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Wirtschaft Aussage verweigert: Zeuge schweigt im PIM-Prozess
Mehr Hessen Wirtschaft Aussage verweigert: Zeuge schweigt im PIM-Prozess
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12:12 27.08.2021
Eine Statue der Justitia mit einer Waage und einem Schwert in ihren Händen.
Eine Statue der Justitia mit einer Waage und einem Schwert in ihren Händen. Quelle: Arne Dedert/dpa/Symbolbild
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Darmstadt

Er brachte mit seiner Anzeige im Mai 2017 das ganze Verfahren um den Betrug mit vermeintlich barrenweise Gold ins Rollen. Sein Auftritt vor dem Darmstädter Landgericht dauerte am Donnerstag keine fünf Minuten. Der als Zeuge geladene 62-Jährige macht in dem Verfahren gegen den früheren Geschäftsführer und den ehemaligen Chef der Vertriebsfirma des Goldhändlers PIM aus dem hessischen Heusenstamm von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. "Es sind mehrere strafrechtliche Ermittlungsverfahren gegen ihn anhängig", zitierte Anwalt Marcus Traut aus der Begründung des 62-Jährigen.

Er stelle Strafanzeige und sage jetzt kein Wort mehr, kündigte Traut an. "Das ist bezeichnend. Das sollte der Kammer und den Schöffen zu denken geben."

Die PIM Gold GmbH soll zwischen 2016 und September 2019 mit Kunden Lieferverträge einschließlich Bonusversprechen über Gold abgeschlossen, diese dann aber nicht erfüllt haben. Zinsen sollen nach einer Art Schneeballsystem mit Geld neu angeworbener Kunden ausgezahlt worden sein. Angeklagt sind der 50 Jahre alte frühere Geschäftsführer und der 53 Jahre alte Chef der Vertriebsfirma des Goldhändlers wegen schweren Betruges.

Der Vorsitzende Richter Felix Diefenbacher interpretierte die vorab eingegangene schriftliche Begründung des Zeugen so, dass er wohl die Befürchtung habe, die Verteidiger könnten "hanebüchene Dinge" konstruieren. Er befürchte, dass die Verteidigung ihm Vorwürfe mache, um von der Schuld der beiden Angeklagten abzulenken. Der Zeuge sei mehrfach aus seiner Sicht zu Unrecht angezeigt worden und Ermittlungsverfahren seien noch nicht abgeschlossen.

Zahlreiche andere Zeugen hätten den ehemaligen Mitarbeiter von PIM belastet, sagte Stefanie Schott, Verteidigerin des in Untersuchungshaft sitzenden Ex-Geschäftsführers. Die insgesamt fünf Anwälte der beiden Angeklagten steckten vor Verhandlungsbeginn die Köpfe zusammen. Der 50-Jährige angeklagte Ex-Geschäftsführer fixierte den ihm gegenübersitzenden Zeugen bei seinem kurzen Aufenthalt im Gerichtssaal mehrfach mit strengen Blicken.

Gut zwei Jahre nach der Anzeige wurden die Räume der Firma im Juli 2019 erstmals durchsucht. Aufgrund der Ermittlungen wurde ein Haftbefehl gegen den Geschäftsführer vollstreckt. Die PIM Gold GmbH musste den Geschäftsbetrieb einstellen und ging in die Insolvenz.

In dem Verfahren geht es um Tausende Verträge für den Kauf von barrenweise Gold, um Bonusversprechen, geprellte Anleger und den möglichen Verbleib großer Mengen des Edelmetalls. Die Dimension erläuterte der Insolvenzverwalter Renald Metoja bei seiner Vernehmung. "Es hätten drei Tonnen da sein müssen", sagte er Anfang Juli über die Mengen Gold, die nach den Verträgen eingelagert gewesen sein müssten. Es gebe bislang berechtigte und geprüfte Forderungen von Anlegern in Höhe von 140 Millionen Euro. Ein Privatdetektiv gehe Gerüchten nach, Mitarbeiter von PIM hätten möglicherweise Edelmetalle in die eigene Tasche verschwinden lassen.

Einige Anleger lösten Bausparverträge oder Lebensversicherungen auf, machten Finanzmittel mit Verkäufen locker oder nutzen Erbschaften und Rücklagen für die Altersvorsorge. In der 226 Seiten umfassenden Anklageschrift schildert die Staatsanwaltschaft, wie die Investoren aus ihrer Sicht um ihr Geld geprellt worden sein sollen.

Der seit Dezember vergangenen Jahres laufende Prozess war eigentlich bis in den Juni terminiert. Nun soll er bis mindestens Dezember dieses Jahres dauern. Insgesamt sind rund 140 Zeugen in dem Prozess geladen.

© dpa-infocom, dpa:210826-99-972559/4

dpa