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Politik Schüler, Eltern und Lehrer sehen Schulöffnungen kritisch
Mehr Hessen Politik Schüler, Eltern und Lehrer sehen Schulöffnungen kritisch
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13:42 24.04.2020
Einzelplätze sind einem Klassenzimmer einer 4. Klasse vorbereitet. Quelle: Arne Dedert/dpa
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Wiesbaden

Unter strengen Hygieneregeln beginnt am kommenden Montag (27. April) schrittweise wieder der Unterricht an Hessens Schulen. Zunächst sollen die Abschlussklassen der weiterführenden Schulen zurückkehren, der Start für die 4. Klassen der Grundschulen wurde dagegen durch eine Gerichtsentscheidung am Freitag gestoppt. In den Schulen laufen die Vorbereitungen seit Tagen auf Hochtouren. Viele Eltern, Schüler und Lehrer fühlen sich von der Landesregierung schlecht informiert und allein gelassen. Erst rund eine Woche nach der Ankündigung einer schrittweisen Öffnung verschickte das Kultusministerium ein Hygieneplan "Corona", es blieb ein Wochentag zur konkreten Vorbereitung. Wegen der Corona-Pandemie gab es seit 16. März keinen Präsenzunterricht mehr.

WELCHE CORONA-REGELN GELTEN?

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Auch an den Schulen muss ein Mindestabstand von eineinhalb Metern eingehalten werden. Das bedeutet unter anderem: Die Tische in den Klassenräumen werden auseinandergestellt, es sind deutlich weniger Schüler pro Raum zugelassen als sonst - höchstens 15. "Unter Beachtung dieser Regeln ist im Unterricht das Tragen von Masken daher nicht erforderlich, gleichwohl selbstverständlich zugelassen", teilte das Kultusministerium mit.

Mehrmals täglich muss laut Hygieneplan ausgiebig gelüftet werden. In allen Toilettenräumen sollen Flüssigseife und Einmalhandtücher bereitstehen. Lehrer, die älter als 60 Jahre sind, werden nur auf freiwilliger Basis für den Präsenzunterricht eingeteilt. Das gleiche gilt für Lehrkräfte aus Risikogruppen. Schüler mit bestimmten Vorerkrankungen oder mit engem Kontakt zu Menschen, die einer Risikogruppe angehören, sind nach ärztlichem Attest vom Schulbetrieb befreit.

Sofern es im unmittelbaren Umkreis der Schule Haltestellen für Schulbusse oder den ÖPNV gibt, sollen die Schulen dort für eine Aufsicht sorgen, damit Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden. In Bussen und Bahnen gilt ab Montag in Hessen eine Maskenpflicht.

WIESO STARTEN DIE VIERTKLÄSSLER NICHT?

Die Schulpflicht für Viertklässler in Hessen wurde am Freitag vorläufig außer Kraft gesetzt. Das ging aus einer Entscheidung des Verwaltungsgerichtshof in Kassel hervor. Die Richter gaben dem Eilantrag einer Schülerin aus Frankfurt Recht, die sich gegen eine Landesverordnung zur Bekämpfung der Corona-Pandemie richtet. Die Viertklässler würden im Vergleich zu Schülern, denen aus Gründen des Infektionsschutzes der Schulbesuch bis zum 3. Mai weiter untersagt werde, ohne hinreichenden Grund ungleich behandelt und in ihrem Grundrecht verletzt. Die Entscheidung gilt für Schüler der 4. Jahrgangsstufe der Grundschulen, der Sprachheilschulen und der Schulen mit den Förderschwerpunkten Sehen oder Hören. Der Beschluss ist unanfechtbar. (Aktenzeichen: 8 B 1097/20.N)

GIBT ES ÜBERHAUPT GENUG LEHRER?

Jede fünfte Lehrkraft an hessischen Grundschulen kann in der Corona-Pandemie voraussichtlich nicht im Präsenzunterricht an den Schulen eingesetzt werden. Diese Lehrerinnen und Lehrer gehörten entweder selbst zu einer Risikogruppe oder lebten mit Menschen aus einer Risikogruppe zusammen, sagte Kultusminister Alexander Lorz (CDU). Das Land schätze deren Anteil auf 20 Prozent. Die betroffenen Kollegen sollen vorrangig die Betreuung der Jahrgänge übernehmen, die weiter von zuhause aus lernen. Angesichts drohender Personalengpässe können künftig Gymnasien verpflichtet werden, Lehrkräfte an Grundschulen abzuordnen, kündigte Lorz an. Die weiterführenden Schulen erhielten dafür Ersatz.

WAS SAGEN DIE ELTERN?

"Es ist eine Katastrophe", fasst der Vorstandsvorsitzende des Landeselternbeirates, Korhan Ekinci, die Situation zusammen. Die Schulen stünden vor einer Vielzahl von Problemen, etwa was die Hygiene- und Abstandsregeln angeht. Die mögliche Klassengröße von maximal 15 Schülern sei mit dem geforderten Abstand von eineinhalb Metern nicht vereinbar - "es sei denn, der Klassenraum ist 140 Quadratmeter groß". In der Praxis könnten meist nur sieben bis acht Schüler in einem Raum sitzen. Dadurch müssten jedoch zusätzliche Lehrer in der Betreuung eingesetzt werden, die allerdings die Klasse nicht kennen. "Außerdem zählen viele Kollegen zur Risikogruppe."

Die Schulen hatten nach den Worten von Ekinci viel zu wenig Zeit, sich auf die Öffnung ab dem 27. April vorzubereiten. Mit Blick auf die 4. Klassen der Grundschulen sei diese Öffnung auch völlig sinnlos, da der relevante Stoff ohnehin an der weiterführenden Schule wiederholt werde. Der Beschluss der Landesregierung zur Schulöffnung sei "ganz weit weg von der Wirklichkeit", die Entscheidung sei ohne Rücksprache mit den Eltern und Praktikern vor Ort gefallen. Auch bei der Anfahrt mit dem Schulbus seien viele Fragen offen - etwa, wie die Abstandsregeln im Bus eingehalten werden können und ob ausreichend Busse auch zu verschiedenen Zeiten unterwegs sind, falls eine Schule im Schichtsystem unterrichten sollte.

WAS SAGEN DIE SCHÜLER?

Die Meinung in der Schülerschaft zu den Öffnungen ist nach den Worten des Landesschulsprechers Paul Harder gespalten. Viele hätten die Infektionsrisiken im Blick, etwa wenn sie selbst zu einer Risikogruppe gehörten oder mit besonders gefährdeten Menschen zusammen lebten. Auf der anderen Seite habe er schon von wachsenden Spannungen und auch Gewalt in Familien gehört, sagte Harder. Daher könne es auch gut sein, wenn es wieder mehr Abstand zwischen Eltern und Kindern gebe. Die Schüler hätten sich gewünscht, dass es schneller konkrete Vorgaben vom Land gegeben hätte. "Viele Schulen sind überfordert", sagte Harder. Es fehle an Personal, um in der kurzen Zeit alles umzusetzen. "Es kann sein, dass die Schulöffnungen voreilig waren", sagte der Schülersprecher. Lehrer und Schüler würden womöglich "als Testobjekte missbraucht", um die Auswirkungen einer Lockerung der Corona-Regeln betrachten zu können.

WAS SAGEN DIE LEHRER?

Viele Schulen halten nach Einschätzung der Lehrergewerkschaft GEW die Öffnung ab 27. April weder für sinnvoll noch zulässig. Es habe viel zu lange an konkreten Vorgaben von Seiten des Kultusministeriums und damit an Vorbereitungszeit gemangelt, kritisierte der stellvertretende Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Tony Schwarz. Speziell die Grundschulen stünden unter einem enormen Druck. Vielerorts seien nur rund ein Drittel bis die Hälfte der Lehrerkräfte einsetzbar, da viele Kollegen und Kolleginnen etwa aus Altersgründen zur Risikogruppe zählten. Besonders prekär sehe es auch an den Berufsschulen aus: Hier besuchten bis zu 80 Prozent der Schüler eine Abschlussklasse. "Die Abstandsregeln sind dort nicht einhaltbar."

dpa

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