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Politik Masseninfektion in Erstaufnahme: Weiter Kritik an Land
Mehr Hessen Politik Masseninfektion in Erstaufnahme: Weiter Kritik an Land
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17:12 16.10.2020
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Kassel/Frankfurt

Nach einem Corona-Ausbruch mit 112 Infizierten in einer Kasseler Flüchtlingsunterkunft kritisiert der Wohlfahrtsverband "Der Paritätische" das Land Hessen wegen der Unterbringung. Trotz Corona-Pandemie müssten Flüchtlinge vielerorts auf zu engem Raum leben, sagte Sprecherin Barbara Helfrich am Freitag: "Wir haben keine räumliche Entzerrung beobachtet, zumindest nicht flächendeckend." Die Landesregierung habe die Problematik ausgeblendet: Es werde über das Corona-Risiko privater Feiern, über das Beherbergungsverbot aber nicht über die Flüchtlingsunterbringung diskutiert.

Die Menschen in den Einrichtungen hätten keine Chance, sich zu schützen. "Das Robert Koch-Institut hat Konzepte vorgelegt, die nicht umgesetzt werden", sagte Helfrich. Das Land müsse jetzt dringend handeln. Dass es die Wohlfahrtsverbände zu einem Treffen über dieses Thema für Mitte November eingeladen habe, begrüße man zwar. "Aber wir haben die Befürchtung, dass uns die Zeit davonläuft."

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Am Mittwoch hatte ein Corona-Ausbruch mit 112 Infizierten Kassel über Nacht in die höchste Infektionswarnstufe des Landes Hessen gebracht. In der nordhessischen Stadt lag am Freitag die Zahl der Infektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen bei 101,1. Kassel ist damit eine der Regionen mit der höchsten Inzidenz in Hessen.

Nach Bekanntwerden des Ausbruchs hatten sich Ärzte, die in der Einrichtung Flüchtlinge betreuen, an die Öffentlichkeit gewandt und Vorwürfe gegen das zuständige Regierungspräsidium erhoben. "Weil zu viele Menschen auf zu kleinem Raum zu eng zusammen sind, ist es zu dieser Häufung gekommen", sagte der Allgemeinmediziner Helmuth Greger, Organisator des Ärzteteams der Erstaufnahme. Auch für die Trennung der Infizierten von den Nichtinfizierten reichten die Räumlichkeiten nicht aus. Das Regierungspräsidium hatte dagegen argumentiert, es sei ausreichend Platz vorhanden, eine Verlegung Erkrankter sei wegen drohender neuer Infektionsketten nicht möglich.

Der hessische Flüchtlingsrat kritisierte, dass zu viele Flüchtlinge in großen Gemeinschaftsunterkünften leben müssten. Weniger als ein Drittel sei dezentral untergebracht. Damit liege Hessen im Vergleich der Bundesländer weit hinten. Der Rat berief sich dabei auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes zum Asylbewerberleistungsgesetz. Demnach waren Ende 2019 nur 32 Prozent, also etwa jeder dritte Asylbewerber, dezentral untergebracht. Mehr als 56 Prozent lebte in Gemeinschaftsunterkünften.

"Diese Zahlen sind natürlich fatal", erklärte Timmo Scherenberg, Geschäftsführer des Hessischen Flüchtlingsrates. "Schon in normalen Zeiten ist die vorrangige Unterbringung in Großunterkünften integrationspolitisch eine sehr schlechte Idee, in Pandemiezeiten schlicht eine Katastrophe."

Das zuständige Regierungspräsidium Gießen erklärte am Freitag, dass keine weiteren Infektionen in der Erstaufnahme mit 300 Bewohnern eingetreten sein. "Die positiv getesteten Bewohnerinnen und Bewohner zeigen bisher keine oder nur milde Symptome", sagte ein Sprecher. Allerdings habe es eine Auseinandersetzung gegeben, die von der Polizei geschlichtet werden musste. "Das Hauptproblem ist, dass viele auch der positiv getesteten Bewohnerinnen und Bewohner die Quarantäneverfügung nicht verstehen, da sie sich völlig gesund fühlen und auch symptomfrei sind."

Da wegen der Quarantäne kein Bewohner die Einrichtung verlassen darf, versuche man die Situation der Menschen dort zu verbessern. Dazu gehöre der Verkauf von Dinge des täglichen Bedarfs und bessere Internet-Versorgung. In der kommenden Woche werde das Gesundheitsamt weitere Corona-Test vornehmen.

dpa