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Wirtschaft Corona drückt auf Gründerstimmung: Bringt aber auch Chancen
Mehr Hessen Wirtschaft Corona drückt auf Gründerstimmung: Bringt aber auch Chancen
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05:54 17.12.2020
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Wiesbaden

Die Corona-Pandemie bremst weiter den Unternehmergeist in Hessen. Nach einem Minus im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bei den Gewerbeanmeldungen im ersten Halbjahr habe es zwar in den Sommermonaten eine leichte Erholung gegeben, doch dürfte der verschärfte Lockdown für einen weiteren Dämpfer sorgen, erwartet der Geschäftsführer des Hessischen Industrie- und Handelskammertages (HIHK), Robert Lippmann. Das Gründen werde dadurch nicht leider. "In vielen Branchen steigt durch unklare Geschäftsaussichten das Risiko. Doch auch jetzt gilt: Not macht erfinderisch", so Lippmann Auch wenn ein Rückgang zu erwarten sei, sollte der unternehmerische Mut der Hessen nicht unterschätzt werden.

So lässt sich auch an der Entwicklung wachstumsträchtiger Start-ups ablesen, dass die Krise auch Chancen birgt. Sie haben in den vergangenen Monaten ebenfalls Auswirkungen der Pandemie zu spüren bekommen wie Umsatzrückgänge, eine knappere Liquidität und verzögerte Aufträge, wie das geschäftsführende Vorstandsmitglied der Business Angels FrankfurtRheinMain, Frank Müller, der Deutschen Presse-Agentur sagte. Die Zahl der Start-ups, die sich um Beteiligungskapital bewerben, sei deshalb aber nicht zurückgegangen - im Gegenteil: Es habe auch in den Krisen-Monaten viele hochqualitative Bewerbungen gegeben. "Selbst in Branchen, die durch Corona stark getroffen wurden, gab es Start-ups, die aus der Krise eine Chance gemacht haben und neue Ansätze gegen die Einschränkungen der Krise entwickelt haben." Start-ups seien sehr agil und geübt darin, bei Problemen die Geschäftskonzepte anzupassen.

Manche Gründer hätten auch gerade die Folgen der Pandemie für eigene Geschäftsideen genutzt: "Wir haben unter anderem viele Start-ups aus dem eHealth- sowie dem Homeschooling Bereich gesehen", sagte Müller. Auch im Bereich künstliche Intelligenz - etwa zur medizinischen Diagnose-Unterstützung sowie bei der Fehlersuche im Maschinenbau - seien Start-ups zunehmend aktiv.

Einschränkungen gab es allerdings bei der Finanzierung: "Start-ups, die sich bis zum Sommer beworben haben, hatten es teilweise etwas schwerer, Business Angels als Beteiligungsfinanzierer zu finden, da der Einbruch am Aktienmarkt einige - nicht alle - zurückhaltender gemacht hat", erklärte Müller. Auch habe es im Bereich Wagniskapital zunächst eine große Zurückhaltung gegeben. "Aber im zweiten Halbjahr ist die Investmentbereitschaft wieder gestiegen."

Wer als Gründer ein gutes Konzept hat, das die Corona-Pandemie vielleicht sogar gerade zur Chance macht, sollte aus Müllers Sicht nicht abwarten, dann sei es "höchste Zeit" zu gründen. "Allerdings sollte das Konzept auch nach Corona noch funktionieren", so Müller.

Auch HIHK-Geschäftsführer Lippmann berichtete, dass sich Ratsuchende derzeit an die hessischen IHKs wendeten, die gerade jetzt gründen wollten. "Die Corona-Pandemie schafft Marktnischen und gibt digitalen Geschäftsmodellen einen Schub. Das verstehen einige Gründer, Männer wie Frauen, als Chance und steigen mit kreativen Geschäftsmodellen in den Markt ein." Nach wie vor handele es sich bei den meisten Unternehmensgründungen um Einzelunternehmen. Gerade hier sieht Müller von den Business Angels FrankfurtRheinMain Vorteile für Start-ups, die häufig von mehreren Personen gegründet würden und dadurch stressresistenter seien als Einzelgründungen.

Durch den neuerlichen Lockdown erwatet der HIHK einen ähnlichen Rückgang im Gründungsgeschehen wie im Frühjahr 2020. Einerseits könnte der Lockdown möglicherweise noch deutlich länger dauern, andererseits würden in vielen Bereichen die Vorteile digitaler Absatzmöglichkeiten derzeit offenkundiger.

Ob es in diesen unsicheren Zeiten Sinn macht, eine Unternehmensgründung hinauszuzögern, muss aus Sicht von HIHK-Geschäftsführer Lippmanns letztlich jeder potenzielle Gründer für sich selbst entscheiden. So könnte es zwar einerseits das Geschäftsrisiko minimieren, auf eine breit wirksame Impfmöglichkeit gegen Covid-19 zu warten - andererseits aber dem Wettbewerb einen zeitlichen Vorsprung geben. "Marktchancen warten nicht", erklärte Lippmann. Zumal Entwicklungen wie die fortschreitende Digitalisierung die aktuelle Corona-Krise überdauern und von ihr noch beschleunigt würden.

dpa