bei 60 Prozent“, rechnet Vorstandsmitglied Henkel vor. „In zehn Jahren werden wir bei 70 Prozent liegen. Über die EU-Ziele können wir in Oberrosphe nur schmunzeln.“

Freude bereitet der Genossenschaft auch die Idee der CO2-Steuer. Jährlich spart das Bioenergie-Dorf schon jetzt 1.100 Tonnen CO2  ein. „Wenn die Steuer kommt, dann sind wir ganz vorne mit dabei“, erklärt Ulrich Pfeiffer. Sein Blick schweift über das Dach vom Hackschnitzel-Lager. Dort sind auf einer Fläche von 1.500 Quadratmetern Solarmodule angebracht. Zusätzlich hat die Genossenschaft noch Dachflächen im Ort angemietet.

Holz wird von Industriehacker zerkleinert

„Die Sonne bezahlt uns die Zinsen“, sagt Ulrich Pfeiffer lächelnd. Der Juni in diesem Jahr war der beste „Solar-Monat“ für die Genossenschaft, erklärt Friedhelm Koch. 4.500 Megawatt-Stunden wurden produziert. „Im Winter, wenn die Sonne scheint und die Leute heizen, das ist für uns optimal“, erklärt Hans-Jochen Henkel. Durch die Sonnenenergie wird der Strom für die gesamte Anlage selbst produziert, Überschüsse gehen ins Netz.

Neben dem Heizkraftwerk liegen Baumstämme und daumendicke Äste – eingezäunt. Einmal im Jahr kommt ein Industriehacker, der das alles mit einem 650 PS starken Gerät zerkleinert. „Durch den Holzabfall der Oberrospher decken wir 20 Prozent unseres Hackschnitzelbedarfs. Den Rest kaufen wir dazu“, so Hans-Jochen Henkel. Mit „wir“ meint er die Genossenschaft. Jedes Mitglied, das möchte, engagiert sich.

"Putztrupp" reinigt Anlagenraum

Die einen kümmern sich um die Logistik, die anderen darum, dass immer genügend Hackschnitzel für den Ofen im Verteiler sind. Andere wiederum sind für die Finanzen zuständig oder für Ordnung und Sauberkeit. Regelmäßig im Jahr findet sich der „Putztrupp“ zusammen, der dann den Anlagenraum penibel reinigt. Denn 1.000 Tonnen Holz produzieren auch zehn Tonnen Asche unterschiedlicher Art, die auch dementsprechend entsorgt werden müssen.

Die Abgase liegen auch heute schon weit unter den Grenzwerten, da sie durch Multizyklonenabscheider und elektronischen Filter mehrmals gereinigt und gefiltert werden. Das passiert, wie alles im Heizkraftwerk vollautomatisch.

"Unternehmen ohne Personalkosten"

Neben der Wärme durch das Verbrennen der Hackschnitzel verarbeitet das Heizkraftwerk auch das Gas aus der benachbarten Biogasanlage „Vor den Tannen“. Ein 12-Zylinder-Motor wird damit angetrieben und die Abwärme geht ebenfalls in den Kreislauf. Jegliche erzeugte Energie wird genutzt oder wieder verwendet.

„Wir sind ein Unternehmen ohne Personalkosten“, erklärt Hans-Jochen Henkel. „Und in zehn Jahren, wenn der Kredit abgelöst ist, haben wir hier die günstigsten Energiepreise Deutschlands“, ist er sich sicher.

Klimaretter-Tipps

  • Leben auf kleinem Fuß: Mit der Wohnfläche pro Kopf steigt auch der Energieverbrauch. Kleinerer Wohnraum ist daher eine Notwendigkeit unserer Zeit. Eine gesellige Form des Ressourcensparens bieten Wohngemeinschaften und gemeinschaftliche Wohnprojekte.
  • Bewusste Wohnortwahl: Je nach Wohnort ändert sich die Größe Ihres ökologischen Fußabdrucks beträchtlich. Ein Leben in der Stadt fußt auf bestehender Infrastruktur, Nahversorgung und Öffis. Ein Leben im Grünen ist dann nicht „naturnah“, wenn sich im Alltag die Fahrten mit dem Pkw vervielfachen.
  • Thermische Sanierung bei Altbestand: Undichte Fenster oder eine hohe Heizrechnung weisen darauf hin, dass eine Gebäudesanierung anstehen könnte. Sie erreichen damit Energieeinsparungen von bis zu 80 Prozent. Lassen Sie sich bei der Sanierung durch Länder und Bund unterstützen, etwa mit dem Sanierungsscheck. Wichtig dabei: auf ökologische Dämmstoffe achten!

von Katja Peters