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Politik Lernen am digitalen Herzen: der Unterricht der Zukunft
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13:12 04.10.2021
Tasten einer beleuchteten Tastatur.
Tasten einer beleuchteten Tastatur. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa/Symbolbild
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Kassel/Frankfurt

Auf dem Tisch vor den Schülerinnen und Schülern schwebt ein dreidimensionales menschliches Herz. Sie können das muskulöse Organ von allen Seiten betrachten, anfassen und erkunden. Möglich macht das Augmented Reality - erweiterte Realität. Ausgestattet mit Tablet, Smartphone und entsprechender App lädt Zehra Akyol, Lehrerin an der Offenen Schule Waldau in Kassel, verschiedene 3D-Objekte auf einen kleinen schwarzen Würfel hoch, der als Projektionsfläche dient. "Damit haben wir Abbildungen sozusagen aus der Hosentasche griffbereit", sagt Akyol - und projiziert als nächstes einen Embryo in den Klassenraum, der in verschiedenen Entwicklungsstadien angezeigt werden kann.

Der Frankfurter Zukunftsrat hat die Kasseler Schule sowie das Frankfurter Adorno-Gymnasium mit digitaler Technologie ausgestattet, finanziert durch die Stiftung Hübner und Kennedy und die Hertie-Stiftung. An den zwei Prototypschulen hat die Initiative sogenannte Digital Acceleration Center (DAC) eröffnet. Das sind Experimentierräume für Lehrer und Schüler, in denen sie neue technische und didaktische Möglichkeiten erforschen und erarbeiten können.

Darin können die Schülerinnen und Schüler mithilfe digitaler Lernplattformen, Virtual Reality und Augmented Reality beispielsweise das Sonnensystem in den Händen halten, DNA erforschen oder einen Frosch sezieren. Sie können eigene virtuelle Räume kreieren und sich in einem digitalen Labor gefahrlos auf die reale Laborumgebung vorbereiten. "Im Fokus steht dabei die Ausarbeitung neuer, innovativer, effektiver und zukunftsgemäßer Lernmethoden", sagt Jelena Mitsiadis, Geschäftsführerin des Frankfurter Zukunftsrates. Ziel sei es, die Schüler auf ihre Zukunft in einer digitalisierten und globalisierten Welt vorzubereiten.

"Die Digitalisierung im Bildungsbereich ist als Thema komplett unterbesetzt", meint Mitsiadis. Die Idee des Zukunftsrates sei es daher gewesen, die Experimentierräume an Projektschulen aufzubauen, um sichtbar zu machen, was in der Praxis möglich ist. "Wir sind keine Verfechter der Komplett-Digitalisierung. Denn die Pandemie hat uns deutlich auch die Kehrseite der Medaille gezeigt: Die sozialen Kontakte und ein persönlicher Kontakt zu den Lehrerinnen und Lehrern sind enorm wichtig für die Entwicklung eines Kindes oder eines Jugendlichen", betont Mitsiadis. Dennoch seien digitale Technologien bei der Wissensvermittlung hilfreich.

Für deren wohldosierten Einsatz im Unterricht plädiert auch der Erziehungswissenschaftler und Soziologe Kai Maaz. Es sei wichtig abzuwägen, wann die Verwendung digitalen oder analogen Materials sinnvoll sei, sagt der geschäftsführende Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt.

"Die Digitalisierung birgt viele Möglichkeiten, um Prozesse besser zu verstehen, zu veranschaulichen und selbst zu gestalten. Das ersetzt aber nicht die herkömmlichen Inhalte und Methoden", sagt Maaz. Es brauche weiterhin die analoge Vermittlung von Grundkompetenzen wie Kommunikations- und Teamfähigkeit. Digitale Technologien sollten aber unterstützend hinzugenommen werden. "Ich sehe da große Chancen. Aber Digitalisierung darf nicht zum Selbstzweck werden. Sie muss immer einem bestimmten Zweck dienen." Es sei wichtig abzuwägen, wann zu welchem Zweck welche Medien wie genutzt würden.

Wichtig sei auch, zunächst überhaupt die Voraussetzungen bei den Schülerinnen und Schülern für einen selbstbestimmten Umgang mit digitalen Medien zu schaffen. "Sie brauchen etwa Filterkompetenz wegen der Fülle an Informationen", sagt Maaz.

Es gebe zwar gut vorbereitete Schulen, die auch die Herausforderungen des digitalen Unterrichts in der Corona-Krise besser gemeistert hätten, sagt der Erziehungswissenschaftler. In der Fläche sieht Maaz allerdings noch Qualifizierungsbedarf. So seien digitale Technologien im internationalen Vergleich in Deutschland laut Studien weniger in Anwendung als in anderen Staaten. Zudem folge ihre Verwendung keiner Struktur sondern sei beliebig. "Das variiert von Schule zu Schule, von Klasse zu Klasse und von Lehrer zu Lehrer." Die Schulen müssten den aktuellen Entwicklungsschub mitnehmen, sagt Maaz. Denn: "Digitale Technologien werden in Zukunft ein zentrales Element von Schule sein."

Das Hessische Kultusministerium betont, dass das Land die digitale Infrastruktur und Ausstattung der Schulen kontinuierlich ausbaue. Bis zum Ende der Laufzeit des Digitalpakts Ende 2024 sollten alle Schulen "über eine valide Wlan-Versorgung und digitale Ausstattung verfügen". Der Digitalpakt Schule ist ein vom Bund aufgesetztes Förderprogramm für den Aufbau digitaler Infrastrukturen an Schulen.

Das Land habe mit dem Programm "Digitale Schule Hessen" bereits vor der Corona-Pandemie ein abgestimmtes Gesamtkonzept zur Ausstattungsförderung, zum Ausbau der pädagogischen Unterstützung für Schulen sowie zu Qualifizierungsmaßnahmen für Lehrkräfte auf den Weg gebracht. "Durch die Corona-Pandemie wurden diese Maßnahmen ausgebaut und beschleunigt, sodass die Digitalisierung nochmals einen großen Schub erfahren hat", so das Ministerium.

Kurzfristig sei insbesondere die Ausstattung mit mobilen Endgeräten für den Distanzunterricht forciert worden, erläutert die Behörde. So seien im vergangenen Jahr mit den Digitalpaktmitteln 87 000 mobile Endgeräte zum Verleih an Schülerinnen und Schüler durch die Schulträger angeschafft worden. Von den 63 000 bestellten Leihgeräten für Lehrkräfte seien bereits 57 000 Geräte bereitgestellt worden.

© dpa-infocom, dpa:211004-99-474134/3

dpa