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Politik Corona-Beschränkungen in Kassel: Gesundheitsämter am Limit
Mehr Hessen Politik Corona-Beschränkungen in Kassel: Gesundheitsämter am Limit
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17:31 14.10.2020
Eine Laborantin führt Untersuchungen zum Coronavirus durch. Quelle: Christophe Gateau/dpa/Symbolbild
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Kassel/Wiesbaden

Nach einem Corona-Ausbruch in einer Einrichtung für Flüchtlinge hat nun auch Kassel erneute Beschränkungen des öffentlichen Lebens beschlossen. Größere Veranstaltungen mit mehr als 250 Teilnehmern dürften bis auf weiteres nicht stattfinden, erklärte die Stadt am Mittwoch. Private Feiern mit mehr als 25 Personen werden untersagt. Kassel ist die landesweit fünfte Kommune, die den als kritischen geltenden Inzidenz-Wert von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern binnen sieben Tagen überschreitet.

Der Ausbruch in der Einrichtung für Flüchtlinge katapultierte Kassel über Nacht sogar in die höchste Infektionswarnstufe des Landes. In der nordhessischen Stadt erhöhte sich am Mittwoch die Inzidenz auf 94,2, wie ein Sprecher mitteilte. Sie ist damit die Region mit dem höchsten Wert in Hessen. Am Vortag hatte der Wert noch bei 33,7 gelegen. Die fünfte Warnstufe des Präventions- und Eskalationskonzeptes des Landes greift ab 75.

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Über dem Wert von 50 lagen am Mittwoch zudem weiter die Städte Frankfurt (70,9) und Offenbach (86,7) sowie die Kreise Groß-Gerau (61,6)und Main-Taunus (53,6). Das Konzept der Landesregierung sieht ab einer Inzidenz von 50 konsequente Beschränkungen vor. In der höchsten Stufe ab 75 gilt eine Steuerung der medizinischen Lage durch den Planungsstab des Sozialministeriums. Dies bedeute einen sehr engen Austausch mit den Kommunen und begleitende Beratung, erklärte das Ministerium. Das Ausbruchsgeschehen werde vor Ort gesteuert. Sollte das Ministerium zu der Auffassung gelangen, dass die vor Ort ergriffenen Maßnahmen nicht ausreichend sind, könne es die Fachaufsicht an sich ziehen.

In der Kasseler Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge stehen seit Freitag 301 Bewohner unter Quarantäne, infiziert sind bisherigen Ergebnissen zufolge mindestens 111 Personen. Ohne Berücksichtigung dieses Ausbruchs liege die Inzidenz in Kassel bei 42,1.

Landesweit stieg die Zahl der Neuinfektionen deutlich. Im Vergleich zum Vortag kamen 509 hinzu, wie aus einer Übersicht des Sozialministeriums vom Mittwoch hervorgeht. Darin sind fünf weitere Todesfälle aufgeführt.

Die Stadt Frankfurt will an diesem Donnerstag nach einer Sitzung des Verwaltungsstabs über die aktuelle Lage informieren. Vergangene Woche hatte die Mainmetropole unter anderem eine Sperrstunde für Gaststätten ab 23.00 Uhr verhängt, am Mittwoch wies das Verwaltungsgericht drei weitere Eilanträge dagegen ab. Der Klinikverbund Frankfurt-Main-Taunus verhängte einen erneuten Besuchsstopp, betroffen ist auch ein Altenheim.

Hessens Gesundheitsämter können einen erheblichen Teil der neuen Corona-Infektionen nicht mehr bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen. Die Quote der nicht mehr nachvollziehbaren Ansteckungen lag in den vergangenen 14 Tagen je nach Kommune zwischen 29 und 76 Prozent, wie Stichproben der Deutschen Presse-Agentur bei Städten und Kreisen mit erhöhten Infektionszahlen zeigen. In Frankfurt beispielsweise konnte - abgesehen von größeren Ausbrüchen in Einrichtungen - in weniger als 50 Prozent der gemeldeten Fälle, eine Person oder Situation ermittelt werden, von der die Infektion ausging.

Wird eine Infektion festgestellt, versuchen die Ämter, die Kette nachzuvollziehen und zu unterbrechen. Doch angesichts steigender Infiziertenzahlen arbeiten die Behörden vielerorts am Limit. Der Verband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes kritisiert die bisherige Strategie: "Die Frage ist: Ist es sinnvoll, allen Verdachtsfällen nachzujagen, oder wenden wir uns den kranken Leuten zu? Verbrennen wir weiter Laborkapazitäten, oder schalten wir langsam in den Modus medizinischer Vernunft um und kümmern uns um die Infizierten/Kranken und Schutzbedürftigen?", sagte Jürgen Krahn, Vorstand der Verbands in Hessen.

Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) hatte bei einer Pressekonferenz am Montag das Ziel genannt, die Infiziertenzahlen nach unten zu drücken, um eine Nachverfolgbarkeit von Infektionen durch die Gesundheitsämter weiter zu gewährleisten.

Wegen der Pandemie begann am Mittwoch die Frankfurter Buchmesse mit ersten Livestreams im Internet. Die 72. Ausgabe des internationalen Branchentreffens findet nahezu ausschließlich im Internet statt. In den vergangenen Wochen wurden die vor Ort geplanten Veranstaltungen Stück für Stück zusammengestrichen.

Nach Einschätzung des hessischen Verkehrsministeriums wird das Corona-Virus im öffentlichen Nahverkehr in diesem Jahr Verluste von rund 300 Millionen Euro verursachen. Bund und Land würden dies ausgleichen, sagte Minister Tarek Al-Wazir (Grüne) dem Sender hr-iNFO. Auch nächstes Jahr sei dies möglich.

dpa