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Hessen Sie sind die Ruhigen im Sturm
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17:34 19.11.2019
Daniel Pöhland-Block (links), Manfred Becker und Seval Görgülü-Ülger leiten das Flüchtlings-Ankunftszentrum in Gießen. Dort sorgen Mitarbeiter wie Thomas Wittmann dafür, dass Ausländer in deutschen Behördensystemen registiert und überprüft werden können. Quelle: Björn Wisker
Gießen

Egal wie lange sie gelaufen, gefahren, gesegelt oder geflogen sind – der Weg, die Flucht eines Menschen endet immer bei Thomas Wittmann. Der RP-Mitarbeiter ist einer der ersten, der sich um jene Männer, Frauen und Kinder kümmert, die kurz darauf statistisch als Asylbewerber – im Herbst 2019 sind es täglich eher 30 bis 70, nicht mehr 600 und mehr – erfasst sind. Wittmann leistet die Basisarbeit, was er in die Datenbanken tippt, ist die Grundlage des gesamten weiteren Verfahrens. In Gießen, in Hessen, in Deutschland. 

„Einreise-Datum, mit oder ohne Visum gekommen, Ausweis vorhanden oder nicht, weil anderswo nach Europa gelang ein Fall für die Dublin-Regelung: Ich sammele erstmal alle grundlegenden Daten, um die Menschen im System zu registrieren“, sagt er während sein Blick abwechselnd auf die beiden vor ihm aufgebauten Monitore wandert. Mit Hilfe einer Dolmetscherin geht er jeden Schritt für eine vor ihm sitzende, vierköpfige Familie aus Sri Lanka durch – höflich, respektvoll, gar witzelnd als der Vater seine zappelnde, Grimassen schneidende Tochter für deren Hausausweis-Foto vor die Kamera hält.

Thomas Wittmann bei der Arbeit. Quelle: Björn Wisker

„Perfekt“, sagt ein lächelnder, den Daumen nach oben reckender Wittmann – eines dieser universellen Worte, und eine dieser universellen Gesten für die es keine Übersetzung braucht. Dann nimmt er die Fingerabdrücke der Familie. In Sekundenschnelle werden automatisiert die Datenbanken aller relevanten Sicherheitsbehörden abgefragt um zu schauen, ob die unschuldigen Gesichter auf den Bürostühlen vor ihm vielleicht doch gesuchte, vielleicht gar international gesuchte Straftäter sind. „Wir haben hier nämlich Engel und wir haben hier Bengel“, sagt Daniel Pöhland-Block, Leiter des Ankunftzentrums für Flüchtlinge.

Er und seine Stellvertreterin, Seval Görgülü-Ülger, beide Politik-Absolventen der Philipps-Uni, sind verantwortlich für ein System samt standardisierter Abläufe im Behörden-Komplex. Eine Maschine, die binnen eines Arbeitstags 30 Flüchtlinge ebenso schnell aufnehmen und versorgen können muss wie 600, im Mehrschichtbetrieb gar 1.200. Denn das ist der Kern, die zentrale Lehre aus 2015 und 2016, die Maxime der Umstrukturierung: Permanent auf den worst-case eingestellt sein, von der Maximalbelastung der Anlage ausgehen und als Behörden-Einheit so prompt reagieren, dass nie wieder – wie es vor vier Jahren über Monate war – 6.000, auch nur hunderte Flüchtlinge auf dem Gelände umherirren.

Die aktuelle Entwicklung in Nordsyrien, der Einmarsch der Türkei ins Kurdengebiet und mögliche neuerliche Fluchtbewegungen hat man bereits im Blick. Das dies ordentlich Arbeit ist, wird daran deutlich, dass Frau Görgülü-Ülger hierfür ein eigenes Team zur Verfügung steht, welches alle Prozessänderungen und Neuheiten mit allen Beteiligten plant, abstimmt und umsetzt.

Zurück zu Thomas Wittmann: Theoretisch könnten die Asiaten und all die anderen – ob nun aus Marokko, Afghanistan oder anderswo herstammenden Menschen – am Anfang ihres Wegs in dem U-förmigen Ex-Militärgebäude alle möglichen Namen und Einreise- beziehungsweise Asylantrags-Begründungen nennen. Plausibilitäts-Prüfungen machen die RP-Mitarbeiter nicht. Das, wie auch die Asylantrags-Bearbeitung, sowieso die Entscheidung ist Aufgabe des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Die Behörde ist, wie auch Arbeitsagentur, Jugendamt, Ärzte samt Sanitätshaus in dem Haus integriert und Teil der Maschinerie. 

Arzt: „Seele vieler Flüchtlinge ist übel zugerichtet“

Das Bamf liest, eben weil die Registrierung nur mit richtigen persönlichen Angaben auch richtig funktioniert, mittlerweile mitgebrachte Handys, Laptops – was auch immer an mobilen Elektrogeräten vorhanden ist – aus, um all jene zu identifizieren oder zumindest ihre tatsächliche Herkunft herauszufinden, die, ob nun mutwillig oder versehentlich ohne Pass gekommen sind. Denn in der Praxis ist es so, dass viele recht genau über ihre Bleiberechts-Chancen Bescheid wissen. So führen Syrer, die glänzende Bleibeperspektive haben, in der Regel Ausweis, Reisepass oder irgendein persönliches Dokument mit.

Nationalitäten, deren Schutzbedürftigkeit formal zumindest unsicher ist, haben deutlich häufiger keine Dokumente dabei – eben in der Hoffnung, durch die Prüfungen schlüpfen zu können. Etwas, das ab 2015 immer wieder passiert ist. Um die Situation der Identifikation zu verbessern, werden allen Neuankömmlingen Fingerabdrücke abgenommen und biometrische Fotos gemacht und diese zentral abgespeichert. So ist jede Person individuell erkennbar, egal wo und unter welchem Namen diese Person irgendwo später auftauchen sollte. Einen Wink, wie es um ihre Bleibeperspektive steht, bekommen die Ausländer schon in diesen ersten Tagen – mit dem Ja oder Nein zu einem Termin bei der Arbeitsagentur.

Hat Wittmann alles was er zur Registrierung benötigt, steht für alle Neu-Ankömmlinge die medizinische Untersuchung an. Nach einer Anamnese, also dem Grundsatz-Check etwa von Vorerkrankungen macht Ulrich Witzmann das, was ein Arzt eben so macht: unterhalten, untersuchen, Ursachen finden. Und impfen, etwa gegen Masern oder Röteln. „Die, die hier rausgehen sind besser geimpft als die meisten Deutschen“, sagt er. Der Job von ihm und vier weiteren RP-Medizinern ist es, bei allen Flüchtlingen ansteckende Krankheiten zu finden, zu behandeln und das Okay zu geben, ob jemand in eine Gemeinschaftsunterkunft gebracht werden kann, er gesund ist. „Wobei das mit der Gesundheit meist gar nicht so leicht ist. Denn es ist ja nicht nur der Körper, der oft viel aushalten musste. Vor allem der Geist, die Seele vieler Geflüchteter ist übel zugerichtet“, sagt er.

Tod, Verwundung, Vergewaltigung – „viele haben ein Dunkel erlebt, das sich unser einer gar nicht vorstellen kann“. Dennoch: Ansteckend sind psychische Schäden nicht, im Gegensatz etwa zu Tuberkulose. Um diese zu finden – in 0,3 Prozent aller Fälle ist das so – stehen im Hof des Hauptgebäudes fünf Röntgen-Container. Geröntgt wird noch am ersten Tag der Ankunft. Den radiologischen Befund des Brustkorbbereichs gibt es binnen acht Stunden. Ist das geklärt, geht es in die zentralen Unterkünfte, Wohnblöcke auf dem Ex-Kasernengelände, das in Wohnbereiche für verschiedene Gruppen unterteilt ist. 

Aus der Wartehalle, die ganz am Anfang der Aufnahme-Prozedur steht, geht es derweil für andere Neu-Ankömmlinge durch einen Metalldetektor in den sogenannten ersten Fächer. Dort werden sie wie auch jene, die schon ein paar Tage auf dem Gelände sind, von RP-Mitarbeitern nach ihren Behörden-Bedürfnissen eingeteilt. Für wen steht als nächstes was an, wer ist frisch angekommen, wer muss noch zur medizinischen Untersuchung, wer will sich über freiwillige Rückreise beraten lassen? Ist das geschehen, ist das sortiert, geht es für die Einwanderer raus auf einen kurzen, von grünen Zäunen umgebenen Weg in das U-förmige Haupthaus. Selbst an ruhigen Tagen, in denen kaum neue Flüchtlinge kommen, sind etwa 300 Asylbewerber im Ankunftszentrum, um ihre jeweiligen Behördengänge zu erledigen.

Der Umzug in das Riesengebäude, die Umbauten, die Umstrukturierung sind die großen Veränderungen der Asylverwaltung des RP Gießen. Oft sind es aber die unscheinbaren Dinge, Kleinigkeiten die für sich genommen und erst recht in Kombination all jene Szenen verhindern, die 2015 an der Tagesordnung waren – Lärm, Gestank, Aggressivität, Überforderung und Angst. Die rund 100 Mitarbeiter des RP wollen, fußend auf ihren Alltags-Erfahrungen zusammen mit den Bamf-Kollegen diese Szenen vermeiden. Also gibt es nun Handy-Auflade-Boxen in den Wartebereichen statt Streits um eine freie Steckdose. Schilder mit Verhaltensregeln statt kultureller Konflikte, Wickel- und Stillräume für Mütter statt von Fremden angegafft zu werden.

Die Gesichter der vereinzelt in Warteräumen sitzenden Flüchtlinge zeugen so dann eher von einem Mix aus Müdigkeit und Anspannung als von Stress und Zorn. Diese Menschen hier“, sagt Pöhland-Block und deutet auf den kaum gefüllten Wartesaal, „sind in der Regel vor dem Staat geflohen. Sie kennen diesen als einen, in dem Gewalt ausgeübt wird und wo Korruption, Willkür und Diskriminierung herrschen. Bei uns sollen sie spüren, dass Deutschland ihnen die Hand zur Hilfe reicht und sie durch das Verfahren begleitet, egal wie dieses ausgeht.“ „Wir haben aus 2015 viel gelernt, auch lernen müssen. Nun sind die Abläufe für die Menschen klarer geworden und für die Behörden ist eine Struktur geschaffen, um zeitnah entscheiden, den Menschen zügiger Klarheit geben zu können“, sagt Manfred Becker, 

Leiter der Gesamt-Flüchtlingsabteilung. Die RP-Mitarbeiter, egal ob im Tagesbetrieb oder der Leitungsebene, sehen und kennen die Schicksale. „Man darf hier trotz allem kein Helfersyndrom entwickeln, das zehrt einen sonst auf“, sagt Pöhland-Block.

Insgesamt sind es für die Flüchtlinge sechs Schritte, die nach zehn Tagen fertig sein sollen. Bedeutet konkret: Eineinhalb Wochen nachdem die Ausländer bei Wittmann und Co. waren, sollen sie bei Nikol Sahin im Transport- und Logistikzentrum sein. Von diesem separat gelegenen Bus-Terminal – jeder darf 30 Kilo Gepäck mitnehmen – werden die Flüchtlinge zu ihrer Unterkunft etwa nach Neustadt gebracht. „Alle hoffen, dass das ihre letzte Etappe ist. Da wird es immer wieder emotional“, sagt Sahin. Für das RP ist der Bustransfer der letzte Arbeitsschritt. Für die nun als Asylbewerber registrierten Flüchtlinge könnte es der Beginn für ein neues Leben sein.

von Björn Wisker