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30 Jahre Mauerfall Volkseigentum für nichts
Mehr OP extra 30 Jahre Mauerfall Volkseigentum für nichts
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20:00 06.11.2019
Erst zugewachsen, dann abgerissen: Das Hauptgebäude der Bergwerksmaschinenfabrik Dietlas. Quelle: Matthias Mayer
Marburg

„Ich bin Bergmann. Wer ist mehr?“, pflegten die Männer zu sagen, die das „Weiße Gold“ in den Gruben an der Felda und an der Werra aus bis zu 1.000 Meter Tiefe ans Tageslicht holten und der DDR wichtige Devisen einbrachten. Mit ihnen zuckelten auf dem Gleis der Feldabahn weitere Werktätige ihren Betrieben entgegen. Da gab es das Werk Alfi. Das hier produzierte Aluminiumgeschirr fehlte in keinem DDR-Haushalt.

Einige Kilometer abwärts wird die Belegschaft des VEB Rhönglas in Dermbach erwartet – ebenso die Mitarbeiter in der Korkfabrik, während im benachbarten Stadtlengsfeld die 200 Mitarbeiter der Brotfabrik längst mit dem Backen der Semmeln beschäftigt sind. Ein paar Schritte weiter gehen die Porzelliner stolz durch das Portal der 100 Jahre alten Porzellanfabrik. Hier werden Gebrauchsporzellan und hochwertiges Porzellan produziert.

680 Menschen ­haben Lohn und Brot. Unterhalb von Stadtlengsfeld verjüngt sich das Feldatal. Dietlas ist ein langes Straßendorf mit einem gewaltigen Betrieb: Die Bergwerksmaschinenfabrik mit ihren beiden großen Schloten. Wer hier arbeitet, produziert große Maschinen, die den Bergleuten das Leben erleichtern. Die Bergleute im Zug steigen erst in den nächsten beiden Bahnhöfen aus.

Das Grundübel der deutschen Einheit

Über dem Dorndorfer Bahnhof schweben an einer Seilbahn Loren mit Rohsalz, die auf dem Berg in der Grube Springen automatisch befüllt und im Tal in der chemischen Fabrik geleert und verarbeitet werden. Endstation ist das Kalibergwerk Merkers, das einst das größte seiner Art weltweit war, bis zu 10.000 Menschen beschäftigte und von außen wie eine riesige Burg aussieht.

Was haben diese Betriebe gemeinsam? Es gibt sie seit vielen Jahren nicht mehr. Das gilt sogar für die Feldabahn. Das muss man wissen, wenn man auch noch 30 Jahre nach dem Fall der innerdeutschen Grenze mit den Menschen in diesem lieblichen Teil der Rhön über ihre Befindlichkeiten spricht.

Da kommt immer wieder das Grundübel der deutschen Einheit auf dem Tisch, für das niemand etwas kann: Die Bundesbürger haben 40 Jahre Privateigentum geschaffen. Die DDR-Bürger schufen dagegen 40 Jahre lang Volkseigentum. Als dann im Osten Immobilien auf den freien Markt kamen, griffen die Bundesbürger zu. Die ehemaligen DDR-Bürger hatten in dieser Goldrausch-Stimmung mangels Masse keine Chance, auf diesem Markt mitzubieten.

Daraus erwächst das zweite Grundübel. Gelernte DDR-Bürger mussten erfahren, dass sie in 40 Jahren kein Volkseigentum geschaffen haben, sondern nichts. Wenn der eigene Betrieb in Schutt und Asche fällt, bleibt ein Nichts. Wer so denkt, ist meist vom westlichen System enttäuscht und möchte seine DDR wiederhaben. Obwohl klein, gibt es diesen Kreis.

Betriebe wurden in 
die Insolvenz geführt

Munition für diese Haltung haben sie nach der Wende genug bekommen, als die Investoren die Förderung einsteckten, um Betriebe alsbald in den Konkurs zu führen. Wer weiß, wie sehr Solidarität und Kollegialität in den DDR-Betrieben von der Belegschaft groß geschrieben wurden, kann nachvollziehen, was das Ende des eigen Betriebs allein schon für das eigene soziale Umfeld der Betroffenen bedeutet.

Selbst das große Kaliwerk in Merkers mit seinen 5.000 Kilometer langen Strecken hat es nicht in die Marktwirtschaft geschafft. Die schlichte Begründung der Treuhand für das Aus: Das Werk ist einfach zu groß. Immerhin bescheinigte die Treuhand dem Werk, mit 14,96 Prozent den größten K2O-Wert zu haben. Der Rest des geförderten Salzes besteht aus wertlosen Steinsalz.

1993 tobte der Kampf um die Thüringer Werke. Vielleicht zu heftig für einen Treuhand-Direktor. Der schrieb handschriftlich auf dem Titelblatt zum Thema: „Umstrukturierungsprozess an den Kalistandorten Merkers und Bischofferode“ vom 20. September 1993 auf Seite 135 des knapp 1.100 Seiten starken Werks: „Könnten wir nicht publik machen, wie viel in Merkers schon geschehen ist. 800 Arbeitsplätze.“ Was er unterließ: Es handelte sich um Abfallentsorgung. Ich bin Bergmann. Wer ist mehr? Heute wird das Merkerser Kali von Hessen ausgebeutet.

Die Bergwerksfabrik gibt es auch nicht mehr. Sie ist verschwunden. An ihrem Platz steht eine große Photovoltaikanlage. Die braucht keine 600 Mitarbeiter. Für die jüngere Generation gibt’s das Thema DDR nicht mehr und ab 50 hat fast jeder seinen Platz für sich gefunden.     

von Matthias Mayer

KalenderBlatt

6. November 1989

Prag. DDR-Bürger nutzen freie Ausreise über die CSSR
Weit über 10 000 Menschen aus der DDR sind am Wochenende ohne besondere Formalitäten über die Tschechoslowakei in die Bundesrepublik ausgereist. Zum ersten Male hatte die DDR-Führung ihren Bürgern an der Mauer und Stacheldraht vorbei den direkten Weg in den Westen freigegeben. Diese Möglichkeit besteht nach Darstellung der Prager DDR-Botschaft bis zum Inkrafttreten eines neuen Reisegesetzes.

Amöneburg. Magistrat soll Übersiedlern Wohnungen zur Verfügung stellen
Für den Fall, dass DDR-Übersiedler in Amöneburg an die Tür des Rathauses klopfen, soll der Magistrat 5.000 Mark für die Renovierung einer angemieteten Wohnung in der Dr.-Max-Ehrenpfordt-Straße bereitstellen. Dies hat der Bauausschuß einstimmig beschlossen. Es handelt sich um Räume, die die Stadt bisher zur Unterbringung von Obdachlosen gemietet hatte und die sich in einem sehr schlechten Zustand befinden.     

Marburg. VfL mit klarem Erfolg gegen den PSV Trier
Zu einem standesgemäßen und nie gefährdeten 82:69 (44:34)-Erfolg kamen die Regionalliga-Basketballerinnen des VfL Marburg. Eigentlich hätte der Erfolg noch deutlicher ausfallen müssen, denn schönen Aktionen im Angriff folgten oft Unachtsamkeiten in der Verteidigung, so daß der Gast eigentlich nie hätte 69 Punkte erzielen dürfen. VfL-Youngster Gesine Berger spielte selbstbewußt auf und erzielte 6 Punkte. Weiter spielten für den VfL Marburg: Isa Hofmann 2, Birte Stücker 8, Bea Mühlberger 6, Tanja Mengel, Nele Reccius 12, Diana Morschhäuser 13 und Cornelia Günther 35.