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Politik Auseinandersetzungen um A49 steuern auf Höhepunkt zu
Mehr Hessen Politik Auseinandersetzungen um A49 steuern auf Höhepunkt zu
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16:04 30.10.2020
Demonstranten stehen vor der Bundesgeschäftsstelle von den Grünen. Quelle: Paul Zinken/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild
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Stadtallendorf/Homberg

Dröhnende Kettensägen, protestierende Aktivisten in den Bäumen und hunderte Polizisten im Dauereinsatz: Seit einem Monat herrscht Ausnahmezustand im Herrenwald bei Stadtallendorf. Baum um Baum ist dort für den Weiterbau der Autobahn 49 in Mittelhessen gefallen - unter teils heftigen Protesten von Umwelt- und Klimaschützern. Doch der Höhepunkt der Auseinandersetzungen in der Region dürfte bald erst noch bevorstehen: Weil die Arbeiten im Herrenwald bereits vor dem Abschluss stehen, werden bald die Harvester im Dannenröder Forst vorfahren.

"Das ist die Ruhe vor dem Sturm", glaubt man bei der Polizei Mittelhessen. Denn Aktivisten verschiedenster Gruppen haben dafür gesorgt, dass sich der "Danni" über die Landesgrenzen hinaus zu einer Art Symbol des Widerstands gegen den Autobahnbau entwickelt hat.

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Seit gut einem Jahr halten sie das Waldstück im Vogelsbergkreis besetzt, um die Fällarbeiten zu verhindern oder hinauszuzögern. Ganze Dörfer aus Baumhäusern, Plattformen und Barrikaden sind dort entstanden, wie Sprecherin "Lola Löwenzahn" vom Bündnis "Autokorrektur" sagt. Ihr Fazit der bisherigen Proteste fällt gemischt aus: Einerseits verurteile man "aufs Schärfste", dass im Herrenwald bald fast 50 Hektar gesunder Mischwald zerstört seien. Trotzdem sei es ein "Erfolg", dass es mittlerweile Aktionen, Demos und Solidaritätsbekundungen in und aus ganz Deutschland gebe. Hinter die Proteste gegen die A49 hatten sich Organisationen wie der BUND, Attac Deutschland, Robin Wood und Extinction Rebellion gestellt.

Davon fühlen sich die Aktivisten bestärkt: Der Widerstand werde im Dannenröder Wald "größer und bestimmter sein, als in den Wäldern zuvor", heißt es in einer Pressemitteilung. "Lola Löwenzahn" geht davon aus, dass dafür auch mehr Menschen als bisher in den Wald kommen. Generell zeichneten sich die Proteste rund um die A49 besonders dadurch aus, dass hier Aktivisten und ortsansässige Bürgerinitiativen zusammen das gleiche Ziel verfolgten, sagt sie.

Deutlich kritischer sieht der hessische Verfassungsschutz die Situation rund um die A49-Proteste. Schon vor, aber auch während der Rodungsarbeiten sei es zu Straftaten gekommen, bei denen Aktivisten zumindest auch in Kauf genommen hätten, dass Menschen gefährdet oder verletzt werden könnten und Sachschäden entstehen, heißt es beim Landesamt für Verfassungsschutz. "Insgesamt ist weiterhin damit zu rechnen, dass gewaltorientierte Personen auch aus dem linksextremistischen Spektrum versuchen werden, das Anliegen der Umweltschützer zu instrumentalisieren, den Verlauf der Proteste in eine unfriedliche Richtung zu lenken und weitere Straf- und Gewalttaten zu begehen", mahnt das Landesamt in Wiesbaden.

Die Aktivisten wollen das so nicht stehenlassen. Sie finde es nicht richtig, die Proteste zu kriminalisieren, sagt "Löwenzahn". "Es ist verständlich, dass Menschen wütend sind, weil täglich gewaltsam Wälder zerstört werden und dadurch auch unsere Zukunft." Wie genau die Aktivisten weiter vorgehen werden, lässt die Sprecherin offen, zugleich aber durchblicken, dass es auch abseits des Waldes zu weiteren Protestaktionen kommen könnte.

Derweil sehen manche Befürworter des Projekts mit Sorge, dass der Tonfall in dem Konflikt rauer wird. "Eigentlich soll der Lückenschluss ja sowohl den Menschen als auch der Wirtschaft in der Region nutzen", sagt der Sprecher des Regionalmanagement Mittelhessen, ein Zusammenschluss aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft in der Region. Stattdessen spalte das Projekt die Bevölkerung in zwei Lager, die sich zunehmend unversöhnlich gegenüber stünden. Positiv sieht Heinrich aber zumindest, dass sich mehr Menschen über das Projekt informiert hätten und dadurch auch die Zahl der Befürworter gewachsen sei.

Den A49-Gegnern wirft Heinrich vor, dass sie meist mit vorgefertigten Satzbausteinen argumentierten und sich mit den Belangen der Menschen in der Region nicht näher auseinandersetzen oder diese ganz übergehen, da viele von ihnen nicht aus der Gegend kämen. "Die Menschen, die auf die Autobahn warten, sind prinzipiell keine Klimaschutz- oder Waldgegner", ist Heinrich überzeugt.

Der Polizei stehen also wohl auch in den kommenden Monaten turbulente Zeiten bevor - zumal die Proteste rund um den Transport von sechs Castor-Behältern zum Zwischenlager im südhessischen Biblis zahlreiche Kräfte binden dürften. Natürlich handele es sich um eine herausfordernde Situation, weil die Einsatzkräfte an mehreren Stellen besonders gefordert seien, sagt ein Sprecher des Innenministeriums. "Die Polizei ist aber auf diese Situation gut vorbereitet und kann auch weiter für Sicherheit und Ordnung sorgen."

Die Anwohner der kleinen Homberger Ortsteile Maulbach - wo bereits begleitet von Protesten und Polizeigroßeinsätzen gerodet wurde - sowie Dannenrod beobachten das Geschehen mit gemischten und auch mulmigen Gefühlen, wie der evangelische Pfarrer Alexander Starck sagt. "Da steckt Trauer über verlorenen Wald drin, da ist Wut dabei, Resignation." Ein "großes Gefühlsgemisch" gebe es auf beiden Seiten, sowohl bei den Befürwortern wie auch Gegnern.

Dass die Orte, in denen nur wenige hundert Einwohner leben, Schauplätze der Ereignisse rund um die A49 sind oder noch werden, sei für die Bevölkerung belastend. Polizeieinsätze mit hunderten Beamten sei man dort nicht gewohnt. "Normalerweise haben wir hier alle paar Tage eine Streife, die durchfährt." Was auf die Dörfer zukommt, wenn sich das Geschehen auf den Dannenröder Wald verlagert, sei schwer einzuschätzen, sagt Starck mit Blick sowohl auf die Proteste als auch den Polizeieinsatz. "Es wird vermutlich überwältigend sein." Er könne sich gut vorstellen, dass bei vielen Anwohnern zudem etwas Angst mitschwinge, auch davor, dass Proteste in Gewalt umschlagen könnten.

dpa