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30 Jahre Mauerfall Als Marburg beinahe pleite ging
Mehr OP extra 30 Jahre Mauerfall Als Marburg beinahe pleite ging
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18:58 09.11.2019
Titelseite der Oberhessischen Presse vom 13. November 1989: Am ersten Wochenende nach dem Mauerfall kamen mehr als 2 Millionen DDR-Bürger in den Westen zu Besuch. Quelle: Repro: Thorsten Richter
Marburg

Alles war so gut vorbereitet – so gut, wie es in den wenigen Stunden seit der Grenzöffnung am 9. November 1989 eben ging. Doch dann kam es ganz anders an jenem ersten Wochenende nach dem Mauerfall, also am 11. und am 12. November 1989.

Weit über zwei Millionen DDR-Bürger nutzten die offene Grenze und zusätzlich eingerichtete Grenzübergänge zu einer Stippvisite in den Westen – zwei Millionen Menschen!

13.000 Mark an einem Tag weg

Sie alle hatten Anspruch auf Begrüßungsgeld: Die Bundesrepublik zahlte zwischen 1970 und 1989 jedem Besucher aus der DDR ein sogenanntes Begrüßungsgeld. Zunächst betrug es 30 D-Mark pro Person und konnte zweimal im Jahr in Anspruch genommen werden.

1988 erhöhte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl die Leistung auf 100 D-Mark pro Person und Jahr. Nach dem Mauerfall legten viele Gemeinden im Westen zu diesem Geld noch etwas aus eigener Tasche drauf – in Marburg waren es 30 D-Mark zusätzlich. Die Stadtkasse meinte, auf diesen Ansturm vorbereitet zu sein. 13.000 D-Mark lagen in den beiden Amtsstuben im Rathaus zur Auszahlung bereit.

Aber es kam anders: Bereits am Samstag war das Geld restlos alle. Leiter der Hauptabteilung war damals Hans Reiner Mudersbach. Der Ockershäuser, der sich zum damaligen Zeitpunkt schon ehrenamtlich um die Städtepartnerschaft zwischen Marburg und Eisenach verdient gemacht hatte, trieb Oberbürgermeister Dr. Hanno­ Drechsler beim Marburger ­Ökumene-Gespräch in der ­Alten Aula auf und schilderte ihm die Situation.

Im Tresor liegt nur noch ein Zettel

Er holte den Oberbürgermeister mitten aus einer Diskussionsrunde und ging mit ihm vor die Tür. Drechsler und Mudersbach scheuchten dann die Vorstandsmitglieder der damaligen Stadtsparkasse auf und ließen sich eine Vollmacht geben, weiteres Geld abzuholen, erinnert sich Erhart Dettmering, damals Pressesprecher der Stadt Marburg.

Mudersbach brachte also weitere 26.000 D-Mark von der Stadtsparkasse ins benachbarte­ Rathaus – aber es sollte nicht sein letzter Gang bleiben. Bereits am Nachmittag war auch dieses Geld ausgezahlt, und Mudersbach musste erneut Nachschub organisieren.

„Am Ende hatte er die Nebenstellen der Sparkassen um über 100.000 D-Mark erleichtert“, schrieb die Oberhessische Presse damals und zitierte den Leiter der Hauptabteilung so: „In den Tresoren liegt jetzt nur noch meine Unterschrift.“ Ob die Geschichte stimmt, dass die „Geldtransporte“ in einer Plastiktüte abgewickelt wurden, wie ein Zeitzeuge sich erinnert, ist heute nicht mehr zweifelsfrei zu rekonstruieren.

Geschäfte für DDR-Bürger geöffnet

Insgesamt mehr als 800 DDR-Bürger besuchten an jenem ­Wochenende Marburg. Bei vielen von ihnen war im Übrigen die Enttäuschung groß, dass es am Sonntag für das Geld nichts zu kaufen gab: Es war Sonntag, und die Geschäfte hatten geschlossen. Am Nachmittag zeigte dann ein Rundruf des Geschäftsführers des Einzelhandelsverbands Marburg-Nord, Heiner Dippel, Wirkung.

Dann nämlich öffneten in Marburg ­einige Geschäfte, zudem ein Supermarkt in Wehrda. Die OP berichtete am Montag danach, dass etliche Ladenbesitzer Schilder an ihre Geschäfte­ geklebt hatten: „DDR-Bürger, bitte klingeln!“

Und um das Klischee perfekt zu machen: Der Einzelhandelsverband Marburg-Nord fuhr mit einem Lkw voller Südfrüchte vor und Geschäftsführer Dippel höchstselbst betätigte sich als Bananen-Verkäufer. „So deckten sich viele Gäste noch vor der Rückfahrt reichlich mit Obst und Gemüse ein“, schrieb die OP damals. Die Idee, Geschäfte in Marburg dauerhaft sonntags nur für DDR-Bürger zu öffnen, wurde aber schnell fallengelassen.

„Einfach nur mal
 Danke sagen“

Nach diesem ersten, rauschhaften Wochenende entwickelten sich die Beziehungen zwischen den Menschen in Marburg und Eisenach schnell weiter.
Bereits eine Woche später kamen die Besucher aus Eisenach mit vier Bussen des VEB Kraftverkehr Eisenach aus der Partnerstadt nach Marburg.

An diesem Wochenende klappte alles mit dem Begrüßungsgeld. Allein im Rathaus wurden die 130 D-Mark Begrüßungsgeld genau 1.064 Mal ausgegeben, berichtete damals Stadtsprecher Erhart Dettmering. Die Gäste aus Thüringen hatten es an jenem Samstag aber eilig, viele wollten am Abend zurück sein: In Eisenach war Demo, die erste genehmigte Großdemonstration in der Geschichte der DDR, und viele Eisenacher sagten: „Da müssen wir hin!“ Rund 10.000 Menschen nahmen an der Veranstaltung teil.

Hoch über Eisenach thront die Wartburg, Weltkulturerbe und Wahrzeichen von Marburgs Partnerstadt. Die Partnerschaft zwischen Marburg und Eisenach erhielt nach der Maueröffnung zusätzlichen Schwung. Foto: dpa

Unterdessen entwickelte sich in Marburg eine Initiative, die die Partnerschaft zwischen Marburg und Eisenach lebendig machte. Einladungen zum Kaffee oder zur Übernachtung wurden gesammelt und den Besuchern aus Eisenach übermittelt. Initiatorin Christel Krombolz wurde einige Monate später von der Stadt für die erfolgreiche Initiative ausgezeichnet.

Monate nach dem ersten ­Besucheransturm beobachtete­ Erhart Dettmering von seinem Fenster aus ein Paar, das am Marktbrunnen stand und Selbstgebasteltes verteilte. Er fragte nach und bekam zur Antwort: „Wir kommen aus Eise­nach und wollten einfach nur einmal Danke sagen.“

von Till Conrad

Kalenderblatt

9. November 1989

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Der Bundestag hat einen Tag vor der Polen-Reise von Bundeskanzler Kohl fast einhellig die bisher deutlichste Garantie für den Bestand der polnischen Westgrenze ausgesprochen. Mit 400 Stimmen, bei vier Gegenstimmen und 33 Enthaltungen vor allem der Grünen, votierten die Abgeordneten für einen Entschließungsantrag von CDU/CSU und FDP, dem auch die SPD ihre Zustimmung gab. Die Grünen stimmten nicht für den Antrag, weil er ihnen nicht weit genug geht.

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