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Wirtschaft Ernüchterung in der heimischen Wirtschaft
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18:00 06.11.2019
Lediglich der Handel geht aus der aktuellen IHK-Konjunkturumfrage deutlich positiv gestimmt in die Zukunft. Quelle: Edith Geuppert
Kassel

Insgesamt haben sich 413 Unternehmen an der Konjunkturumfrage der IHK Kassel-Marburg beteiligt. Und dabei kam heraus: Die Unternehmer blicken recht pessimistisch in die Zukunft. Denn: Im Vorjahr hatte der Klimaindex noch 122 Zähler betragen. „Die internationalen Handelsstreitigkeiten dominieren das Wirtschaftsklima und bremsen Handel und Wachstum aus. Hinzu kommen gravierende strukturelle Herausforderungen der Industrie“, verdeutlicht IHK-Präsident Jörg Ludwig Jordan.

Demnach beurteilen nur noch 31,9 Prozent die gegenwärtige Geschäftslage als gut – das taten im Vorjahr noch 45,5 Prozent. Unverändert sehen 55 Prozent der Befragten die aktuelle Lage und 13,1 Prozent sind mit der Lage nicht zufrieden.

Auch die Erwartungen an die kommenden Monate haben sich verschlechtert: 13,5 Prozent der Unternehmen rechnen mit einer günstigen künftigen Geschäftsentwicklung – vor einem Jahr waren es noch 16 Prozent. 59,8 Prozent erwarten im Gegensatz zu 75,1 Prozent vor einem Jahr keine Veränderung. Und fast dreimal so viele Unternehmer wie vor einem Jahr rechnen damit, dass die künftigen Geschäfte schlechter laufen: Ihre Zahl stieg binnen Jahresfrist von 8,9 auf 26,7 Prozent.

Der Abschwung der Industrie hat sich im dritten Quartal fortgesetzt. Der Klimaindex fällt kräftig auf 95,9 Punkte – im Vorjahr lag er noch bei 127,6 Zählern. Die Stimmung sei „deutlich eingetrübt. Die Industrie meldet auch starke Rückgänge hinsichtlich der Investitionstätigkeiten, die Beschäftigtenzahlen werden zurückgehen – und auch das Exportgeschäft“. Als Grund dafür werden sowohl anhaltende Handelsstreitigkeiten als auch die Unsicherheit im Bereich Automotiv genannt.

Baubranche ist derzeit noch gut ausgelastet

Zugpferd der heimischen ­Konjunktur war vor allem die Bauwirtschaft – doch die vermeldet gemischte Zahlen. Aktuell laufe die Konjunktur weiterhin rund, doch bereite die zukünftige Entwicklung Sorgen. Als Risikofaktor machen die ­Unternehmen den Fachkräftemangel am Bau aus – neben der jahreszeitlich üblichen Eintrübung. Prinzipiell trifft die ausgelastete Kapazität jedoch auf eine unverändert hohe Nachfrage in allen Baubranchen. Der Klimaindex fällt jedoch auf 97,3 Punkte – im Vorjahr lag er noch bei 145,6 Punkten.

Positiv geht der Einzelhandel aus der Herbst-Umfrage hervor: „Der Zuwachs an Arbeitsplätzen und steigende Einkommen haben die Nachfrage stabil gehalten. Der Konsum brummt“, so IHK-Präsident Jordan. Die Konsumlaune der Bürger ist ungetrübt, was die heimischen Händler optimistisch auf das so wichtige Weihnachtsgeschäft blicken lässt. Der Klimaindex im Handel steigt demnach ordentlich an: Mit gut 122 Punkten liegt er sechs Zähler höher als noch im Vorjahr.

Dieser Entwicklung können sich die Gastronomen nicht anschließen: Das Gastgewerbe blickt sehr pessimistisch in die Zukunft – vor allem wegen bürokratischer Hemmnisse und einem gravierenden Fachkräftemangel. Dies erschwere eine konjunkturelle Fortentwicklung – der Klimaindex sinkt binnen Jahresfrist von 111,1 auf 100,4 Punkte.

Unternehmen gehen von sinkenden Zahlen aus 

Die Schwäche der Industrie hat auch das Verkehrsgewerbe erreicht. Das Beförderungsvolumen ist rückläufig und die Aussichten werden zunehmend ungünstig beurteilt. Die erneuten Zinssenkungen der EZB trüben bei den Banken und Sparkassen die Geschäftsaussichten. Statt einer allmählichen Normalisierung der Zinsen hat der Druck auf die Margen der Kreditinstitute wieder kräftig zugenommen. Der Klimaindex sinkt auf extrem schlechte 53,5 Punkte – von 92,6 Zählern im Vorjahr.

Die Dienstleistungsunternehmen wurden vom Abschwung der Industrie ebenfalls voll erfasst. Der Index fällt von 127,9 Punkten im Vorjahr auf nun 109,9 Punkte. Hinsichtlich der Beschäftigtenzahlen gehen übrigens 20,4 Prozent der befragten Unternehmer von sinkenden Zahlen aus, 15,9 Prozent rechnen mit einer steigenden Beschäftigtenzahl. Der Fachkräftemangel wird aber nach wie vor zu den größten konjunkturellen Risiken gezählt. 45,4 Prozent der Betriebe geben an, dass sie offene Stellen nicht nachbesetzen können.

„Die Konjunktur tut sich in einem schwierigen internationalen Umfeld schwer. Protektionismus und noch immer nicht absehbare Folgen eines Brexits verunsichern die Märkte“, so das Fazit von IHK-Präsident Jordan. Positive Impulse aus dem Ausland seien nicht zu erkennen. Die USA und China nähmen die Plätze eins und drei unter den deutschen Exportmärkten ein. „Daher ist es wichtig, dass Deutschland ein attraktiver Standort für die Unternehmen bleibt. Dazu zählt in erster Linie ein wettbewerbsfähiges Steuersystem und ein zügiger Ausbau der digitalen Infrastruktur“, erklärt Jordan.

von Andreas Schmidt