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Politik Digitale Exil-Universität soll "Zeichen der Hoffnung" sein
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08:45 11.12.2021
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Frankfurt/Main

Mit einer digitalen Exil-Universität soll afghanischen Studentinnen und Studenten weltweit eine Fortsetzung ihrer Ausbildung und eine Zukunftsperspektive geboten werden. Ein erstes Konzept stand im Mittelpunkt einer zweitägigen Konferenz mit emigrierten Vertreterinnen und Vertretern des afghanischen Bildungswesens in Frankfurt am Main von Freitag bis Samstag.

Teilnehmerin Sadschija Behgam Amin war bis August Beraterin des afghanischen Ministerpräsidenten zu Frauen- und Jugendfragen. Wie viele ihrer Landsleute ist sie nun im Exil, geflohen vor der Herrschaft der Taliban, doch per Email steht sie in Kontakt mit ihren früheren Studentinnen der Universität Kabul. "Das ist eine Mischung aus Wut, Verzweiflung, Zukunftsangst", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Viele junge Frauen seien verzweifelt, da sie vom Zugang zu Bildung und wissenschaftlicher Arbeit ausgeschlossen seien. Viele hofften, aus dem Land noch fliehen zu können.

Die radikalislamischen Taliban waren im August wieder an die Macht gelangt. Seitdem sind die meisten weiterführenden Schulen für Mädchen geschlossen. Tausende Afghanen haben ihre Heimat verlassen, die Wirtschaft des Landes ist in einer schweren Krise, auch weil Finanzhilfen zurückgehalten und afghanische Konten im Ausland eingefroren wurden.

"Anfangs haben viele gehofft, dass es nicht so schlimm wird, dass die Taliban sich verändert haben", sagte Mohammed Osman Baburi, der frühere Präsident der Universität Kabul. "Und sie haben sich verändert - zum Schlechteren." Die Situation erinnere an die frühere Herrschaft der Taliban, "aber katastrophaler". Von den 900 Hochschulmitarbeitern seien mehr als 150 ins Ausland geflohen, auch die meisten anderen hofften, das Land verlassen zu können, da sie keine Zukunft für sich in einem Afghanistan unter den Taliban sähen. Derzeit sind viele der rund 150 Hochschulen in Afghanistan geschlossen.

"Es gilt, für Afghanistan eine langfristige Zukunftsperspektive zu entwickeln, in der qualifizierte afghanische Fachkräfte eine tragende Rolle spielen", sagte Kambiz Ghawami, Vorsitzender des World University Service (WUS) in Wiesbaden, der die internationale Konferenz organisierte. "Nur so kann in dem Land eine demokratische Gesellschaft aufgebaut werden, die Bestand hat." Die Universität solle ein "Zeichen der Hoffnung sein für die Menschen in Afghanistan und in den Flüchtlingslagern". Der WUS setzt sich seit 1920 für die Verwirklichung des Menschenrechts auf Bildung ein.

Das digitale Angebot sei sowohl an Menschen im Exil gerichtet als auch an diejenigen, die nun in Afghanistan ihr Studium oder ihre wissenschaftliche Arbeit nicht fortsetzen könnten. Geplant sei die Zusammenarbeit mit Partneruniversitäten in Deutschland und anderen Staaten, so dass die Studierenden Abschlüsse von zwei Universitäten hätten.

"Wir haben eine moralische Verpflichtung, den Tausenden jungen Afghanen zu helfen", betonte Mirwais Nahsat, Chief Operating Officer der privaten Kardan Universität, der nun in Kanada lebt. Auch wenn die Frauen und Mädchen angesichts der Politik der Taliban besonders von einem Ausschluss von Bildungsmöglichkeiten betroffen seien, verhindere die wirtschaftliche Situation ebenfalls, dass viele junge Männer ihr Studium fortsetzen könnten, selbst wenn die Universitäten öffnen dürften. Andere hätten in Flüchtlingslagern keinerlei berufliche Perspektiven.

Für die Exiluniversität hofft Ghawami auf afghanische Wissenschaftler und Hochschullehrer, die schon seit längerem in Deutschland und anderswo an den Universitäten arbeiteten und von dort aus afghanische Studierende betreuen könnten - egal, wo diese lebten. Mit Englisch als Unterrichtssprache solle dafür gesorgt werden, dass die Absolventinnen und Absolventen in vielen Ländern mit ihrem Abschluss eine Arbeit finden könnten. Dabei ist den Planern der digitalen Exil-Universität klar, dass der Wunsch, möglichst vielen jungen Afghanen Bildungschancen zu bieten, an Grenzen stößt, selbst wenn die finanziellen Mittel zum Aufbau der Universität zustande kommen: In afghanischen Provinzen ohne Internetzugang etwa kann das "Signal der Hoffnung" nichts ausrichten.

© dpa-infocom, dpa:211211-99-341352/2

dpa