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Wirtschaft Leica steht vor digitalem Umbau
Mehr Hessen Wirtschaft Leica steht vor digitalem Umbau
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00:20 22.06.2019
Am Hauptsitz der Leica Camera AG in Wetzlar. Das Unternehmen will sich digital neu ausrichten und plant, bis zu 100 derzeitige Mitarbeiter zu entlassen. Quelle: Nadine Weigel
Wetzlar

Es handele sich um den notwendigen Umbau des Unternehmens, ausgelöst durch eine „zweite digitale Revolution“ im Kamerageschäft, sagte Vorstandschef Matthias Harsch.

Es gehe um den Schritt vom mechanisch-optischen zum optisch-digitalen Unternehmen, erklärte Harsch.

Mit der Hardware allein könne man in Zukunft nicht mehr bestehen. Nötig seien echte technologische Innovationen im Bereich Hardware und Software, an denen bereits gearbeitet werde, so der Vorstandschef.

30 bis 40 Neueinstellungen

Das Umbauprogramm sieht neben den 80 bis 100 Entlassungen 30 bis 40 Neuanstellungen vor, vor allem von Software-­Experten. Gleichzeitig kündigte­ Harsch ein mehrere Millionen Euro schweres Investitionsprogramm an, mit dem die Objektiv-Produktion in Wetzlar auf den neuesten technologischen Stand gebracht werde. Das sei ein klares Bekenntnis zum Standort durch die Anteilseigner – die Familie Kaufmann und den US-Investor Blackstone.

Um die Smartphone-Fotografie weiterhin auf Abstand zu halten, müsse Leica reagieren. Wie bei den Mobiltelefonen sollen die Kameras der Premiummarke demnach künftig unter anderem mit digitalen Bildoptimierern ausgestattet werden. Leica sei ein Nischenanbieter. Wichtig sei, die bestehende Kundschaft mitzunehmen und neue Käuferschichten zu erschließen.

Entscheider sehen eine „Riesenchance“

„Computational Imaging“, bei dem die Kamera durch künstliche Intelligenz, eingebettet in eine App-Umgebung, die Aufnahmen selber optimiert, sei ein Schlüssel dazu. Harsch: „Wir glauben, dass wir mit den neuen Technologien ein System schaffen werden, das noch perfektere Bilder und noch mehr Spaß an der Fotografie bringt – auch mit weniger fotografischem Know-how.“ Ein Mittelständler wie Leica, der nicht an der Innovationsfront ist, verliere, so Harsch: „Wir haben nicht die Distributionskraft, um später an den Trend anzuschließen.”

Die 80 bis 100 Stellen sollen laut Harsch sozialverträglich abgebaut werden. Ein größerer Stellenabbau in der Fertigung sei nicht geplant, es handele sich vielmehr um ein Umbauprogramm. Bei klassischen Kompetenzen im Bereich Konstruktionen und Mechanik ­gebe es Überkapazitäten, sagte Harsch. Zudem sieht man im Ausbau des digitalen Marketings eine „Riesenchance“.

Umbau in zwei bis drei Jahren beendet

Die eine Million aktiven Leica-Kunden könnten direkt über eigene Kanäle angesprochen werden. Parallel würden zwischen 30 und 40 neue Mitarbeiter eingestellt, allen voran Software-Experten. Es würden Gespräche mit dem Betriebsrat über Fort- und Weiterbildung des vorhandenen Personals laufen, doch hier stoße man in Fachkompetenzen mit reiner Weiterbildung an Grenzen, so Harsch.

Leica ist in Sachen Digitalisierung ein gebranntes Kind. 2004 wurde der Eintritt in die Digitalfotografie falsch eingeschätzt, der traditionsreiche Hersteller wäre durch das Festhalten am Analogen beinahe in die Insolvenz gegangen. Das dürfe sich keinesfalls wiederholen, sagte Harsch. Für einen Umbau und neue Technologien brauche es neue Kompetenzen – und zum Teil andere Leute, bedauerte er. In zwei bis drei Jahren werde der Prozess abgeschlossen sein.

Einträgliches Lizenzgeschäft durch Huawei

Die Umsätze von zuletzt rund 400 Millionen Euro sind absolut gegen den Markttrend. Unter anderem durch hohe Investitionen in Neugründungen zuletzt in Russland, Spanien und China. Auch der E-Commerce sei massiv ausgebaut worden. Aber Gewinne, das letzte Geschäftsjahr wurde Ende März mit einem Plus von mehr als 30 Millionen Euro abgeschlossen, „sind immer Ergebnisse der Vergangenheit“, so Harsch.

„Jetzt müssen wir nach vorne blicken und erkennen, dass die Herausforderungen durch die Digitalisierung immer stärker aufkommen.“ Leica habe durch die 2015 gestartete Kooperation mit Huawei bislang ein einträgliches Lizenzgeschäft erlebt.

Harsch widerspricht Leitz-Gerüchten

Die Antwort darauf, wie es damit nach dem US-Boykott gegen die Nummer drei des weltweiten Smartphone-Marktes und dem Entzug der Android-Lizenz durch Google weitergeht, kennt auch Harsch nicht. Aber er ist zuversichtlich, dass eine Lösung gefunden wird. Wahr sei aber auch, dass das Huawei-Problem umso notwendiger mache, dass bei Leica die Weichen für die Zukunft gestellt werden.

Klar widersprach Harsch ­einer in der Öffentlichkeit geführten Diskussion, nach der der 165 Millionen Euro teure Bau des Leitz-Parks Hauptauslöser für die Umstrukturierung sei. Das sei in keinster Weise der Fall, sagte er. Vielmehr sei der Leitz-Park als internationaler Ort der Fotografie ein Marketing-Bekenntnis für den Standort Wetzlar, der mit der Immobilie von der Familie Kaufmann finanziert wurde.

Mehr zum Stellenabbau bei der Firma Leica lesen Sie hier.

Einen Artikel zum Thema Leica setzt auf Start-up-Firmen lesen Sie hier.

von Steffen Gross