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Politik Virologe: Corona-Wissen hilft, neuen Lockdown zu vermeiden
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18:12 25.08.2020
Virologe Stephan Becker an der Philipps-Universität Marburg. Quelle: Arne Dedert/dpa/Archivbild
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Wiesbaden/Marburg

Ein halbes Jahr nach der ersten bestätigten Corona-Infektion eines Hessen sind die täglichen Meldungen über Neuerkrankungen zur Routine geworden. Mittlerweile haben sich insgesamt 14 809 Menschen im Bundesland mit dem Virus angesteckt, 528 sind an den Folgen gestorben. Auch das Wissen über den neuen Erreger ist in den vergangenen sechs Monaten angewachsen und dabei ist klar geworden, dass wir noch länger mit der Pandemie leben müssen. Herbst und Winter werden dabei zur nächsten Herausforderung: Wenn sich die Menschen wieder mehr drinnen aufhalten, drohen verstärkt Neuinfektionen.

"Dieses erste halbe Jahr des Lebens mit Corona ist in Deutschland besser verlaufen, als angesichts der Bilder aus Italien und Frankreich zunächst befürchtet wurde", sagte Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) am Dienstag. Er lobte die hiesigen Beteiligten: "Niedergelassene Ärzteschaft, Krankenhäuser und öffentlicher Gesundheitsdienst arbeiten Hand in Hand und haben durch die Krise eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit etabliert, die noch wenige Monate zuvor so undenkbar schien." Zudem wäre es ohne "herausragende" Wissenschaftler nicht möglich gewesen, in so kurzer Zeit so viel im Umgang mit dem neuartigen Virus zu lernen.

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"Anfangs haben wir alle geglaubt, dass das Virus nicht leicht übertragbar ist", sagte der Marburger Virologe Stephan Becker der Deutschen Presse-Agentur. Denn Viren, die wie Sars-CoV-2 von Tieren auf den Menschen überspringen, haben demnach normalerweise Schwierigkeiten, sich zu adaptieren. "Als deutlich wurde, dass das bei dem neuen Coronavirus anders ist, hat uns das wirklich sehr umgetrieben. Denn das bedeutete, dass die Eindämmung sehr, sehr schwer werden wird." Was die Wissenschaft aber auch gelernt habe: "Dass wir solche durch die Luft übertragbaren Viren überhaupt eindämmen können. Das hat vorher ja keiner geglaubt."

Rückblick: Am 27. Februar 2020 wird bekannt, dass sich ein 31-Jähriger aus Wetzlar mit dem Virus angesteckt hat. Auf der eilig einberufenen Pressekonferenz einen Tag später macht Minister Klose klar: "Wir müssen insgesamt davon ausgehen, dass wir weitere Fälle sehen werden". Ab Mitte März überschlagen sich dann die Ereignisse. Schulen und Kitas machen bis auf eine Notbetreuung dicht, kurz darauf müssen Läden und Lokale schließen und es gelten strenge Kontaktbeschränkungen. Die Wirtschaftswelt zieht sich ins Homeoffice oder in die Kurzarbeit zurück. Kurz: Der Lockdown ist da. Vorsichtige Lockerungen gibt es erst wieder im Mai.

"Dieser Lockdown war total wichtig", meint Becker, der Direktor des Instituts für Virologie an der Uni Marburg ist. "Er hat uns gezeigt, wie man mit so einem Virus umgehen kann und dass es möglich ist, es einzudämmen. Wir haben aber auch gelernt, dass wir das so nicht noch einmal wollen", sagte er auch mit Blick auf wirtschaftliche, soziale oder gesundheitliche Folgen. "Dadurch, dass wir das Virus besser kennengelernt und verstanden haben, was die riskanten Situationen sind, können wir glaube ich einen weiteren, flächendeckenden Lockdown vermeiden."

Angesichts steigender Infektionszahlen - auch wegen zahlreicher getesteter Sommerurlaub-Rückkehrer - wächst derzeit die Sorge, dass neue Einschränkungen zumindest lokal und regional eingeführt werden. Das ist bereits in Offenbach oder Hanau der Fall. Das Vorgehen regelt ein vom Land festgelegtes Stufenkonzept je nach Infektionsgeschehen. Dieses habe sich bewährt, sagte Klose. Er appellierte an die Menschen, sich an die Abstands- und Hygieneregeln sowie an die Maskenpflicht zum Schutz vor einer Infektion zu halten: "Es ist an uns allen, dazu beizutragen, sich, seine Familie und die Gemeinschaft bestmöglich zu schützen."

Bis der normale Alltag wieder einkehren kann, "müssen wir alles nutzen, was wir haben, um die Ansteckungszahlen so niedrig wie möglich zu halten", betonte auch Virologe Becker. Ein Impfstoff sei dabei nur eine Maßnahme von mehreren. Der Marburger ist mit seinem Team - wie Forscher weltweit - an der Suche nach einem Corona-Impfstoff beteiligt. Nötig seien im Kampf gegen das Virus zudem die Hygienemaßnahmen, die Weiterentwicklung von Medikamenten sowie technische Lösungen, um Innenräume gerade im Winter besser zu durchlüften und eine hohe Viruslast zu vermeiden.

Dem Wissenschaftler zufolge wäre ein optimaler Impfstoff einer, der eine Infektion komplett verhindert. "Ob das klappt, das kann ich momentan nicht vorhersagen. Aber ich bin sehr sicher, dass wir einen Impfstoff bekommen werden, der die schweren Verlaufsformen abmildert. Das würde für unser tägliches Leben schon enorm viel bringen."

dpa