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Wirtschaft Commerzbank bemüht sich um Lösung der Krise
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06:55 31.07.2020
Das Schild einer Commerzbank-Filiale nahe der Zentrale der Commerzbank. Quelle: Arne Dedert/dpa/Archivbild
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Frankfurt/Main

Wird es eine Woche der Entscheidung bei der Commerzbank? Der Aufsichtsrat nimmt an diesem Montag (3.8.) einen weiteren Anlauf, die Führungskrise bei dem teilverstaatlichten Frankfurter Institut zu beenden. Gesucht wird sowohl ein neuer Vorsitzender für das Kontrollgremium als auch ein neuer Konzernchef.

Fest steht: Für den amtierenden Aufsichtsratschef Stefan Schmittmann ist es die letzte Sitzung in dieser Funktion, Schmittmann hatte vor vier Wochen seinen Rücktritt zum 3. August angekündigt. Der Vertrag mit Konzernchef Martin Zielke wird spätestens zum 31. Dezember 2020 vorzeitig aufgelöst. Bis zur Berufung eines Nachfolgers führt Zielke die Geschäfte weiter.

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Der Doppelrücktritt traf die Commerzbank mitten in der Debatte über den künftigen Kurs. Daher ist ungewiss, ob das Management wie geplant mit Vorlage der Halbjahreszahlen an diesem Mittwoch (5.8.) die Strategie für die nächsten Jahre veröffentlichen wird.

Investoren und Aufsichtsräte pochen auf einen geordneten Prozess: Erst ein neuer Aufsichtsratschef, dann die Neubesetzung der Vorstandsspitze, anschließend die Festlegung der Strategie. "Es wäre eine Ohrfeige für einen neuen Vorstandschef, jetzt eine Strategie zu verabschieden", hieß es aus dem Aufsichtsrat nach dem jüngsten Zusammentreffen des Kontrollgremiums am 8. Juli.

In der knapp zehnstündigen Sondersitzung Anfang Juli war vor allem eines deutlich geworden: Schnell ist die Führungskrise nicht zu lösen. Weil sich keiner der amtierenden Aufsichtsräte für die Position des Vorsitzenden fand, sollte extern nach möglichen Nachfolgern für Schmittmann gesucht werden.

Der Finanzinvestor Cerberus, der mit seiner Kritik an Vorstand und Aufsichtsrat den Doppelrücktritt befördert hatte, würde gerne zwei Posten in dem 20-köpfigen Kontrollgremium mit Vertrauten besetzen. Der US-Fonds ist mit gut fünf Prozent zweitgrößter Aktionär der Commerzbank - nach dem deutschen Staat, der seit der Rettung des Instituts mit Steuermilliarden in der Finanzkrise 2009 größter Anteilseigner mit derzeit 15,6 Prozent ist. Der "Höllenhund" Cerberus hatte der Führung des im September 2018 in den MDax abgestiegenen Instituts vorgeworfen, "über Jahre eklatant versagt" zu haben.

Zielke hatte eingeräumt, dass die im Herbst beschlossenen Maßnahmen nicht durchschlagend genug waren, um die Bank im Zinstief profitabler zu machen. Zu allem Überfluss verdarb die Corona-Krise der Commerzbank dann auch noch den Start ins Jahr 2020 und lässt das Gewinnziel für das Gesamtjahr wackeln. Analysten rechnen sowohl in diesem Jahr als auch 2021 unter dem Strich mit einem Verlust. Für das zweite Quartal erwarten die Experten immerhin einen kleinen Gewinn.

Im vergangenen September hatte der Vorstand angekündigt, konzernweit 4300 Vollzeitstellen zu streichen, zugleich aber in strategischen Bereichen wie Vertrieb, IT und Regulatorik 2000 Jobs zu schaffen. Somit ergab sich unter dem Strich ein Abbau von etwa 2300 Stellen. Zudem beschloss das Management im Herbst, etwa 200 Filialen und damit jeden fünften Standort in Deutschland zu schließen.

Zuletzt lagen dem Vernehmen nach Pläne zu einer drastischen Verschärfung dieses Sparkurses auf dem Tisch. Die Zahl der zuletzt knapp 40 000 Vollzeitstellen könnte demnach um bis zu ein Viertel gekappt werden. Das Filialnetz soll erheblich verkleinert werden: Von ursprünglich 1000 Standorten könnten gerade einmal 200 übrig bleiben, in denen Kunden sich beraten lassen können. Aber auch das Auslandsgeschäft soll eingedampft werden, was 1000 bis 1500 Vollzeitstellen im Firmenkundenbereich kosten könnte.

Wer immer Zielke beerbt, muss harte Einschnitte durchsetzen. Als aussichtsreiche interne Kandidaten für den Posten des Chief Executive Officer (CEO) gelten Finanzvorständin Bettina Orlopp sowie der seit Januar als Firmenkundenvorstand tätige Roland Boekhout, ehemals Chef der Direktbank ING-Diba (heute ING Deutschland).

dpa