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Politik Teil-Lockdown kam nicht unerwartet: Erste Klagen laufen
Mehr Hessen Politik Teil-Lockdown kam nicht unerwartet: Erste Klagen laufen
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16:52 02.11.2020
Geschlossene Kneipen in der menschenleeren Kleinen Rittergasse in Alt-Sachsenhausen spiegeln sich am frühen Morgen in einer großen Pfütze. Quelle: Arne Dedert/dpa
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Berlin/Wiesbaden/Frankfurt

Auch in Hessen hat am Montag der Teil-Lockdown zur Eindämmung der Corona-Pandemie begonnen. Eine Umfrage zeigt: Für die Hessen kam das nicht überraschend. Die ersten Betriebe wehren sich vor Gericht. Hessische Politiker verteidigen die Entscheidungen. Die Krankenhausgellschaft warnt vor Überlastung der Intensivstationen. Am Montag lagen alle Kommunen über der als kritisch geltenden Schwelle von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen.

Die Zahl der gemeldeten Infektionen mit dem Coronavirus ist in Hessen nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) am Montag im Vergleich zum Vortag um 1307 gestiegen (Stand 00.00 Uhr). Neun weitere Todesfälle wurden mit dem Virus in Verbindung gebracht, die Gesamtzahl seit Beginn der Pandemie liegt in Hessen damit nun bei 663.

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Laut dem Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) lagen in Hessen 204 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, das entspricht einer Belegung von zwölf Prozent aller Intensivbetten. 110 Patienten wurden demnach beatmet (Stand Montag 12.15 Uhr).

Wenn es nicht gelingt, die Kurve der Corona-Neuinfektionen abzuflachen, können auch in hessischen Kliniken Engpässe drohen. "Die für Covid-Patienten bereitgehaltenen Plätze laufen zusehends voll", sagte der Geschäftsführende Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft, Prof. Steffen Gramminger. "Ohne Gegenmaßnahmen und ohne Nachsteuern" reichten die Kapazitäten für Covid-Patienten in Hessen "vielleicht noch eine Woche oder zehn Tage."

Die höchsten Werte bei der Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen verzeichneten nach Angaben des hessischen Sozialministeriums der Kreis Marburg-Biedenkopf mit 295,3 und die Stadt Offenbach mit 257,3. Am Ende der Skala lag der Werra-Meißner-Kreis mit 52,8.

Die ersten Betriebe wehren sich gegen ihre erneuten Schließungen durch den Teil-Lockdown. "Im Zusammenhang mit dem heute beginnenden "Zweiten Lockdown" sind bereits drei infektionsschutzrechtliche Normenkontroll-Eilverfahren beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof eingegangen", sagte ein Gerichtssprecher am Montag in Kassel. Geklagt haben die Betreiber eines Tattoo-Studios, eines Yoga-Studios und einer Musikschule.

Der Hotel- und Gastronomieverband Dehoga Hessen setzt auf Dialog statt Konfrontation mit der Politik. "Uns allen muss klar sein, dass wir nicht gegeneinander, sondern miteinander gegen die Pandemie und ihre Auswirkungen kämpfen", sagte Hauptgeschäftsführer Julius Wagner am Montag. Wenn man mit der Politik und dem Verständnis der Bürger gute Lösungen erreiche, "dann ziehen wir diesen Weg einer gerichtlichen Auseinandersetzung vor".

Für die Mehrheit der Hessen kam der Teil-Lockdown nicht überraschend. 57 Prozent rechneten vor der Bekanntgabe der Einschränkungen mit einem zweiten Corona-Lockdown, wie aus einer von der Krankenkasse AOK Hessen in Auftrag gegebenen repräsentativen Erhebung hervorgeht. Jeder fünfte Befragte gab an, bereits auf das Coronavirus getestet worden zu sein. Bei fünf Prozent der Interviewten lagen dabei Symptome vor.

Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) und Kulturministerin Angela Dorn (Grüne) verteidigten den Teil-Lockdown: "Die Infektionszahlen steigen seit Wochen an. Wir haben diesen Trend bis heute nicht stoppen können", erklärten sie am Montag. Das lasse nur einen Schluss zu: Man müsse die Kontakte wieder massiv reduzieren. Es gebe keinen anderen Weg, um die Verbreitung des Virus einzudämmen.

dpa