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Politik Bislang sechs Suizide in Gefängnissen dieses Jahr
Mehr Hessen Politik Bislang sechs Suizide in Gefängnissen dieses Jahr
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11:02 01.12.2020
Eva Kühne-Hörmann (CDU), Justizministerin von Hessen, spricht.
Eva Kühne-Hörmann (CDU), Justizministerin von Hessen, spricht. Quelle: Andreas Arnold/dpa/Archivbild
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Wiesbaden

In hessischen Gefängnissen haben sich in diesem Jahr bislang sechs Menschen das Leben genommen. Es habe in den Anstalten in Butzbach, Fulda, Kassel I und Kassel II jeweils einen Suizid und in Frankfurt I zwei Suizide gegeben, teilte ein Sprecher des Justizministeriums in Wiesbaden mit. In den Jahren 2016 und 2017 hatte es in Hessen jeweils sechs Selbsttötungen in Gefängnissen gegeben, in den Jahren 2018 und 2019 jeweils drei, wie aus einer Antwort des Ministeriums auf eine parlamentarische Anfrage der Linken-Landtagsfraktion hervorgeht.

In diesem Jahr wurden bis zum 12. Oktober 66 vorsätzliche Selbstverletzungen von Häftlingen aktenkundig, wie das Ministerium weiter mitteilte. In den vier Vorjahren waren es zwischen 85 (2019) und 133 (2016). Bei den insgesamt 23 Suiziden in Haftanstalten seit 2016 habe es in elf Fällen Hinweise auf Drogenkonsum gegeben. Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) erklärte, Suizidprävention habe in der Ausbildung der Vollzugsbediensteten einen hohen Stellenwert.

"Die Gründe für einen Suizid sind immer komplex und hoch individuell - das ist im Gefängnis nicht anders als bei Nicht-Inhaftierten", erklärt die Leiterin der Bundesarbeitsgruppe "Suizidprävention im Justizvollzug", Maja Meischner-Al-Mousawi. "Jedoch gibt es im Vollzug vermehrt Menschen, die Risikofaktoren für einen Suizid mitbringen." Dazu zählten psychische Erkrankungen, Suchterkrankungen oder soziale Probleme.

Im Gefängnis seien die Menschen nicht in einer Situation, "wo die Bewältigung von Schwierigkeiten besonders einfach wäre". Beispielsweise sei für die Betroffenen ihr gewohntes Bewältigungsmuster für Probleme - wie etwa Drogenkonsum - nicht oder nur schwer verfügbar, erläuterte die Psychotherapeutin.

Ein großes Problem bei der Prävention sei insgesamt, dass "Menschen ihre Suizidgedanken nicht auf der Zunge tragen", sagte Meischner-Al-Mousawi. "Das ist ein Geschehen, das sehr tief im Kopf beziehungsweise in der eigenen Seele versenkt ist." Im Gefängnis seien Menschen zudem verschlossener. Bei der Aufnahme würden Risikofaktoren mit einem Screening-Verfahren erhoben, ob jemand womöglich gefährdet ist.

In der Suizidprävention müsse aber stets abgewogen werden, welche Maßnahmen verhältnismäßig sind, gab die Expertin zu Bedenken. Im Gefängnis seien die Grundrechte ohnehin bereits eingeschränkt. Wird ein Gefangener zusätzlich rund um die Uhr beobachtet, würden diese Rechte noch weiter beschnitten. "Wenn ich diesen Schritt gehe, muss ich das gut begründen und brauche konkrete Anhaltspunkte." Werde eine Suizidgefahr erkannt, dann könne die Justiz eine Selbsttötung sogar effektiv verhindern.

Haben Sie suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erhält man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222. Auch eine Beratung über das Internet ist möglich unter http://www.telefonseelsorge.de.

dpa