Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Europawahl 2019 Subventionen für Insektenfreundlichkeit
Mehr OP extra Europawahl 2019 Subventionen für Insektenfreundlichkeit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:25 11.05.2019
Der Europa-Abgeordnete Martin Häusling (Grüne) referierte im TTZ in Marburg vor rund 50 Gästen.  Quelle: Katharina Petry
Marburg

„Klima- und Landwirtschaftspolitik sind Themen, die nicht zu unterschätzen sind“, beginnt der Europapolitiker Martin Häusling (Grüne) seinen Vortrag. „Deutschland bremst momentan auf Europäischer Ebene alles aus, was die Themen Landwirtschaft oder Verkehr ­
betrifft.“ Häusling wünscht sich einen Reformprozess, der auch innerhalb der Landwirtschaft zum Tragen kommt.

Im Rahmen einer Diskussionsreihe zur Europawahl lud die Marburger AG Demokratie und Transparenz der Partei Bündnis 90/Die Grünen am Sonntag ihren aktuellen Spitzenkandidaten für die kommende Wahl ins Technologie- und ­Tageszentrum Marburg ein, wo sich rund 50 Gäste interessiert zeigten.

„Unser global größtes Problem ist momentan das Artensterben“, erklärte Häusling. Rund 40 Prozent der Wildbienen und Schmetterlinge seien in den letzten Jahren verschwunden. Noch vor 20 Jahren sei die Insektenmasse in der Natur um 70 Prozent größer gewesen.

Um dem entgegenzusteuern, fordert Häusling, der selbst als Biobauer tätig ist, Felder insektenfreundlicher zu gestalten. Dafür sollte die EU ihre Agrar-Subventionen, die sich momentan auf 280 Euro pro Hektar belaufen, in Zukunft an Leistungen binden, die das Leben der Insekten fördern. ­
Eine übliche Anbaumethode­ wie Raps-Weizen-Gerste sei nicht zielführend, warnt Häusler. „Freuen Sie sich nicht so sehr über den Raps.“

Ein großes Problem sei aber auch die Getreidenutzung: „80 Prozent des Getreides wandert in den Futtertrog.“ Dies sei eine­ Konsequenz aus der massenhaften Tierzucht in Deutschland, die die Bundesrepublik an die Spitze der Schweinefleischexporteure brachte. Doch auch die Verlagerung der Landnutzung in den Globalen Süden sei keine Lösung, wie der EU-Politiker ausführte. Vor allem die Klimabilanz werde durch den Anbau von Soja in Ländern Südamerikas oder Afrikas enorm verschlechtert.

Häusling sagte, er sehe die Konsumenten in der Pflicht, ihren Konsum zu verändern und Qualität mehr zu schätzen. Gleichzeitig setze dies aber ein Umdenken voraus. Von großem Interesse war im Publikum außerdem das Thema internationale Kooperationen und Freihandelsabkommen. Häusling zeigte sich klar gegen die liberale Politik und bezeichnete sie als „einen großen Fehler“.

Sorgen bereitete dem Publikum außerdem das Land China. Landraub in afrikanischen Ländern war dabei ein Stichwort. Häusling sieht vor allem die strategische Vernetzung und überdimensionale Nachahmung als Problem. „Dort gibt es Milchfarmen mit über 100 000 Kühen“, erklärte er.

Durch die neue Seidenstraße verschaffe sich die Nation global mehr Macht, darauf müsse Europa reagieren. „Mich nervt die Unterwürfigkeitshaltung der europäischen Politiker“, so Häusling. Europa habe noch keine Strategie gegen China entwickelt.
Generell wünschte sich der Landwirt mehr Aufmerksamkeit für regionale Entwicklungen. Die Exportorientierung innerhalb der Landwirtschaft sei ein Kardinalfehler. „Unsere Industrie schmückt sich damit, dass sich mehr Menschen in Afrika Hähnchen leisten können“, so Häusling.

Mit fairem Handel habe dies jedoch nicht viel zu tun. Vielmehr sollten seiner Meinung nach mehr regionale Verarbeitungs- und Vermarktungsstellen aufgebaut werden.

Der Rückgang an Bäckern und Metzgern sei ein Problem. Auch die Diskussion um den Marburger Schlachthof, der 2014 geschlossen wurde, sah er kritisch. „Wir müssen zu einer Landwirtschaft zurückkommen, die sich ihrer Grundlagen bewusst ist“, so formulierte Martin Häusler einen seiner Lösungsansätze.

Das heiße auch, mehr lokal zu denken, in der Konsequenz weniger Fleisch zu essen und eine Preissteigerung bei Lebensmitteln in Kauf zu nehmen. „Wer sich für globalisierten Handel in der Landwirtschaft ausspricht, spricht sich auch für billige Preise aus“, so Häusling.

von Katharina Petry