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30 Jahre Mauerfall Die Stasi war mitten in der Familie
Mehr OP extra 30 Jahre Mauerfall Die Stasi war mitten in der Familie
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20:00 08.11.2019
Brigitte Thieme (links) im Gespräch mit OP-Redakteurin Katja Peters. Die Erinnerungen an ihre eigene Flucht 1960 und die Familienbesuche in der DDR wühlen sie heute noch auf.  Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Die Erinnerungen an ihre Flucht treiben Brigitte Thieme heute noch die Tränen in die Augen. Sie muss ganz tief Luft holen, wenn sie von der Bahnfahrt am 30. Dezember 1960 nach West-Berlin erzählt. 59 Jahre ist das jetzt her. Dass 1989 die Grenzen mal geöffnet werden, damit haben sie und ihre Familie nie gerechnet.

Sie hatten es gut Ende der 1950er-Jahre in Sachsen. Brigitte Thieme und ihr Mann Heinz lebten in Leipzig, hatten ihr kleines Häuschen an der Blumenstraße mit dem großen parkähnlichen Garten. Tochter Nora war schon geboren, mit den Nachbarn hatte man sich angefreundet. Jedoch wurde Heinz Thieme immer „einsilbiger“, erinnert sich die heute 88-Jährige. „Es ist besser, wenn Du es nicht weißt“, soll er immer gesagt haben.

Doch irgendwann ging es nicht mehr. „‚Ich halte es nicht mehr aus‘, hat er zu mir gesagt“, erinnert sich Brigitte Thieme. Die Staatssicherheit hätte seinen Schreibtisch durchsucht, ihn in seinen Aufgaben als Ingenieur beschnitten, ihn immer wieder unter Druck gesetzt, doch seine Mitarbeiter und Kollegen auszuhorchen und darüber zu berichten. „Niemals hätte mein Mann so etwas getan. Er war viel zu ehrlich und gerade. Eher hätte er sich einsperren lassen.“

"Das war so aufregend damals"

Bei Thiemes reift der Gedanke zur Flucht. Mit dem Zug ging es am 30. Dezember 1960 nach Berlin. Zwei Mal wurden die Fahrkarten kontrolliert, ein Mal gefragt, was das Ziel der Reise sei. Sie sagten: ein Besuch bei Freunden in Ostberlin. Dort stiegen die Thiemes in die S-Bahn und fuhren gen Westen. „Das ist der letzte Bahnhof in Ostberlin. Wer keine Berechtigung hat, muss aussteigen“, erinnert sich Brigitte Thieme noch an die Durchsage an der Haltestelle.

Sie und ihr Mann holten tief Luft und blieben einfach sitzen. „Wenn ich das erzähle, pocht mein Herz ganz doll. Das war so aufregend damals“, sagt sie und wischt sich die Tränen weg. Zwei oder drei Stationen fuhren sie weiter, nach Marienfelde, wo das große Aufnahmelager war. Es war bitterkalt, ein Tag vor Silvester.

Zwei Jahre hat es dann noch gedauert, bis die Familie in Marburg endlich „angekommen“ war. Im September 1961 kam die zweite Tochter in Marburg zur Welt, gelebt haben die Thiemes allerdings da noch in Stadtallendorf im Flüchtlingsheim an der Posener Straße. „Ich war also schon schwanger, als wir aus Leipzig weg sind. Ob wir gestartet wären, wenn ich das damals schon gewusst hätte – ich weiß es nicht.“

1970 besuchte sie zum ersten Mal ihre Eltern in ihrer Heimat Schleusing. Und sie lernte ihren Schwager Fritz kennen – ein Informeller Mitarbeiter bei der Stasi, der auch seinen Schwiegersohn später anwarb. Noch heute läuft es ihr kalt den Rücken runter, wenn sie Berichte über die Stasi im Fernsehen sieht, oder sie sich an eigene Begebenheiten erinnert.

Ost und West müssen noch weiter zusammen wachsen

Wie bei dem Besuch 1981. Schon auf der Hinfahrt hatte sie Bauchschmerzen. „Die hatte man immer, wegen der Angst“, sagt Brigitte Thieme. Später wurden diese aber so schwer, dass ein Hausarzt sie in ein Krankenhaus schickte. Aber sie lehnte ab, wollte zurück nach Westdeutschland und sich dann in Fulda, kurz hinter der Grenze, behandeln lassen. Der Arzt stellte extra noch eine Bescheinigung für die Grenzkontrolle aus, dass sie dringend medizinische Hilfe benötigt.

„Wir wurden an der Grenze durchsucht wie noch nie zuvor. Wir mussten alle aussteigen, was mir nur unter großen Schmerzen gelang. Das Auto und unsere Koffer wurden komplett auf den Kopf gestellt. Stunden hat das gedauert“, erinnert sich Brigitte Thieme und vermutet, dass ihr Schwager dahinter steckte.

Wie sich später herausstellte, hatte er sogar ein Telefon zuhause, von dem niemand etwas wusste. Die Marburgerin hielt durch, sogar bis nach Hause. In Wehrda wurde dann ein Darmdurchbruch diagnostiziert, sie musste notoperiert werden.

Die Grenzöffnung 1989 wurde bei den Thiemes dann ganz besonders gefeiert. Einen Tag später hatte ihr Mann Heinz Geburtstag und als Überraschung kamen Familie und Freunde aus Sachsen unangemeldet zu Besuch. „Er hat immer gesagt, dass war der schönste Geburtstag, den er je hatte“, erinnert sich Brigitte Thieme. Sie sagt, dass Ost und West noch weiter zusammen wachsen muss. „Aber Hauptsache wir behalten unseren Frieden.“

von Katja Peters

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