Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
30 Jahre Mauerfall Wende: "Millionen Träume sind zerplatzt"
Mehr OP extra 30 Jahre Mauerfall Wende: "Millionen Träume sind zerplatzt"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 07.11.2019
Der Grenzübergang an der Autobahn A4 bei Wartha kurz vor Herleshausen: Hier war vor dem 9. November 1989 nur Transitverkehr. Quelle: Norman Meißner
Marburg

Das Tagebuch von Margot Friedrich ist ein authentisches Dokument“, schrieb der damalige OP-Chefredakteur Paul-Josef Raue anlässlich der Publikation des „Eisenacher Tagebuchs der Revolution“ durch die Redaktion der Oberhessischen Presse und der Schwesterzeitung Eisenacher Presse (RP) als EP-Report im Jahr 1991. Aus Raues Sicht waren es „spontane Notizen als Orientierung in einer unruhigen Zeit“.

„Was für eine Zeit! Manchmal denke ich, eine Epoche beginnt zu schwanken“, notierte die Eisenacher Schriftstellerin bereits in dem ersten der veröffentlichten Tagebuch-Einträge von 29. September 1989, als im Fernsehen die Bilder von 6.000 DDR-Bürgern in der Prager Botschaft gesendet wurden. Damals begannen in Eisenach gerade die vierten Umwelttage.

In der Folgezeit schreibt Margot Friedrich nieder, wie sich die revolutionären Ereignisse der Wendezeit in Eisenach – der Marburger Partnerstadt – abspielten. „Das Volk ist in wenigen Städten so früh aufgewacht wie in der Grenzstadt Eisenach“, urteilte Paul-Josef Raue.

Notizen ein Teil einer "Überlebensstrategie"

Margot Friedrich war eine Mitgründerin des Demokratischen Aufbruchs in Eisenach und in der ganzen DDR. In ihrem Tagebuch berichtet sie, wie die Ereignisse sich wenige Wochen vor dem weltpolitischen Datum des 9. November 1989 auch in Eisenach überschlugen.

Für sie waren die Notizen auch Teil einer „Überlebensstrategie“ in den unruhigen Zeiten, als ihr Sohn zu den ausreisenden DDR-Bürgern in Prag zählte und ihre Tochter bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig mit dabei war.
Eindrucksvoll ist der Bericht vom ersten Friedensgebet in der Georgenkirche am 19. Oktober 1989, an dem „unglaubliche Menschenmassen“ teilnahmen. Geschätzt waren in und vor der Kirche rund 5.000 Menschen dabei.

Die Autorin schreibt: „Es ist schon komisch: Wir machen hier so eine Art Revolution nach 17 Uhr. Die Leute gehen arbeiten, dann zum Friedensgebet, also der Einstieg in die Politik, eine Revolution nach Feierabend. Wir sind und bleiben ordentliche Leute.“

Donnerstag, 9. November 1989: Dieser Tag spielt eine zentrale Rolle in dem Tagebuch. Margot Friedrich schreibt zunächst über eine fröhliche Feier mit Freunden. Dann berichtet sie darüber, wie sie den geschichtsträchtigen Tag in Eisenach erlebt:

Ausweis wird zu historischem Dokument

„Aber Fernsehen war so wichtig, dass wir trotz des Besuches die Nachrichten sahen. Schabowski zog den Zettel aus der Tasche, eher beiläufig, auch verunsichert – so mein Eindruck – und verlas den holprigen Text. Das Verwunderliche war, F. begriff auf der Stelle, was das zu bedeuten hatte. Sie brach in Tränen aus. Ich brauchte länger; mir schien es zu unfassbar. Eine Täuschung. Wir suchten fieberhaft nach anderen Nachrichten, überall dieselbe Meldung: Die Grenze ist auf. Ich spürte keine Angst, eher eine ungeheure Erleichterung, ein ungläubiges Staunen. Wir lagen uns in den Armen. Nein, dieser Tränen schämten wir uns nicht.“

Dann beschreibt sie, was sich in Eisenach auf der Straße abspielte. Und das liest sich so: „Es ist scheußlich kalt, mondhell und ein dicker Smog. Die Stadt ist menschenleer. Wir gehen auf dem kürzesten Weg zur Polizei. Wir sind in einer totalen Hochstimmung. Am Predigerkloster kommt uns ein Auto in scharfem Tempo entgegen, ein alter Wartburg, die Scheibe wird heruntergedreht und eine heisere Männerstimme brüllt: „Freiheit!“ Ich bekomme Gänsehaut. Bis zur Polizei begegnet uns niemand mehr.

Man geht hierzulande zeitig schlafen, um morgens wieder frisch zu sein. An der Polizei, draußen, ein paar frierende Leute, vielleicht zehn. Jeder erzählt, wie die Nachricht auf ihn gewirkt hat. „Meine Kirsche“, sagt ein junger Arbeiter, „meinte, ich spinne“. Vielleicht spinne ich ja wirklich. F. trifft Freunde, die mit dem Auto kommen. Sie fahren zur Grenze, um Erkundigungen einzuziehen. Vorher nach Hause, um ihren Pass zu holen. Dann hält ein Trabi, die jungen Leute haben Gepäck dabei. „Wir fahren“, rufen sie. „Jetzt doch nicht mehr,“ sagt einer. „Ihr glaubt das wohl“, fragt die junge Frau zurück. Sie fahren laut hupend ab. Betretenes Schweigen, aber dann schütteln alle diese Begebenheit ab. Wir frieren, einer lässt eine Schnapsflasche kreisen.

Wir trinken alle. Fränze kommt und berichtet vom Grenzausflug. Auch dort Freundlichkeit und Verwirrung. Ich fahre rasch nach Hause, hole Fränzes Wintermantel und koche Kaffee, ein Rest Cognac ist auch noch da, ebenso Schokolade. Wie zu einem Abenteuer. Aber keiner weiß ja, wie lange sie warten müssen. F. sagt: „Das ist ein historischer Augenblick“. Den will ich nicht verschlafen. F. kommt am Morgen gegen 10 Uhr nach Hause. Und sprudelt. Sie konnten kurz nach Mitternacht losfahren. An der Grenze bekam sie ihren Stempel neben das Passbild. Ihr Ausweis ist zu einem historischen Dokument geworden.“

Im Anschluss an die ausführliche Schilderung dieses Tages folgt noch eine kurze Analyse. So schreibt Margit Friedrich: „Die Menschen haben sich wiedervereinigt – hier bleibt das Wort stehen, weil es stimmt – was politisch folgen wird, ahne ich kaum. Aber das ist nicht mehr rückgängig zu machen.“

Die Idee einer Reformation ist letztlich verpufft

Im Tagebuch folgt noch die Beschreibung der turbulenten Nachwendewochen und -monate bis zum 18. März 1990. Notiert werden unter anderem die Besetzung der Eisenacher Stasi-Zentrale, der Besuch von Willy Brandt in Eisenach oder die ersten Versuche der Aufarbeitung des SED-Regimes vor Ort.

30 Jahre später befragte die OP Margot Friedrich dazu, was die friedliche Revolution Wert war. Ihre Antwort fällt zwiespältig aus. „Ich hätte nichts mehr von der alten DDR haben wollen“, macht die jetzt in Erfurt lebende Schriftstellerin zunächst deutlich.

Die Mitgründerin des Demokratischen Aufbruchs in der DDR betont aber auch, dass die damalige Idee von ihr und ihren Mitstreitern von einer Reformation der DDR sich schon bald nicht habe verwirklichen lassen. „Es sind Millionen Träume zerplatzt und das Engagement ist eigentlich verpufft“, zieht Margot Friedrich also auch eine negative Bilanz der Folgen der friedlichen Revolution in der DDR.

Am Montag, 18. November, ab 19 Uhr, wird Margot Friedrichs Tagebuch in einer szenischen Lesung im Eisenacher Landestheater aufgeführt. Die Schauspielerin Annekatrin Schuch-Greiff und ihr Kollege Alexander Beisel tragen die Texte vor. Zwischendurch wird jeweils die Präsentation unterbrochen, sodass Zuhörer in der Pause ihre eigenen Gedanken einbringen können.

„Die Texte rufen Erinnerungen an die Jahre 1989 und 1990 wach und ermutigen das Publikum, eigene Gedanken zur friedlichen Revolution einzubringen“, heißt es dazu in der Ankündigung des Abends. Organisiert wird die Veranstaltung vom Landesbeauftragten des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Heinrich-Böll-Stiftung Thüringen und dem Heimatbund Thüringen in Kooperation mit dem Theater. Für Dramaturgin Dr. Juliane Stückrad, zur Wendezeit 14 Jahre alt, war das mehrmalige Lesen des Tagebuchs auch ein emotionaler Akt, denn eine Menge verschütteter Erinnerungen seien wieder aufgetaucht.

von Manfred Hitzeroth

KalenderBlatt

7. November 1989

Berlin. Das neue Reisegesetz in der DDR stoppt Flüchtlingsstrom nicht
Knapp zwei Monate nach Beginn der Massenflucht aus der DDR hat die Ostberliner Führung unter Staats- und Parteichef Egon Krenz ein neues Reisegesetz öffentlich zur Diskussion gestellt. Es gewährt jedem DDR-Bürger Reisen für 30 Tage pro Jahr in ein Land seiner Wahl. In DDR-Bürgerrechtskreisen und bei bundesdeutschen Politikern stieß der Entwurf jedoch auf Skepsis. So ist für die Ausreise mit einer längeren Genehmigungsfrist zu rechnen. Der Strom der Ausreisenden über die CSSR hielt auch gestern an.
Berlin. Sicherheitskräfte wollen ihre Arbeit überprüfen
Der Staatssicherheitsdienst in der DDR hat einen eigenen Beitrag zur politischen Wende angekündigt. Generaloberst Rudi Mittig, stellvertretender Minister für Staatssicherheit, erklärte im SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“, die Staatssicherheit wolle „gründlich überprüfen, inwieweit die Arbeit den gegenwärtigen und absehbaren Bedingungen noch entspricht“. Mittig bedauerte „Befugnisüberschreitungen und Überreaktionen von Angehörigen unseres Organs“ bei den Demonstration Anfang Oktober und kündigte Konsequenzen an.     

Stadtallendorf. Vollmer fühlt sich in Rechten beschnitten
Umsetzungen und Versetzun-gen von Arbeitern, Angestellten und Beamten innerhalb der Stadtverwaltung und der Stadtwerke sollen künftig in die Kompetenz des Magistrates fallen. Einen entsprechenden Antrag haben SPD und AGS im Stadtparlament verabschiedet. Bürgermeister Manfred Volmer (CDU) sieht sich in seinen Rechten beschnitten und will diesen Beschluß beanstanden.