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Politik Heime durch Corona in Not: "Lassen Altenpflege im Stich"
Mehr Hessen Politik Heime durch Corona in Not: "Lassen Altenpflege im Stich"
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17:32 17.12.2020
Eine Pflegerin hält im Altenheim die Hand einer Bewohnerin.
Eine Pflegerin hält im Altenheim die Hand einer Bewohnerin. Quelle: Oliver Berg/dpa/Symbolbild
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Marburg/Wiesbaden

In einem schwer von einem Corona-Ausbruch betroffenen Marburger Altenpflegeheim mit zahlreichen ausgefallenen Pflegekräften hat sich die Lage nach Behördenangaben stabilisiert. Man gehe davon aus, "in so etwas wie einen Regelbetrieb" übergehen zu können, sagte ein Sprecher des Kreises Marburg-Biedenkopf am Donnerstag. Sämtliche Dienste seien für die kommenden Tage organisiert. Die Kreisverwaltung hatte am Vortag nach einem Hilferuf der Heimleitung Unterstützung für die Einrichtung auf den Weg gebracht, in der die meisten Bewohner und Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden waren.

Auch in anderen Heimen in Hessen greift der Erreger weiter um sich. Der Vogelsbergkreis etwa berichtete, dass sich die Lage in den Alten- und Pflegeeinrichtungen "von Minute zu Minute" zuspitze. "In zahlreichen Einrichtungen gibt es Covid-19-Fälle mit einem teils eklatanten Ausbruchsgeschehen, was auch zu einem Besuchsverbot in diesen Einrichtungen führt", teilte die Kreisverwaltung mit.

Nach Angaben des zuständigen Regierungspräsidiums Gießen sind derzeit 287 von 835 Altenhilfeeinrichtungen von Corona-Infektionen betroffen. 3158 Bewohner seien aktuell positiv auf das Virus getestet worden. Das sind 5,48 Prozent aller Bewohner. Unter den Mitarbeitern seien derzeit 1476 Personen mit einer nachgewiesenen Infektion bekannt. Seit Beginn der Pandemie gab es der Behörde zufolge 1095 Todesfälle (Stand 16. Dezember).

In dem Marburger Altenpflegeheim wurden nach Angaben des Kreissprechers bislang 39 von derzeit 41 Bewohnern positiv auf das Virus getestet sowie 32 Beschäftigte. Das Personal ist demnach entweder krankgeschrieben oder in Quarantäne. Ein Bewohner sei gestorben, die Ursache sei noch unklar. Der Kreis hatte unter anderem Mitarbeiter der Gefahrenabwehr eingesetzt, um bei der Versorgung der Bewohner mit Essen und Trinken zu helfen. Andere Pflegeeinrichtungen, Institutionen und externe Dienstleister unterstützten mit Personal.

Patientenschützer mahnten ein rascheres Handeln bei Corona-Ausbrüchen in den Einrichtungen an. "Wir lassen die Altenpflege mit dieser Krise im Stich", sagte Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Die Vorsitzende der hessischen SPD-Landtagsfraktion, Nancy Faeser, sagte, die Heime benötigten praktische Hilfe zur Bewältigung ihres Personalproblems. "Wenn es dazu erforderlich ist, Angehörige der Bundeswehr anzufordern, dann muss das jetzt geschehen. Wir erleben eine Krise von noch nie gesehenem Ausmaß." Dieser könne man nicht mit "hergebrachten bürokratischen Verfahren" begegnen.

Wann die ausgefallenen Mitarbeiter des Marburger Heims wieder zum Dienst erscheinen können, war zunächst unklar. Man hoffe, dass sich ein Regelbetrieb so schnell wie möglich normalisiere, sagte der Kreissprecher. Dann solle der Fall aufgearbeitet werden. Medien hatten berichtet, dass die Bewohner zeitweise nicht versorgt worden sein sollen. Der Kreissprecher sagte dazu, auch das sei ein Punkt, der geklärt werden solle. Derzeit stehe aber die aktuelle Lage im Vordergrund: "Für uns ist erst einmal entscheidend, dass die Menschen versorgt sind."

Aus Sicht von Patientenschützer Brysch ist Marburg kein Einzelfall. In den vergangenen Corona-Monaten habe es bundesweit ähnliche Situationen in Einrichtungen gegeben. Nötig seien "Task-Forces" auf Kreisebene, die mit zusätzlichen Pflegekräften unterstützend bei Notlagen eingreifen. Zudem müssten betroffene Heime viel früher Hilfe einfordern: "Wir müssen die Einrichtungen und die Altenpflegekräfte dazu auffordern, nicht zu warten, sondern sofort zu reagieren."

dpa