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Politik Polizei rückt in Dannenröder Forst vor
Mehr Hessen Politik Polizei rückt in Dannenröder Forst vor
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20:42 10.11.2020
Ein Aktivist (gelbe Jacke) wird von Polizisten eines Spezialeinsatzkommandos SEK aus einem Baumhaus entfernt. Quelle: Boris Roessler/dpa
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Homberg/Ohm

Nach monatelangen Protestaktionen gegen die Rodung des Dannenröder Forstes haben mehrere hundert Polizisten aus ganz Deutschland die Räumung des Waldstücks vorbereitet. Am Dienstagmorgen waren die Beamten in dem Forst bei Homberg/Ohm vereinzelt mit Steinen und Pyrotechnik beworfen worden, wie die Polizei Mittelhessen mitteilte. Ein größeres Aufgebot von Einsatzkräften ging auch in eines der Waldbesetzer-Camps. Acht Demonstranten versuchten der Polizei zufolge auf Baumaschinen zu klettern. Dabei sei ein Schlagstock eingesetzt und ein Aktivist verletzt worden. Teile des Waldstücks werden seit über einem Jahr von Umwelt- und Klimaschützern besetzt gehalten, um die geplante Rodung für den Weiterbau der Autobahn 49 zu verhindern.

Die Beamten räumten größere Hindernisse wie gestapelte Baumstämme und Äste mit Draht von den Wegen sowie Gegenstände aus dem Camp. "Es ging darum, die Zufahrtsstraßen frei zu machen", sagte ein Polizeisprecher. Dafür wurden nach Polizeiangaben auch ausgehobene Gräben und Löcher aufgefüllt.

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Auf Baumhäusern in großer Höhe sowie auf Plattformen hielten sich Aktivisten in dem Camp auf, das sich bis zum Mittag zunehmend mit Menschen füllte. Im Zuge des Polizeieinsatzes wurden auch erste Aktivisten aus Bäumen geholt und abgeführt. Am Dienstagabend teilte die Polizei mit: "Insgesamt wurden heute acht Ermittlungs- sowie 15 Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet. 17 Personen wurden in Gewahrsam genommen und zum Teil bereits nach den polizeilichen Maßnahmen wieder entlassen." Ein Baumhaus wurde entfernt. Immer wieder waren Rufe wie "Danni bleibt!" zu hören. Auch mehrere Tripods - dreibeinige Gestelle aus Stangen oder Stämmen - hatten die Aktivisten in der Nähe errichtet, um einen Weg zu blockieren.

Der Bund für Umwelt- und Naturschutz forderte, die Räumungen wenigstens bis zum Rückgang der Corona-Infektionen zurückzustellen. "Es ist übermäßig Traurigkeit und Wut, dass zu Zeiten wie diesen, in denen wir uns in der Klimakatastrophe befinden, immer noch gesunde Habitate, die so selten sind, zerstört werden für eine Verkehrspolitik, die unseren Planeten zerstört", sagte eine Aktivistin.

Zunächst einmal seien nur Arbeiten im Bodenbereich geplant, hieß es von einer Polizeisprecherin. "Wie die Proteste sich jetzt gestalten, müssen wir uns wirklich überraschen lassen."

Im südlichen Bereich des Forsts wurde nach Polizeiangaben auch ein Zaun errichtet, um dort einen Logistikbereich anzulegen. Rodungen waren zunächst noch nicht geplant. Im nördlichen Bereich sollten Gefahrenquellen identifiziert und beseitigt werden.

Es wird erwartet, dass es zu einer Räumung des Waldes kommt, damit die Baumfällarbeiten demnächst starten können. Wann genau, war aber auch am Dienstag zunächst noch unklar. Die Aktivisten hatten dagegen weiteren Widerstand angekündigt. Die Initiative "Wald statt Asphalt" twitterte: "Der Polizeieinsatz im #dannibleibt hat begonnen. Der Wald braucht euch jetzt! Schnappt eure Rucksäcke und Freund:innen - los gehts!" Wie das Aktionsbündnis "Keine A49" rief auch "Wald statt Asphalt" zu einer Menschenkette am Dannenröder Forst auf. Man wolle sich beschützend vor den Wald stellen, hieß es in dem via Twitter verbreiteten Aufruf.

Aus Protest gegen die Rodungen beendete der Landestierschutzverband Hessen nach eigenen Angaben seine Mitwirkung am "Runden Tisch Tierwohl" der schwarz-grünen Landesregierung. "Aus unserer Sicht entbehrt es jeder Sinnhaftigkeit, mit einer Regierungspartei über Tierwohl zu verhandeln, die an anderer Stelle mitzuverantworten hat, dass es mit Füßen getreten wird", kritisierte der 1. Verbandsvorsitzende Hans-Jürgen Kost-Stenger unter anderem mit Blick auf Landeswirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne). Dieser argumentiert, nur der Bund könnte das A49-Projekt stoppen, nicht das Bundesland.

Die Rodungen für den Weiterbau der Autobahn hatten am 1. Oktober begonnen und konzentrierten sich zunächst auf den Herrenwald bei Stadtallendorf (Kreis Marburg-Biedenkopf) sowie den Maulbacher Wald bei Homberg (Vogelsbergkreis). Jeder Arbeitstag wurde von Protesten von Ausbaugegnern und zahlreichen Polizeikräften begleitet. Beamte räumten Baumhäuser und Barrikaden und holten Aktivisten aus Bäumen.

Die Autobahn soll einmal Nord- und Mittelhessen direkter miteinander verbinden. Insgesamt sollen für den neuen Streckenabschnitt rund 85 Hektar Wald weichen. Im Herrenwald wurde laut der Projektgesellschaft Deges bereits fast die gesamte vorgesehene Fläche von 49 Hektar gerodet. Im Maulbacher Wald waren es 3,5 Hektar. Im Dannenröder Wald - der als eine Art Symbol für die Proteste gegen die A49 gilt - sollen 27 Hektar gefällt werden. Auf etwa 750 Hektar sind Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen geplant, um die Eingriffe in die Natur zu kompensieren.

Für den Lückenschluss der Autobahn besteht Baurecht. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig lehnte im Sommer letzte Klagen gegen den Weiterbau ab. Die ersten Planungen für die A49 liegen bereits Jahrzehnte zurück. Gegner lehnen den Lückenschluss aus Klima- und Umweltschutzgründen ab, Befürworter erhoffen sich weniger Verkehrsbelastung in Dörfern der Region und eine bessere Anbindung für Pendler und Unternehmen.

dpa