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Politik Streit um Schulöffnung - Kehrtwende bei Wechselunterricht
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18:32 18.03.2021
Eine Schultafel steht in einem Klassenzimmer in einer Schule.
Eine Schultafel steht in einem Klassenzimmer in einer Schule. Quelle: Bodo Schackow/dpa-Zentralbild/ZB/Archivbild
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Wiesbaden

Von Montag an sollten alle Schüler in Hessen tageweise zurück in den Unterricht. Dieser Plan des Kultusministeriums stieß aber auf immer breitere Kritik. Erste Städte und Kreise erteilten dem Land wegen steigender Infektionszahlen in der Pandemie eine Abfuhr, Eltern riefen zum Protest auf. Am Donnerstag dann die Kehrtwende der Landesregierung. Das Corona-Kabinett habe beschlossen, "dass wir diesen Einstieg in den Wechselunterricht und auch den entsprechenden Präsenztag nicht vornehmen", sagte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). Dieser Schritt sei bereits angekündigt worden, sollten die Infektionszahlen zu hoch sein.

Wegen der Corona-Pandemie wird derzeit für die Klassen 1 bis 6 Wechselunterricht angeboten: Jeweils die Hälfte der Klasse kommt jeden zweiten Tag oder jede zweite Woche in die Schule. Nur die jeweiligen Abschlussklassen bekommen vollständigen Präsenzunterricht. Die Jahrgangsstufen 7 bis 11 lernen im Distanzunterricht, also zu Hause im sogenannten Homeschooling.

Am 9. März verkündete Kultusminister Alexander Lorz (CDU), dass in den letzten zwei Wochen bis zu den Osterferien - also 22. März bis 1. April - "für jede Schülerin/jeden Schüler an mindestens einem Tag pro Woche Präsenzzeit in der Schule stattfinden soll". Als Voraussetzung für die geplanten Öffnungsschritte galt, dass der landesweite Inzidenzwert nicht über 100 steigt - am Donnerstag wurde genau dieser Wert erreicht.

Die Schulen waren über die nun zurückgenommenen Öffnungspläne überrascht - und wenig begeistert, wie aus zahlreichen Elternbriefen hervorgeht. "Besondere Sorgen bereiten uns in der Zeit bis zu den Osterferien die Hofpausen", sagte beispielsweise der Schulleiter der Frankfurter Musterschule, Stefan Langsdorf, in einem Elternbrief. Die Schüler hätten sich lange nicht gesehen, in der Wiedersehensfreude könnten Abstandsregeln leicht vergessen werden, wies er auf Gefahren hin. "Es wäre fatal, wenn die beiden Präsenztage vor den Ferien unser aller Gesundheit gefährden und die möglichst geregelte Aufnahme des Präsenzunterrichts nach den Osterferien in Gefahr bringen würden."

Manch einer vermutet, die Öffnungspläne seien der Kommunalwahl am vergangenen Sonntag geschuldet gewesen. Der Main-Kinzig-Kreis und die Stadt Hanau haben dem Kultusministerium einen Brief geschrieben. Darin baten sie das Ministerium nach eigenen Angaben, "die kurz vor der Kommunalwahl angekündigten vorverlegten Öffnungsschritte wieder zurückzunehmen".

Im Laufe der Woche sperrten sich dann immer mehr Städte und Kreise gegen die geplante Öffnung. Bis Donnerstagmittag hatten Stadt und Kreis Offenbach sowie die Kreise Main-Kinzig, Groß-Gerau, Lahn-Dill, Marburg-Biedenkopf, Fulda, Gießen und Werra-Meißner abgewunken.

Die Stadt Frankfurt forderte "eine hessenweit einheitliche Regelung". Der ab Montag geplante Einstieg in den Wechselunterricht müsse landesweit ausgesetzt werden - wegen steigenden Infektionszahlen und "aufgrund der noch nicht erfolgten Impfungen durch das Aussetzen der Impfungen mit Astrazeneca sowie der noch nicht zur Verfügung stehenden Schnelltests des Landes". Diese einheitliche Regelung hat die Landesregierung nun ausgesprochen.

Es wäre sinnvoller, die zwei Wochen vor Ostern dazu zu nutzen, ein gutes Konzept für den Wechselunterricht nach Ostern zu entwickeln, sagte der GEW-Vorsitzende in Hessen, Maike Wiedwald.

Es gebe "auf allen Seiten das Bedürfnis nach einer Rückkehr zur schulischen Normalität", schrieb Lorz den Schulen im Vorfeld der Entscheidung des Corona-Kabinetts. Die tageweise Rückkehr vor Ostern "entspricht auch den Rückmeldungen, die wir in den vergangenen Tagen und Wochen erhalten haben - von der aus Schulpraktikerinnen und Schulpraktikern bestehenden Konzeptgruppe Schuljahr 2020/2021, von Interessenvertretungen und Verbänden, von der Landesschülervertretung und vom Landeselternbeirat."

An einzelnen Schulen riefen Eltern aber bereits zum Boykott auf, etwa an der Melibokusschule in Alsbach-Hähnlein (Kreis Darmstadt-Dieburg). Zur Begründung hieß es unter anderem: "Eine seriöse Teststrategie als Grundlage der Öffnungsschritte fehlt." Außerdem werde damit der Distanzunterricht "erheblich negativ beeinflusst: Unsere Kinder erhalten dadurch weniger Unterricht."

Die weiterführenden Klassen an den Schulen blieben nun weiter im Distanzunterricht, sagte Bouffier. Hessen halte grundsätzlich an seinen Planungen für die Schulen fest, sollte es das Infektionsgeschehen zulassen. Bislang ist vorgesehen, dass die Grundschulen nach den Osterferien ab Mitte April in den eingeschränkten Regelbetrieb mit fünf Tagen pro Woche Unterricht gehen.

"Im Sinne des Gesundheitsschutzes ist diese Entscheidung folgerichtig und gut", sagte der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung in Hessen, Stefan Wesselmann zur Entscheidung des Corona-Kabinetts. Nun müsse das Land die Zeit vor und in den Osterferien nutzen, um möglichst viele Beschäftigte an den Schulen zu impfen und ein Konzept für die regelmäßige Testung von Schülerinnen und Schülern umzusetzen.

Die angekündigten Schnelltests für die Schulen kommen erst nach den Osterferien, wie aus der Regierungserklärung von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) am Dienstag hervorging. Am Freitag will Lorz zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) ein "Testmobil" für Ausbrüche an Schulen vorstellen.

© dpa-infocom, dpa:210318-99-868674/6

dpa