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Hessen Standhaft und glaubwürdig
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18:20 29.03.2020
Dr. Thomas Schäfer Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Wer den verstorbenen Finanzminister Dr. Thomas Schäfer auch nur ein wenig gekannt hat, für den ist unvorstellbar, dass sich der Biedenköpfer das Leben genommen hat. Schäfer war ein lebensfroher, zugewandter und humorvoller Mensch – er lachte selbst gern und er setzte seine humorvollen Spitzen stets mit feiner Ironie. In einem OP-Interview sagte er einmal auf die Frage, wie er mit Druck aus der Öffentlichkeit umgehe: „Wenn so richtig die Dackel niedrig fliegen, wird mein Blutdruck eher niedriger als höher. Das kann man komisch finden, aber es hilft beim täglichen Arbeiten schon.“  Schäfer war bei aller zeitlichen Belastung und bei aller Bürde, die das Amt mit sich brachte, auch ein Mensch, der sich viel und gern in seinem Heimatkreis Marburg-Biedenkopf aufhielt. Zahllose Bewilligungsbescheide überreichte er persönlich im Landkreis. Und er war seiner Heimatstadt noch immer verbunden. Bis zum Schluss arbeitete er ehrenamtlich als Stadtverordneter. Sein Mandat als Kreistagsmitglied übte er von 1990 bis zum Jahr 2012 aus, musste es dann aber niederlegen, um eine Interessenskollision nach dem Aufspannen des Schutzschirms für den Landkreis Marburg-Biedenkopf zu vermeiden.

Zehn Jahre lang war Christdemokrat Dr. Thomas Schäfer Finanzminister in Hessen – hoch anerkannt auch beim politischen Konkurrenten und weit über die Grenzen Hessens hinaus. Viele halten das Gelingen der schwarz-grünen Koalition auf Landesebene auch für ein Verdienst von Thomas Schäfer. Stets freundlich im Umgangston, dabei entschieden in der Sache, wirkte er meistens entspannt und zudem undogmatisch. Seine politische Grundüberzeugung hat er so formuliert: „Standhaftigkeit und Glaubwürdigkeit der politischen Klasse kommen in unserer schnelllebigen Welt ins Wanken. Wir als politische Vertreter sollten uns nicht der täglichen medialen Siegerehrung hingeben, sondern standhaft bleiben und auch unpopuläre Überzeugungen durchhalten.“ Vielleicht war dieser Grundsatz auch der Leitsatz für die weitgehend geräuschlose Arbeit der Koalition.

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Die Verlagerung von Behördenarbeitsplätzen von den Großstädten in den ländlichen Raum, die Neuregelung des kommunalen Finanzausgleichs und die Einrichtung des Schutzschirms für finanzschwache Kommunen waren drei wichtige Projekte seiner Amtszeit. Mit dem Hilfsangebot für überschuldete Städte und Gemeinden hatte Schäfer in Hessen schon vor Jahren umgesetzt, was Bundesfinanzminister Olaf Scholz nun in ähnlicher Weise bundesweit plant. Unumstritten waren seine politischen Entscheidungen in der Landespolitik nicht immer – weder die strengen Regeln für Schutzschirm-Kommunen noch die Aufnahme so genannter Derivate auf dem Finanzmarkt zur Absicherung niedriger Zinsen. Dieser Umstand änderte aber nichts an der hohen Wertschätzung für den Menschen und Politiker Dr. Thomas Schäfer in allen Parteien. Dazu trug sicherlich seine Rolle bei der Rettung von Opel 2009, noch als Finanz-Staatssekretär, maßgeblich bei.

Schäfer konnte bereits 2016 einen ersten Landeshaushalt ohne neue Schulden vorlegen. Die „Schuldenbremse“ wurde in die Landesverfassung aufgenommen und gehörte zu den Grundüberzeugungen des Biedenköpfers. Umso gravierender der Beschluss, den der hessische Landtag auf Schäfers Betreiben in der vergangenen Woche fasste: der Corona-Schutzschirm mit einem Volumen von 8,5 Millionen Euro, verbunden mit der Lockerung der Schuldenbremse.

Begonnen hatte Thomas Schäfer seine Karriere als Landespolitiker nach der Landtagswahl 1998. Schäfer wurde, ein Jahr nach seinem Staatsexamen, Büroleiter im Justizministerium von Dr. Christean Wagner aus Goßfelden. 2002 wechselte er als Büroleiter in die hessische Staatskanzlei, 2005 schließlich wurde er Staatssekretär im Finanzministerium. Im Jahr 2012 schließlich wurde Dr. Thomas Schäfer als Finanzminister berufen.

Sein Fach hat Thomas Schäfer von der Pike auf gelernt. Er begann 1985 seine Lehre bei der Kreissparkasse Biedenkopf und war auch noch während seines Jurastudiums bei der Biedenköpfer Kreissparkasse als PC-Koordinator tätig. Und nebenbei: als Torhüter im Trikot des TV Biedenkopf feierte Schäfer auch sportliche Erfolge.

Schäfer, ein Baum von einem Mann, wird in der hessischen Landespolitik fehlen. „Wir sehen ihn noch vor uns: Stabil wie kein Zweiter, jederzeit Herr der Lage, kompetent, durchsetzungsfähig, bodenständig, mit ausgesprochenem Humor ausgestattet - und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in besonderem Maße zugewandt“, schrieb Finanzstaatssekretär Dr. Martin Worms gestern in einer Presseerklärung.

Aufgrund des Todes von Schäfer hat Innenminister Peter Beuth gestern für alle öffentlichen Gebäude und Dienststellen des Landes Hessen Trauerbeflaggung für drei Tage angeordnet. Das Innenministerium empfiehlt allen Städten und Gemeinden sowie Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts sich anzuschließen bis zum Eintreten der Dunkelheit am kommenden Dienstagabend, 31. März 2020 die Fahnen auf Halbmast zu setzen.

Hinweis

Sie befinden sich in einer verzweifelten Lage? Dann wenden Sie sich bitte an folgende Rufnummern:

Telefonhotline (kostenfrei, 24 h), auch Auskunft über lokale Hilfsdienste:

  • (0800) 111 0 111 (ev.)
  • (0800) 111 0 222 (rk.)
  • (0800) 111 0 333 (für Kinder / Jugendliche)
  • E-Mail unter www.telefonseelsorge.de

Weitere Stimmen zum Tod von Dr. Thomas Schäfer

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