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Wirtschaft 90 Jahre Sommerlad: Ohne Rabatte geht es nicht
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18:58 23.02.2020
Frank Sommerlad beschreibt im OP-Interview seine Vision des Möbelhauses der Zukunft. Quelle: Privat
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Gießen

Rudolf ­Sommerlad gründete vor 90 Jahren in ­Buseck-Beuern sein eigenes Möbel-Unternehmen. Das war der Grundstein für die erfolg­reiche Sommerlad-Gruppe.

OP: Frank Sommerlad, Sie sind selbst seit gut 20 Jahren im Unter­nehmen. War es für Sie von Anfang an klar, dass Sie die ­Familientradition fortführen?

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Frank Sommerlad: Ich glaube, als junger Mensch hat man zunächst andere Ideen. Aber: Ich habe schon mit 14 Jahren an der Warenausgabe ausgeholfen, um mein Taschengeld aufzubessern – ich bin langsam in das Unternehmen hineingewachsen, habe die Menschen von der Pike auf kennengelernt. ­Gleichzeitig wächst auch die ­Identifikation mit der Firma. Und als mein ­Vater mich gefragt hat, ob ich Medizin studieren oder den ­betriebswirtschaftlichen Weg gehen möchte, da war für mich klar: Das Unternehmertum, das mit Menschen und Zahlen ­Umgehen, liegt mir.

OP: Wurde Ihnen das Unternehmertum also in die Wiege gelegt?

Sommerlad: Ich glaube, heutzutage müsste man dazu eher ein Persönlichkeitsprofil auf­stellen. Bei mir hat es einfach gepasst. Mein jüngerer Sohn studiert beispielsweise Geografie – er geht in Forschung und Lehre total auf. Mein älterer Sohn geht schon eher in die Richtung, für ihn ist die Betriebswirtschaft das Richtige.

OP: Ist bei ihm der Einstieg ins Unternehmen vorgezeichnet?

Sommerlad: Naja, er ist 20, da muss man mal schauen, ohne Druck auszuüben. Ich bin sehr froh, dass er die Kampagne zum 90-jährigen Bestehen begleitet hat – wir haben bei einem achtstündigen Shooting tolle Fotos gemacht. Und: Jan hat gemerkt, dass auch das ziemlich anstrengend ist. Begleitet hat er auch den Radiospot. Vor dem Hintergrund, dass der Möbelmarkt sehr unruhig ist und es ein österreichisches Unternehmen gibt, das ein Traditionshaus nach dem nächsten aufkauft, ist es schon toll für mich zu sehen, dass es mit Jan die vierte Generation gibt, die bereitsteht.

Aber fest steht auch: Jan soll seinen Weg gehen. Er war bei der Kampagne dabei, das hat uns allen großen Spaß gemacht. Nun steht sein ­Studium im Vordergrund, dann kann er selbst entscheiden. Aber ich würde mich natürlich freuen, wenn er später ins Unternehmen einsteigt.

OP: Der Möbelverkauf ist bisher noch nicht so stark vom Online-Handel geprägt. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Sommerlad: Wir ­beschäftigen uns natürlich stark mit dem Thema. Ich glaube nicht, dass der Kunde online eine Polstergarnitur für 3.000 oder 4.000 Euro kaufen wird. Denn die Leute wollen riechen, schmecken, fühlen – und brauchen ­individuelle Beratung. Aber wir nehmen das Thema sehr, sehr ernst, haben beim Online-Marketing aufgestockt und Personal eingestellt. Wir müssen andere Antworten finden als kleine Pixelbildchen zu zeigen – und dann soll der Kunde draufklicken und kaufen. Vielmehr wollen wir das Multikanal-Möbelhaus bieten, um beide Welten – den Offline- und den Online-Handel – zu verbinden. Daran arbeiten wir. 

Fest steht: Der Kunde will Problemlösungen haben. So haben wir bereits einen Online-Konfigurator für Küchen: Der Kunde gibt den Grundriss mit Fenstern und Türen ein – und das System liefert 20 Küchen als Vorschlag. Das kommt gut an, denn die Kunden kommen dann mit ihren Plänen und lassen sich die Details erklären. 

Ich sehe tolle Chancen, im stationären Handel die Kunden online abzuholen. Man muss die Kanäle natürlich auch bearbeiten und präsent sein. Letztlich bereiten wir mit diesen das stationäre Geschäft vor. Das Ziel ist, auch online in einen guten Dialog mit unseren Kunden zu kommen. 

OP: Sie bedienen vom Möbel-Discounter bis zum Premium-Segment alle Kundengruppen. Wie ist die Sommerlad-Gruppe aufgestellt?

Sommerlad: Das muss man von zwei Seiten betrachten. Zum einen ist der Beschaffungsmarkt natürlich immens wichtig. Da sind wir mit Deutschlands größtem Einkaufsverband Begros mit einem Umsatz von 5,2 Milliarden Euro, den wir mit 17 mittelständischen Unternehmen zusammen erwirtschaften, gut etabliert. Wenn wir da alleine kämpfen müssten, könnten wir beispielsweise keine Eigenmodelle bauen, die es nur bei Sommerlad gibt. Die sind wichtig, denn mit denen differen­zieren wir uns auf dem Markt, haben ein Alleinstellungsmerkmal.

Das Zukunftsthema heißt jedoch Daten, Daten, Daten – als das „Gold der Zukunft“. Von der Schreinerei bis zum hoch technisierten ­Küchenunternehmen müssen wir alle mitnehmen, damit diese uns diese Daten liefern. So bleiben wir flexibel, können auf Märkte und Anforderungen reagieren. Wir sind näher an den Menschen, näher an den Kunden, näher an unseren Verkäufern und näher am Vertrieb – dadurch haben wir im Verkauf Vorteile.

OP: Wo liegen vor diesem Hintergrund die täglichen Herausforderungen?

Sommerlad: In EDV und IT müssen wir uns erneuern – etwa mit einem Warenwirtschaftssystem, das den neuen Herausforderungen gewachsen ist, um noch schneller reagieren zu können. Und: Auch die Menschen haben sich geändert – es stellt sich die Frage, warum sie bei Sommerlad arbeiten. Daher haben wir ein großes Projekt gestartet, um die Vision und die Mission von Sommerlad für die kommenden zehn Jahre zu erarbeiten.

Von 530 Mitarbeitern hat sich etwa die  ­Hälfte an den Workshops „Sommerlad 2030“ beteiligt. Wir wollen alle Mitarbeiter auf diesen Weg nehmen. Denn: Die Mitarbeiter wollen mitgestalten, wollen sich einbringen – das ist hervorragend, denn die Schwarmintelligenz der Mitarbeiter ist ja viel größer als die vom Chef. Schließlich sind sie täglich ganz dicht dran am Kunden. Jetzt stehen Vision und Mission – nun müssen wir diese im Unternehmen etablieren. Daran werde ich als Chef auch gemessen – ebenso wie die Führungskräfte. Klar, Diktatur geht einfacher. Aber dieser Weg ist nachhaltig und lohnt sich.

OP: Ist das auch ein Instrument, mit dem man dem Fachkräftemangel entgegenwirken kann?

Sommerlad: Wir wollen, dass die Mitarbeiter für Sommerlad brennen. Statistisch gesehen haben 70 Prozent der Menschen in Deutschland bereits innerlich gekündigt, weil sie ihr ­Talent nicht an der richtigen Stelle einsetzen können. Wir wollen diese Talente herausfinden. Denn wenn jemand Spaß an seiner Position hat und all seine Stärken und Talente einbringen kann, dann fühlt er sich wohl – da wollen wir hin, um die Zukunft der Arbeit bei Sommerlad zu gestalten.

OP: In Marburg entsteht gerade der neue SoMit-Markt. Warum ist der Neubau wichtig, wo es doch bereits einen Markt gibt?

Sommerlad: Der ­vorhandene Markt ist 40 Jahre jung und faktisch ein wenig in die ­Jahre ­gekommen. Wir mussten uns neu entwickeln. Auch Kunden, die eine Wohnwand für 199 Euro kaufen, sollen in einer tollen Umgebung von strahlenden, freundlichen Mitarbeitern gewertschätzt werden. Egal in welchem Teil von Sommerlad jemand ist und egal was er kauft – er wird überall gleich gut behandelt. Auch das ist Teil der Vision, die wir haben. Und ich bin davon überzeugt, dass wir in zwei, drei Jahren so ein tolles Sommerlad-Team sind, dass es schwer für die Konzerne wird, das einzuholen – weil sie es einfach nicht können.

OP: Auf was kann man sich als Kunde nach der Möbelmesse IMM freuen?

Sommerlad: Es gibt neue ­tolle Farbtrends, die Spaß machen. Oder neue Stoff-Trends wie Samtstoffe. Außerdem haben wir natürlich unsere Eigenprodukte, die speziell für uns entwickelt wurden. Darauf können sich die Kunden freuen. Denn eins ist klar: Wenn ich mich neu einrichte, dann habe ich nachhaltig etwas davon. In einer Küche mit Freunden kochen – das macht einfach Spaß, das Thema Ernährung spielt eine große Rolle. Deshalb bieten wir ja zum Beispiel auch die Sommerlad-Kochschule. Die wird es später auch in Marburg geben. Insgesamt haben wir eine tolle, ­innovationsfähige Möbelindustrie.

OP: Dennoch drängt sich ja der Eindruck auf, Möbel lassen sich nur über Rabatte verkaufen.

Sommerlad: Wir haben im ersten Halbjahr vergangenen Jahres versucht, aus diesem Dilemma, dieser Einbahnstraße rauszukommen. Das Problem dabei ist jedoch: Der Möbel­handel hat die Kunden so auf Rabatte eingestellt, dass es ohne nicht geht. Das haben auch wir schmerzlich festgestellt. Klar ist: Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Gegen den Strom schwimmen hat nicht funktioniert. Offenbar brauchen die Kunden diesen Anreiz. Durch unser Jubiläum haben wir außergewöhnliche Einkäufe tätigen können – und diese Vorteile geben wir gerne an unsere Kunden weiter.

OP: Und wie steht die Möbelbranche insgesamt da?

Sommerlad: Der private Konsum ist nachhaltig und stützt die Wirtschaft, während der ­Export schwächelt. Noch nie waren nach 1989 so viele Menschen in Lohn und Brot – die Branche steht gut da, wir sind gut strukturiert. Und es wird verstärkt das Thema Nachhaltigkeit aufgegriffen – etwa durch CO2-neutrale Produktion. Das wird sich dann auch in unserem Sortiment finden.

OP: Was war eigentlich Ihr erstes Möbelstück?

Sommerlad: Eine ­schwarze Polstergarnitur. Ich hatte damals nur schwarze Möbel, fand das sehr spannend. Mein Umfeld jedoch nicht (lacht). Meine Frau ist heute noch entsetzt – sie hätte mich wohl nicht geheiratet, wenn ich die in die Ehe eingebracht hätte.

von Andreas Schmidt

Hintergrund

Mit 19 gründete Rudolf Sommerlad in Buseck-Beuern sein eigenes Möbel-Unternehmen, funktionierte dazu unter anderem den Garten zur Werkstatt um.

Während der nächsten 90 Jahre wurde aus der kleinen Möbelmanufaktur eines der größten Einrichtungshäuser Hessens. Erst 1930 konnte sich Rudolf Sommerlad eine Werkstatt mit Verkaufsraum leisten. 1938 wagte er gemeinsam mit seiner Frau Emma den Umzug nach Gießen.

In der Bahnhofstraße eröffnete die Möbelausstellung; in der Seitenstraße „Flutgraben“ wurde die Schreinerei untergebracht – alles wurde im Zweiten Weltkrieg zerbombt. Doch bereits 1949 wurde ein neues Geschäftshaus angebaut – als erster Schritt zum Einrichtungshaus, mit gutsortierter Abteilung für Teppiche und Gardinen. Bei der Eröffnung prägte der damalige Gewerbeleiter Zeidler den Begriff „Möbelstadt Sommerlad“, der bis heute Bestand hat. Bis zu seinem 65. Geburtstag im Jahr 1973 leitet Rudolf Sommerlad die Möbelstadt – mit Unterstützung seines Sohnes.

Rudi Sommerlad trat 1956 in die Fußstapfen seines Vaters und absolvierte eine Schreinerlehre mit anschließendem Besuch der Möbelfachschule in Köln. Rudolf Sommerlad verstarb 1986 im Alter von 77 Jahren, sei Sohn wurde Geschäftsführer und legte weitere Bausteine für das Wachstum des Unternehmens. Bis zu seinem Tod im Jahr 1998 lebte er den Traum seines Vaters weiter.

Dann startete mit Frank Sommerlad die dritte Generation mit der Führung des Familienunternehmens. Und die Nachfolge ist gesichert: Jan Sommerlad, ältester Sohn von Frank Sommerlad, möchte die Sommerlad-Tradition nach seinem Studium fortführen.

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