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30 Jahre Mauerfall Geschichten vom Planstaat im Gepäck
Mehr OP extra 30 Jahre Mauerfall Geschichten vom Planstaat im Gepäck
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14:44 11.11.2019
Christel Bobenau hält die Erinnerungsstücke der thüringischen Verwandtschaft in Ehren – wie die beiden Nussknacker sowie das Kaffeeservice Made in GDR (German Democratic Republic), das sie zur Silber­hochzeit erhielt. Quelle: Silke Pfeifer-Sternke
Lohra

Nur Stunden nachdem die Mauer am 9. November 1998 gefallen war, knatterten die erstem Autos aus dem Osten auf den Hof der Familie Bobenau in der Bahnhofstraße 16 in Lohra. Einen Monat zuvor waren Bobenaus noch „drüben“ gewesen, sind aber zwei Tagen früher abgereist – aus Sorge, nicht mehr raus zu kommen. Die Stimmung war extrem aufgeheizt.

Vier Wochen später ­hörte Christel Bobenau im Fern­sehen Günter Schabowskis Rede zur Grenzöffnung. Damit wurde ihre Familiengeschichte neu geschrieben. Wie an Silvester 1989. Bobenaus fuhren mit Freunden aus Lohra nach Herges-
Hallenberg und feierten den Jahreswechsel zum ersten Mal gemeinsam mit der Familie im Osten. „Wir haben lange darauf gewartet“, sagt Christel Bobenau.

Der Liebe wegen zog Christel Bobenaus Mutter noch vor Kriegsende von Thüringen nach Hessen. Mit dem Bau der Mauer war ab 1961 der Weg raus aus Thüringen versperrt und rein in den Osten erschwert. Bobenaus durften nur auf Einladung der Tante in den Osten reisen. Sie mussten sich polizeilich an- und abmelden. Pro Tag und pro Person waren 25 D-Mark in 25 Ost-Mark zu tauschen. „Dafür konnte man eigentlich nichts kaufen. Oft haben wir die Verwandten davon zum Essen eingeladen“, erinnert sich Christel Bobenau.

Der Grenzübertritt verlief nicht immer reibungslos. Einmal wurde Bobenaus Auto an der deutsch-deutschen ­Grenze vier Stunden lang komplett ­auseinandergenommen. ­„Alles musste raus. Es wurden sogar die Zahnpastatuben und die Kaffeepäckchen durchsucht“, sagt Christel Bobenau. 

Überhaupt war vieles anders als im Westen

Und es gab viel zu kontrollieren, denn zum Besuch in Thüringen war das Auto der Lohraer immer voll beladen – zweimal sogar mit Badfliesen, die über die Grenze mussten, damit die Verwandten im Haus renovieren konnte. Für Christel Bobenau war und ist ein Besuch in Herges-Hallenberg wie Heimkommen. Als Dreijährige betrat sie zum ersten Mal den Boden der Deutschen Demokratischen Republik (DDR).

Die 73-Jährige fährt regelmäßig in den gut 200 Kilometer entfernten Ort – im Gepäck schöne Familiengeschichten und die skurrilen Erinnerungen an den Planstaat. Als ihr Sohn ein Jahr alt war, stellte sie fest, dass es in den beiden deutschen Staaten in der Versorgung gravierende Unterschiede gibt.

Dass dies zum Problem werden könnte, ­daran hatte sie nicht gedacht. Drüben gab es weder haltbare Milch noch Babygläschen. Die beim Nachbarn eilig organisierte frische Kuhmilch war am zweiten Tag bereits sauer und statt Gläschen musste kleinkindgerecht gekocht werden. Der nächste Besuch im Osten bedurfte einer besseren Planung.

Überhaupt war vieles anders als im Westen. Man konnte auch nicht einfach telefonieren. Das Gespräch musste 24 Stunden vorher angemeldet werden. „Wir saßen stundenlang am Telefon und haben darauf gewartet, miteinander sprechen zu können“, sagt Christel Bobenau. Es ging erst los, wenn der thüringische Gaststättenbesitzer zu den Verwandten rüber lief und sagte: „Lohra ist am Apparat.“

Drei Jahre nach Mauerfall wird Partnerschaft besiegelt

Hin und wieder kam es vor, dass Bobenaus Ablehnung zu spüren bekamen; wenn das Paar zum Beispiel Handschuhe im Schaufenster sah und kaufen wollte, lautete die Antwort der Verkäuferin: „Das geht nicht, das ist Auslegware.“ Ähnliche Antworten beim Schlendern durch die Geschäfte waren häufig zu hören.

„Das war halt so“, erinnert sie sich. Es ging aber auch anders: Ihr Mann liebte Bücher und kaufte gern im Osten in einem ganz bestimmten Buchladen. Die Zeugnisse dieser Leidenschaft überdauern bei Christel Bobenau in den Bücherregalen im Wohnzimmer.

Ihre Heimatverbundenheit hat die 73-Jährige auch außerhalb der Familie gelebt. In ihrer Funktion als Gemeindevertreterin initiierte sie die Städtepartnerschaft von Lohra mit dem Heimatort ihrer Mutter Herges-Hallenberg. Die Partnerschaft wurde drei Jahre nach dem Mauerfall (1992) offiziell besiegelt. Schon Jahre zuvor klopfte Christel Bobenau beim damaligen Bürgermeister der Stadt Steinbach-Hallenberg an, wurde aber abgewimmelt.

Eine Partnerschaft mit einer Stadt aus dem kapitalistischen Westen sei verpönt gewesen, sagt sie. Die 73-Jährige erinnert sich an einen zweiten Versuch vor dem Mauerfall. Ein Treffen fand nicht auf offiziellem Terrain im Rathaus, sondern bei den Verwandten im Wohnzimmer statt – es blieb aber bei der Absage zur Städtepartnerschaft.

Wenige Monate nach der Grenzöffnung war der kapitalistische Westen nicht mehr der Feind. So kam es, dass die ­Lohrarer der Einladung aus Herges-Hallenberg, einem Ortsteil von Steinbach-Hallenberg, gefolgt sind. Zwei Jahre später wurde die Städtepartnerschaft, die bis heute Bestand hat, beurkundet.

von Silke Pfeifer-Sternke

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