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Politik Flucht vor Krieg und Zerstörung: Hilfen für Ukrainer
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13:52 11.05.2022
Notbetten stehen in einer Frankfurter Sporthalle für ukrainische Kriegsflüchtlinge bereit.
Notbetten stehen in einer Frankfurter Sporthalle für ukrainische Kriegsflüchtlinge bereit. Quelle: Arne Dedert/dpa/Archivbild
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Wiesbaden

Nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine sind in Hessen mehr als 57.400 Menschen als Flüchtlinge nach Hessen gekommen. Privat und auch vom Land gibt es zahlreiche Initiativen, um den Menschen auf der Flucht vor dem russischen Angriff zu helfen und sie fern ihrer Heimat zu unterstützen.

UNTERBRINGUNG: Die Verantwortlichen in Hessen gehen davon aus, dass die meisten Flüchtlinge nach dem Krieg wieder in ihre Heimat zurückkehren wollen. Noch wird angenommen, dass viele Menschen privat bei Verwandten, Freunden und Bekannten untergekommen sind. Für die Versorgung mit Wohnraum nach der Erstaufnahme, für die die Kapazitäten in den Einrichtungen deutlich ausgebaut wurden, setzt das Land daher viele Bau- und Bauordnungsvorschriften für Bestandsgebäude vorübergehend aus. Um Flüchtlinge aus der Ukraine unterzubringen, haben schon viele Landkreise in Hessen Wohnungsbörsen eingerichtet. Zudem wurde die Bevölkerung aufgerufen, freie Zimmer, Wohnungen oder Häuser zu melden - mit großer Resonanz. Auch in Hotels und Jugendheimen wurden Plätze für Tausende Menschen bereitgestellt.

WOHNUNGEN: Die sind in Hessen knapp. "Die Zuwanderung von Flüchtlingen aus der Ukraine hat Hessen überraschend und mit höherer Dynamik getroffen als die vergangene Flüchtlingskrise 2015 aus Syrien und Afghanistan", sagt Axel Tausendpfund, Vorstand des Wohnungsverbands VdW Südwest. Dieser vertritt rund 200 genossenschaftliche, kommunale und private Immobilienunternehmen in Hessen und Rheinland-Pfalz mit etwa 400.000 Wohnungen. Sie konzentrieren sich im Wesentlichen auf die Städte. Ein großes Problem sei, dass es nur wenige freie Wohnungen in Hessen gebe und gerade bezahlbare Wohnungen fehlten.

"Bei unseren Mitgliedsunternehmen beträgt der Leerstand bei sofort vermietbaren Wohnungen 0,1 Prozent", sagte Tausendpfund. Zudem wolle man eine Konkurrenz um bezahlbare Wohnungen zwischen Ukraine-Flüchtlingen und anderen sozial Schwachen vermeiden. "Menschen, die schon länger auf bezahlbaren Wohnraum warten, dürfen nicht benachteiligt werden." Nach einer Verbandsumfrage können knapp 1000 Wohnungen von Mitgliedsfirmen vermittelt werden. Vertragspartner sind dann die Kommunen, die Wohnungen für Flüchtlinge mieten. In manchen Fällen würden auch Projekte für Modernisierungsmaßnahmen zurückgestellt und leere Wohnungen an Flüchtlinge vermietet, sagte Tausendpfund. Bei der Verteilung innerhalb des Landes sei die Steuerung begrenzt, da die Menschen sich frei bewegen und eine Arbeit suchen könnten.

NOTUNTERKÜNFTE: Mit Blick auf eine inzwischen wieder sinkende Zahlen an ukrainischen Kriegsflüchtlingen will Hessen auf Notunterkünfte in Sporthallen verzichten. Das Land habe mehrere Kreise und die Stadt Frankfurt darüber informiert, dass diejenigen landeseigenen Notunterkünfte zum 11. Juni geschlossen werden können, die in Sporthallen eingerichtet sind, teilte das Innenministerium in Wiesbaden mit. "Sie stehen damit wieder für die reguläre Nutzung und damit insbesondere für den Sport und den Vereinen zur Verfügung", sagte Innenminister Peter Beuth (CDU). Sollten im weiteren Kriegsverlauf wieder mehr Menschen nach Hessen kommen, würden erneut Notunterkünfte bereitgestellt.

LEHRER: Hessen wirbt intensiv um ukrainische Lehrer, um die vor dem Krieg in ihrem Heimatland geflüchteten Kinder und Jugendlichen an den hessischen Schulen zu unterrichten. Die Kandidaten müssen dabei nicht die gleichen Standards wie hessische Lehrer erfüllen. Es reicht, wenn die Kandidaten im ukrainischen Bildungssystem in irgendeiner Form professionell pädagogisch tätig waren. Entsprechende Flyer wurden bei den staatlichen Schulämtern, den Meldebehörden sowie auch bei ukrainischen Vereinen in deutscher und ukrainischer Sprache verteilt.

SCHULKLASSEN: Um die vielen Flüchtlingskinder an den Schulen aufnehmen zu können, hat das Kultusministerium zuletzt die mögliche Klassengröße erhöht. Dies stieß bei Bildungsverbänden und der SPD-Landtagsopposition auf Kritik. "Die Anhebung des Klassenteilers von 16 auf nun 19 Schülerinnen und Schüler verschlechtert die Lehrer-Schüler-Relation - und damit der Deutschförderung in den Intensivklassen insgesamt", erklärte der SPD-Bildungsexperte Christoph Degen. Gerade für die geflüchteten Schülerinnen und Schüler seien kleine Lerngruppen wichtig.

PSYCHOLOGISCHE BETREUUNG: Rund 400 Psychotherapeuten haben sich in Hessen freiwillig für eine ehrenamtliche Betreuung von Flüchtlingen gemeldet. Die Hilfe wird mittels Listen mit Ansprechpartnern über die Kommunen organisiert, sagte eine Sprecherin der Psychotherapeutenkammer Hessen. Sozialarbeiter oder Betreuer vor Ort würden Bescheid geben, wenn Hilfe nötig sei. Die Menschen hätten schwere Belastungen hinter sich, Ängste um das eigene Leben oder das von Angehörigen. Diese Ängste würden durch Bilder in den Medien auch hier fortgesetzt. Daraus könnten sich Angststörungen oder Depressionen entwickeln.

BESCHÄFTIGUNG: Wie viele ukrainische Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt streben, ist bislang unklar. "Momentan haben wir noch keine Zahlen", teilte die Regionaldirektion der Arbeitsagentur in Frankfurt mit. Für deren Aufnahme in die Grundsicherung ab Juni seien die Jobcenter zuständig. Erste Zahlen werde man dann wahrscheinlich im Juli präsentieren können. Direktionschef Frank Martin hatte vergangene Woche erklärt, er rechne mit der Aufnahme der Flüchtlinge in die Grundsicherung im Laufe der kommenden Monate mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen. "Grundsätzlich gehen wir von einem guten Qualifikationsniveau der Geflüchteten und guten Arbeitsmarktchancen aus." Allerdings erwarte die Behörde in erster Linie einen Zuwachs an Frauen mit schul- und betreuungspflichtigen Kindern. Im ersten Schritt müsse daher die Betreuungsfrage der Kinder geklärt werden. "Zudem sind oft nur geringe oder keine Deutschkenntnisse vorhanden und es sind entsprechende Sprachkurse erforderlich."

KOSTEN: Die hessische Landesregierung hat einen Aktionsplan aufgelegt, um die vielfältigen Hilfsmaßnahmen und Programme für die Kriegsflüchtlinge zu bündeln. Trotz der Umschichtung von Landesmitteln rechnet Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) für dieses Jahr mit Mehrkosten von mehr als 200 Millionen Euro für die Aufnahme und Versorgung der Kriegsflüchtlinge.

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dpa