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Wirtschaft Ukraine-Krieg beim Einkauf spürbar: Keine rasche Abhilfe
Mehr Hessen Wirtschaft Ukraine-Krieg beim Einkauf spürbar: Keine rasche Abhilfe
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05:24 24.03.2022
Müller Volker Philippi legt in der Philippi Mühle einen 25-KG-Sack Weizenmehl in ein Auto.
Müller Volker Philippi legt in der Philippi Mühle einen 25-KG-Sack Weizenmehl in ein Auto. Quelle: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
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Frankfurt

Die Folgen des Krieges in der Ukraine bekommen die Menschen in Hessen auch beim Einkauf im Supermarkt zu spüren. Regional sind einzelne Produkte wie Sonnenblumenöl oder Mehl seit einiger Zeit knapp oder vergriffen. Manche Händler müssen die Abgabemengen reduzieren, um Kunden vom Hamstern abzuhalten. Auch den getreideverarbeitenden Betrieben im Bundesland machen die Preisanstiege für ihre Rohstoffe zu schaffen, und die Landwirte kämpfen mit höheren Betriebsmittelkosten. Mit einer Entspannung der Lage wird vorerst nicht gerechnet.

Seit Beginn der russischen Invasion hätten die Getreidepreise um rund 30 Prozent zugelegt, erzählt etwa Volker Philippi, der in Schöneck-Büdesheim im Main-Kinzig-Kreis zusammen mit seinem Sohn Patrick in sechster Generation eine Getreidemühle betreibt. Täglich gingen dort derzeit Dutzende Anrufe von Kunden ein, die sich mit Mehl eindecken wollen - vom Endverbraucher über Großbäckereien und Pizzerien bis zu Wiederverkäufern.

Den saftigen Preisanstieg bei den Rohstoffen müsse er an seine Kunden weitergeben, sagt Philippi. Schließlich wolle er den Betrieb nicht zusperren müssen. Zwar arbeite seine Mühle mit Getreide aus der Region, doch kämen Engpässe auf dem Weltmarkt auch hier an, weil Großunternehmen über Makler Getreide derzeit auch im Inland aufkaufen. Basis für den Preisanstieg sei zunächst eine magere und qualitativ minderwertige weltweite Getreideernte im vergangenen Jahr gewesen, was durch den Krieg nun noch zusätzlich beschleunigt werde, sagte Philippi.

Beim Handelsverband Hessen sieht man derweil trotz des Krieges keine Lieferengpässe bei Lebensmitteln. An die Verbraucher appellierte der Verband, nur in haushaltsüblichen Mengen einzukaufen. "In der aktuellen Situation ist es wichtig, dass Kundinnen und Kunden nicht in Panik verfallen und keine sogenannten Hamstereinkäufe wie in der Corona-Pandemie tätigen", erklärte eine Verbandssprecherin auf Anfrage. Sowohl die Produktion als auch die Logistik entlang der Lebensmittelkette seien auf solche haushaltsüblichen Mengen eingerichtet. Deshalb sei es richtig, dass Händler an Stellen, wo es vermehrt zu Hamstereinkäufen komme, den Verkauf knapper Produkte auf solche Mengen reduzieren.

Da die Ukraine zu den weltweit wichtigsten Exporteuren von Sonnenblumenöl zählt, seien durch den Krieg aktuell auch im hessischen Lebensmittelhandel geringere Angebote bei Speiseölen vorzufinden. In einzelnen Regionen könne es auch zu einem geringeren Angebot von anderen Waren wie Nudeln oder Mehl kommen. "Welche Produkte im Einzelnen wie stark betroffen sind, können wir ebenso wenig beurteilen wie zukünftige Entwicklungen", so die Sprecherin.

Die Verbraucher seien aufgerufen, gegebenenfalls auf andere Produkte auszuweichen. Insgesamt seien in Deutschland genügend Lebensmittel vorhanden, so dass niemand Hunger leiden müsse. Der allgemeine Anstieg der Nahrungsmittelpreise dürfte nach Einschätzung von Ökonomen erst einmal bestehen bleiben, erklärte die Sprecherin. "Aufgrund der dynamischen Entwicklungen der Märkte können derzeit keine längerfristigen Prognosen gemacht werden."

Eine rasche oder umfassende Abhilfe seitens der Erzeuger ist nach Einschätzung des Hessischen Bauernverbandes kaum möglich. Zwar wolle man der Verantwortung nachkommen und dazu beitragen, die Menschen auch weltweit mit Nahrungsmitteln zu versorgen, sagte ein Verbandssprecher. Die Aussaat dieses Frühjahrs sei aber bereits weit fortgeschritten, und die Sommer-Getreidesorten gälten als weniger ertragreich als etwa Wintergerste oder -weizen. Außerdem sei kaum noch Saatgut verfügbar.

Sonnenblumen würden zwar seit einiger Zeit stellenweise auch in Deutschland angebaut, so der Verbandssprecher. Allerdings reifen diese erst im November, was ein hohes Ernterisiko bedeute. Von den gestiegenen Weltmarktpreisen können nach seinen Worten zwar auch hessische Bauern in gewissem Umfang profitieren. Doch werde dies von den Kostensteigerungen bei Strom und Diesel, Dünge- und Futtermitteln größtenteils wieder aufgezehrt.

© dpa-infocom, dpa:220324-99-647902/2

dpa