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30 Jahre Mauerfall "Sehnsuchtsorte" für Hunderttausende
Mehr OP extra 30 Jahre Mauerfall "Sehnsuchtsorte" für Hunderttausende
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18:00 05.11.2019
Der Eingangsbereich der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung am Meisenbornweg, die im September vergangenen Jahres geschlossen wurde. Quelle: Carolin Eckenfels
Gießen

Bis zum September vergangenen Jahres war die Gegend um den Hauptbahnhof in Marburgs südlicher Nachbarstadt der „Sehnsuchtsort“ für insgesamt eine Million Menschen, die ihre Heimat verloren hatten. Die ersten Flüchtlinge kamen ab 1946 in Mittelhessen an und fanden in den Baracken ein erstes, vorübergehendes Zuhause.

Dann bevölkerten ab November 1989 Bürgerinnen und Bürger aus der DDR die Unterkünfte, bevor Anfang der 1990er-Jahre es dann ­Bürgerkriegsflüchtlinge aus Jugoslawien waren, ­denen der mittlerweile aus Wohnblocks bestehende Meisenbornweg Unterkunft bot.

Lange Zeit waren die Unterkünfte dann dort mehr oder weniger verwaist, bis ab 2015 erneut Flüchtlinge nach Deutschland kamen – Syrer, Afghanen, Menschen aus Somalia, Eritrea und anderen afrikanischen Staaten, in deren Herkunftsländern Bürgerkriege tobten oder die Lebensumstände aus anderen Gründen verheerend genug waren, um der Heimat den Rücken zu kehren.

"Zeitweise waren 6.000 Leute dort"

Doch 1989 wie 2015 stand auch der Marburger Stadtteil Cappel im Fokus der Flüchtlingsthematik: Im dortigen Ausbildungszentrum der Feuerwehr fanden nach dem Mauerfall 60 Übersiedler aus dem „anderen Teil Deutschlands“ eine vorübergehende Bleibe.

Am 10. November 1989 berichtete die OP über die logistischen Vorbereitungen auf die Ankunft der DDR-Umsiedler. Johann Kroboth von der Hessischen ­Jugendfeuerwehr sagte damals: „Wir haben in unserem Ausbildungszentrum Dreibettzimmer eingerichtet, die noch menschenwürdiges Wohnen gestatten.“ Man stelle sich hauptsächlich auf Familien ein, ergänzte Kroboth.

Einen Tag später war es dann so weit: Mit einem Bus und wenigen Privat-Pkw erreichten 60 Männer, Frauen und Kinder vom Gießener Meisenbornweg aus Cappel. Viele von ihnen hatten davor tagelang in der deutschen Botschaft in Prag ausgeharrt: „Zeitweise waren 6.000 Leute dort“, erinnerte sich Frank Wiegand im Gespräch mit der OP: „Da haben wir uns das Drängeln abgewöhnt.“

„Egal wo, wir wollen einen Neuanfang machen“, diktierten die Ankömmlinge ­OP-Reporter Klaus Wege seinerzeit in den Block, während Hessens damaliger Kultusminister Dr. Christean Wagner (CDU) und Marburgs Oberbürgermeister Dr. Hanno Drechsler (SPD) bei einem gemeinsamen Imbiss den Neu-Cappelern unbürokratische Hilfe beim Zurechtfinden in der Stadt zusagten.

Im Rathaus geht das Begrüßungsgeld aus

Unterdessen bereiteten Soldaten der Panzerbrigade 14 in der Neustädter Ernst-Moritz-Arndt-Kaserne zusätzliche Plätze für bis zu 350 Menschen aus Deutschlands Osten vor – wie dringlich jedes Bett gebraucht würde, zeigte die Schlagzeile der OP-Titelseite vom Montag nach dem Mauerfall: „Über 2.000.000 DDR-Besucher brachen über Berlin und die Bundesrepublik herein“.

In Marburg hatte sich das am Wochenende unter anderem darin gezeigt, dass dem Rathaus die Banknoten für die Auszahlung des Begrüßungsgeldes ausgingen und der städtische Hauptabteilungsleiter Hans Reiner Mudersbach mehrfach zur Sparkasse gehen musste, um „Nachschub“ zu holen.

Ein Teil des Begrüßungsgeldes wurde direkt auf dem Marktplatz reinvestiert – spätestens, als nach einem Rundruf des Einzelhandelsverbands-Geschäftsführers Heiner Dippel viele Geschäfte am Samstagnachmittag wieder ihre Pforten öffneten und sogar ein Lkw mit Südfrüchten auf den Platz vor dem Rathaus rollte.

Windpocken brechen im Cappeler Zeltcamp aus

Zeitsprung in den Sommer 2015: An der Cappeler Umgehungsstraße entsteht eine Zeltstadt, in der Mitte Juli die ersten Flüchtlinge ankommen. Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) appelliert an die Cappeler, ohne Vorurteile auf die Menschen zuzugehen. Hunderte von freiwilligen Helferinnen und Helfern ­organisieren sich, um die ankommenden Menschen zu unterstützen.

Von Kleiderspenden über Sprachunterricht bis hin zu Kinderbetreuung sowie Hilfen bei Behördengängen oder beim Einkauf reicht die Palette der Angebote, die die Ehrenamtlichen leisten. Bei allem Engagement wird deutlich: Das Zeltcamp kann nur ein Provisorium sein, spätestens zum Winter müssen an der Umgehungsstraße feste Häuser stehen.

Doch selbst im Sommer zeigt sich bereits, wie kritisch die Unterbringung der vielen Menschen in Großzelten ist, als dort Windpocken ausbrechen. Die Folge: ein vorläufiger Aufnahmestopp. Auch in Neustadt werden parallel Flüchtlinge in einer Außenstelle der Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht – ein ehemaliges Kasernengebäude ist für die Aufnahme von bis zu 800 Menschen ausgelegt.

"Nichts ist normal"

Zurück in den November des Jahres 1989, in dessen Verlauf der Umgang mit dem Ansturm hunderttausender Besucher aus der DDR – jenen, die nur mal Westluft schnuppern, aber auch jenen, die im Westen eine neue Heimat finden – zur Normalität zu werden schien.

„Nichts ist normal“ lautete der Titel des „Themas der Woche“ in der Oberhessischen Presse vom 18. November – OP-Redakteur Günther Koch schrieb seinerzeit unter anderem: „Die Veränderungen in der DDR haben sich seit gut einer Woche auch bei uns bemerkbar gemacht: Übersiedler im Ostkreis und in Cappel, Hundertschaften von ostdeutschen Tagesbesuchern in Marburg … eine Herausforderung an uns.“

Weiter berichtete Koch von einer „Welle der Hilfsbereitschaft“ und resümierte: „Wir können noch viel lernen von dem, was im Augenblick geschieht … Wer das Gefühl, frei zu sein, noch nicht so lange kennt, braucht Luft erst einmal, um zu atmen.“ Dem ist – bei der Rückschau auf das Jahr 1989 wie beim Blick auf die Jahre 2015 und 2016 – wenig hinzuzufügen.

von Carsten Beckmann

KalenderBlatt

5. November 1989

Berlin. Hunderttausende demonstrieren
In einer für die DDR bisher einmaligen Massendemonstration haben in Ost-Berlin Hunderttausende den alleinigen Machtanspruch der kommunistischen SED in Frage gestellt und zu weitreichenden Veränderungen aufgerufen. An der friedlich verlaufenen Demonstration nahmen nach Veranstalterangaben mehr als 500.000 Menschen teil – andere Schätzungen gehen sogar von einer Millionen Teilnehmer aus. Auch in zahlreichen anderen Städten demonstrierten mehrere zehntausend Menschen für mehr Freiheitsrechte.

Wilna. Neue Gesetze in Litauen verabschiedet
Die baltische Sowjetrepublik Litauen hat weitere Schritte auf dem Weg zu größerer Selbständigkeit von Moskau unternommen. Der Oberste Sowjet in Wilna verabschiedete Gesetze über eine Staatsbürgerschaft und über Volksabstimmungen, mit deren Hilfe künftig über wichtige Fragen der Republik, einschließlich eines möglichen Austritts aus der UdSSR, entschieden werden kann.     

Marburg. 150 Aus- und Umsiedler in diesem Jahr
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