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Politik Steinmeier: Anschlag von Hanau kam nicht aus heiterem Himmel
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15:52 23.09.2020
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Rede. Quelle: Odd Andersen/AFP-Pool/dpa
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Berlin

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in Erinnerung an den Anschlag von Hanau Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, ihre Stimme gegen Rassismus zu erheben. Er sagte am Mittwoch in Berlin bei einem Treffen mit Angehörigen der Todesopfer des Attentates: "Der rassistische Terror von Hanau kam nicht aus heiterem Himmel. Es gibt Rassismus in unserem Land, es gibt Muslimfeindlichkeit und Antisemitismus."

Auf offener Straße würden Menschen beleidigt, bedroht, angegriffen und ermordet, weil sie eine dunkle Hautfarbe hätten, in einer Moschee beteten, eine Kippa trügen. "Die Wurzeln des Rechtsextremismus reichen tief in unsere Gesellschaft hinein. Das ist ein ernstes, ein drängendes Problem. Wir dürfen es auch in Zeiten von Corona nie aus den Augen verlieren."

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Am 19. Februar hatte ein 43-Jähriger Deutscher in Hanau - ganz offensichtlich rassistisch motiviert - neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Später tötete er vermutlich seine Mutter und schließlich sich selbst.

Rassistische Zuschreibungen seien menschenfeindlich und sie würden der Lebenswirklichkeit in unserer vielfältigen Gesellschaft nicht gerecht, sagte Steinmeier. Die Verschiedenen begegneten sich in Kitas und Schulen, in Werkstätten und Büros, in Cafés und Sportvereinen. "Und sie - wir alle - lernen hoffentlich immer besser, Unterschiede auch mal auszuhalten und Konflikte auszutragen, im respektvollen Gespräch auf Augenhöhe." Die Tat von Hanau habe Menschen getroffen, "die keine Fremden waren, sondern Teil dieser Gesellschaft". Ihre Geschichten zeigten, "dass in unserer Einwanderungsgesellschaft längst eine junge Generation herangewachsen ist, in der sich die unterschiedlichsten Lebenswelten vermischt haben".

Saida Hashemi, die Schwester eines der Opfer, sagte bei dem Treffen: "Die Tat bewegte die ganze Welt. Sie sollte uns dennoch nicht hindern, unser Leben weiter zu leben und in die Zukunft zu sehen." Und: "Sie darf uns nicht in die Knie zwingen." Sie unterstrich zugleich: "Wir haben das große Glück, in einem demokratischen Rechtsstaat zu leben. Und ich glaube an diesen Staat und an die Werte, die er vertritt." Sie glaube auch daran, dass die Tat in Hanau "lückenlos und wahrheitsgetreu aufgeklärt" werde.

Man müsse den Rechtsstaat schützen und sich für ein friedliches Miteinander einsetzen, sagte Saida Hashemi. "Deshalb dürfen wir nicht wegsehen, dürfen nicht vergessen und müssen uns aktiv an dem Deutschland beteiligen, das wir uns wünschen." Anteilnahme und Zusammenhalt von Bürgerinnen und Bürgern zeige ihr aber, "dass wir in einer starken und gefestigten Gemeinschaft leben."

Steinmeier bedauerte, dass die Corona-Krise die Angehörigen in der Zeit der Trauer zusätzlich und besonders hart getroffen habe. Sie hätten sich nicht mehr treffen können und sich daher "allein, einsam und isoliert gefühlt". Es sei zu befürchten gewesen, dass die rassistische Tat, die Opfer und das Leid der Angehörigen vergessen würden. Aber: "Wir vergessen nicht", versicherte der Bundespräsident.

Er appellierte an die Angehörigen, gemeinsam für ein Land zu streiten, in dem niemand das Gefühl haben müsse, weniger wert zu sein; in dem niemand wegen seines Namens oder seiner Hautfarbe schlechtere Chancen habe; "in dem wir auf unsere Sprache achten, im Internet ebenso wie auf der Straße oder im Parlament".

"Wir wollen heute gemeinsam der Menschen gedenken, die Sie und die wir alle am 19. Februar verloren haben": Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Said Nesar Hashemi, Vili-Viorel Păun, Ferhat Unvar, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Fatih Saraçoğlu, Kaloyan Velkov. Und Behçet Gültekin, der Vater von Gökhan, sei nur wenige Wochen nach der Tat seiner schweren Krankheit erlegen.

Vor dem Treffen forderte der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) eine lückenlose Aufklärung der Tat. Das sei für die Hinterbliebenen und die gesamte Stadtgesellschaft wichtig, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Mittwoch). "Die Familien müssen wissen: Wurden Fehler gemacht, hätte der Anschlag verhindert werden können?"

dpa