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Politik Platz für Covid-Patienten: Erste Kliniken verschieben OPs
Mehr Hessen Politik Platz für Covid-Patienten: Erste Kliniken verschieben OPs
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18:02 05.11.2020
Ein leeres Bett steht in einer Intensivstation. Quelle: Jonas Güttler/dpa/Symbolbild
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Eschborn/Offenbach

Angesichts der steigenden Corona-Zahlen in Hessen ist die Situation in den Kliniken zunehmend angespannt. "Die Kapazitäten sind momentan noch ausreichend, aber die Krankenhäuser sehen, was auf sie zukommt", sagte der Geschäftsführende Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft, Steffen Gramminger, der Deutschen Presse-Agentur. Die Welle komme mit 12 bis 14 Tagen Verzögerung in den Kliniken an.

Erste Krankenhäuser in Hessen würden bereits planbare Operationen verschieben. "Mir sind einzelne Kliniken bekannt, die versuchen, sich dadurch etwas Luft zu verschaffen." Gramminger betonte, dass es ausschließlich um nicht dringende Eingriffe gehe, wo eine Verzögerung medizinisch vertretbar sei. "Schwerkranke werden selbstverständlich weiterhin behandelt."

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Kürzlich hatte etwa das Sana Klinikum in Offenbach angekündigt, zeitlich nicht dringend notwendige Operationen und Behandlungen zu verschieben. "Dieser Schritt fällt uns nicht leicht, wir übernehmen aber damit Verantwortung für unser Versorgungsgebiet und auch für unsere Beschäftigten", erklärte Klinik-Geschäftsführer, Sascha John. Dieser Schritt sei notwendig, um räumlich und auch personell die Kapazitäten zu schaffen, um der steigenden Anzahl an Covid-19- Patienten und Verdachtsfällen gerecht zu werden.

Für die Kliniken kann das Aufschieben von Operationen und Freihalten von Betten durchaus ein wirtschaftliches Problem darstellen, da ein freies Bett oft nicht unmittelbar neu belegt wird. Pro leerstehendem Bett entsteht laut dem Experten ein Verlust von täglich 500 bis 600 Euro, auf den Intensivstationen können es gar 2000 Euro am Tag sein.

Nach Angaben der Krankenhausgesellschaft befinden sich aktuell mehr Covid-19-Patienten in den hessischen Kliniken als im Frühjahr. Die gute Nachricht sei aber, dass die Zahlen auf den Intensivstationen bislang niedriger ausfalle als bei der ersten Infektionswelle. Die Gründe dafür sind vielfältig: So würden zum einen vulnerable Gruppen besser geschützt, zum anderen hätte man inzwischen bessere Erfahrungen mit den Behandlungen. Eine besondere Herausforderung seien allerdings Engpässe beim den Mitarbeitern. Die Personaldecke sei dünn, da immer mehr Pfleger oder Ärzte infiziert seien oder sich in Quarantäne befänden, erklärte Gramminger.

Nach den Zahlen des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin lagen in Hessen am Donnerstagmittag 243 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 15 mehr als am Vortag. Das entsprach einer Belegung von 13 Prozent aller Intensivbetten. 124 der Patienten wurden beatmet.

Nach Aussage von Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) hat Hessen die Lage in den Krankenhäusern stets im Blick gehabt: "Wir haben schon im Frühjahr erfolgreich ein Monitoring aufgesetzt, um immer zu sehen, wie die Auslastung der hessischen Kliniken ist", sagte Klose der "Frankfurter Neuen Presse" und der "Gießener Allgemeinen". Ziel sei, alle Patienten jederzeit bestmöglich versorgen zu können. "Dazu schaffen wir jetzt wieder zusätzliche Intensivkapazitäten. Wäre die Infektionsentwicklung aber so weitergegangen wie zuletzt, würden wir irgendwann an unsere Grenzen stoßen. Deshalb sind die drastischen Kontaktbeschränkungen notwendig."

Nach Angaben des Ministeriums müssen die in den Krankenhausplan Hessen 2020 aufgenommenen Kliniken insgesamt 607 Intensivbetten und 1226 Normalbetten für Covid-19-Patienten bereit halten. "Wenn es gelingt, den exponentiellen Anstieg der Infektionszahlen zu stoppen, ist die Versorgung gesichert", erklärte das Ministerium. Die Vorgabe zur Verschiebung planbarer Eingriffe werde derzeit intensiv im Haus diskutiert. Vorgesehen sei, dieses Instrument wenn nicht landesweit, sondern je nach Notwendigkeit in den einzelnen Versorgungsgebieten in Kraft zu setzen.

Der Klinikverbund Hessen forderte eine Entlastung der Krankenhäuser. "Wir befinden uns im exponentiellen Anstieg der Fallzahlentwicklung mit einer Verdoppelung der Zahlen innerhalb von etwa elf Tagen", sagte Geschäftsführer Reinhard Schaffert. Bis der Teil-Lockdown Wirkung zeige, werde man voraussichtlich mehr als doppelt so viele Intensivpatienten mit Covid-19 behandeln wie aktuell. Die öffentlichen Krankenhäuser seien in der Lage, dies zu bewältigen. Allerdings sei eine so hohe Anzahl an Intensivpatienten eine erhebliche Belastung für die Kliniken und ihre Mitarbeiter.

Die mit der Pandemie eingeführten Ausgleichszahlungen für frei gehaltene Betten in den Kliniken seien Ende September zu früh beendet worden. "Es ist mir völlig unverständlich, warum diese Maßnahmen wie beispielsweise die Freihaltepauschale nicht längst wieder beschlossen wurden", erklärte Schaffert. Die Verschiebung anderer Behandlungen führe zu Einnahmeausfällen und gefährde die Zahlungsfähigkeit der Kliniken. Der Klinikverbund fordert daher unter anderem die Wiedereinführung der Ausgleichspauschalen und die Aufhebung aller Pflegepersonaluntergrenzen. Diese geben den Krankenhäusern eine Mindestanzahl an Pflegekräften vor, die sie in den jeweiligen Bereichen zur Verfügung haben müssen.

dpa