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Politik Modellprojekt soll überfüllte Notaufnahmen verhindern
Mehr Hessen Politik Modellprojekt soll überfüllte Notaufnahmen verhindern
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17:21 21.08.2020
Ein Krankenpfleger geht durch eine Glastür mit der Aufschrift «Notaufnahme». Quelle: Hauke-Christian Dittrich/dpa/Symbolbild
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Frankfurt/Main

Um die Notaufnahmen der Krankenhäuser zu entlasten, beginnt ab Herbst ein Modellprojekt zur besseren Verteilung von Patienten in drei hessischen Landkreisen. Dabei sollen Krankenhäuser, Rettungsdienste und Arztpraxen zusammenarbeiten, wie die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen und die hessische Krankenhausgesellschaft am Freitag in Frankfurt mitteilten. Damit soll das Problem gelöst werden, dass auch Patienten mit weniger schweren Erkrankungen in Notaufnahmen von Kliniken kommen - und dort Kapazitäten zulasten wirklicher Notfälle binden.

Die Reform der ambulanten Notfallversorgung sei auch abseits der Corona-Pandemie eines der zentralen Strukturthemen im deutschen Gesundheitswesen, erklärten die beiden Verbände. Die Krise um das Virus habe sogar die Notwendigkeit der Reform unterstrichen: Volle Praxen und Notaufnahmen dürfe es angesichts der Ansteckungsgefahr ohnehin nicht mehr geben, sagte KV-Hessen-Vorstand Eckhard Starke.

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Das Modellprojekt soll in den Landkreisen Main-Taunus, Main-Kinzig und Gießen beginnen. Zugleich soll an der Umsetzung in weiteren Kreisen gearbeitet werden. Bei der Umsetzung helfen soll auch die Digitalisierung: Patientendaten sollen so rasch weitergeleitet werden können - der Datenschutz werde eingehalten, hieß es. Stammdaten wie der Name des Kranken würden in einen Code umgewandelt. Erst der behandelte Arzt erfahre davon.

Zudem werden Arztpraxen an ein Computersystem angeschlossen, das bisher vom Rettungsdienst zur Verteilung der Patienten auf die Krankenhäuser angewendet wird. So könnten sie freie Kapazitäten zur Aufnahme von Kranken melden, die keine Behandlung im Krankenhaus brauchen. Bei einem Notruf könnten die Disponenten in den Leitstellen die Patienten zu einer geeigneten Praxis lotsen, wenn sich während des Telefonats herausstelle, dass eine ambulante Versorgung ausreicht.

Ist bereits ein Krankenwagen gerufen, könne der Rettungsdienst die freien Praxis-Kapazitäten via Tablet-Computer online abrufen und den Patienten direkt zum Arzt fahren. Bisher sei der Rettungsdienst verpflichtet, Patienten ins Krankenhaus zu bringen. Im Ergebnis sollen Patienten schnell richtig behandelt werden, erklärten die Verbände. Geplant sei als Lehre aus der Corona-Pandemie, auch die Gesundheitsämter einzubeziehen.

KV-Vorstand Starke sagte, er sei aufgrund bisheriger Erfahrungen sicher, dass sich genügend Praxen beteiligen werden. Die Kosten des Vorhabens seien vergleichsweise gering, da vorhandene Ressourcen genutzt würden. Eine genaue Summe wurde indes nicht genannt.

Sozialminister Kai Klose (Grüne) sagte, Hessen sei mit dem Projekt der Zusammenarbeit der verschiedenen Sektoren bundesweiter Vorreiter. Auch KV-Vorstand Starke sieht von dem Vorhaben mit dem sperrigen Titel "Sektorenübergreifende ambulante Notfallversorgung (SaN)" Signalwirkung auf andere Bundesländer ausgehen. Er habe es auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorgestellt. Anfang bis Mitte nächsten Jahres sollen die nächsten Kreise hinzukommen. Ziel sei, möglichst rasch ganz Hessen zu erfassen.

dpa