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Politik Alles anders: Wie geht Wahlkampf in Corona-Zeiten?
Mehr Hessen Politik Alles anders: Wie geht Wahlkampf in Corona-Zeiten?
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05:31 03.03.2021
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Wiesbaden

Keine Großveranstaltungen, kaum Hausbesuche und Infostände: In Corona-Zeiten unterscheidet sich der hessische Kommunalwahlkampf enorm von dem in früheren Jahren. Parteien und Kandidaten müssen Kreativität beweisen, um ihre Wähler zu erreichen. Zwar gibt es nach wie vor Plakatwände und Flyer im Briefkasten - daneben spielt aber das Digitale eine besonders große Rolle. Die hessischen Kommunalwahlen sind am 14. März.

CDU-Generalsekretär Manfred Pentz berichtet, die Partei habe ihre Wahlkämpfer mit Online-Schulungen auf den vollkommen anderen Wahlkampf vorbereitet. "Unser Ziel war es, einen modernen und digitalen Wahlkampf, verknüpft mit Retro-Elementen zu führen." Beispielsweise konnten viele Neujahrsempfänge und Auftaktveranstaltungen online verfolgt werden.

Saalveranstaltung wurden zur Videokonferenz, statt eines Infostandes gab es ein digitales Dorf- und Stadtgespräch, wie Pentz erklärt. Für den klassischen Straßenwahlkampf empfiehlt der Landesverband, mit äußerster Vorsicht vorzugehen und im geringsten Zweifel zu verzichten. Oder kreativ auf Abstand zu achten - etwa wenn "Wahlkampftüten" mit einem längeren Stiehl gereicht werden.

"Beim Haustürwahlkampf gehen wir, dort wo er durchgeführt wird, ähnlich vor", berichtet Pentz. "Die vorbereitete Tüte wird an die Tür gehängt, unsere Wahlkämpfer klingeln und ziehen sich dann auf Abstand zurück." Dabei würden Gespräche in der Regel auf einen kurzen Gruß reduziert, mit Maske.

"Unsere Kandidatinnen und Kandidaten sind landesweit in den sozialen Medien und auf digitalen Kanälen sehr aktiv und kreativ", berichtet der FDP-Generalsekretär Moritz Promny. Beispielsweise beim digitalen Aschermittwoch in Frankfurt, Gießen oder Königstein im Taunus. "Ebenso gibt es digitale Kaffeetrinken und Bürgersprechstunden."

Zwei FDP-Kandidaten aus dem Schwalm-Eder-Kreis und von der Bergstraße hätten sich zu einem digitalen Kochduett unter dem Motto "Wild und ehrlich: von nebenan auf den Tisch" auf einer Videoplattform getroffen. "Beide haben – jeder in seiner Küche - Rehrücken zubereitet und dabei übers Kochen, aber natürlich auch über Politik gesprochen", sagt Promny.

Die FDP Oberzent (Odenwaldkreis) hat zur Fastnacht ihre Kandidatinnen und Kandidaten verkleidet und fotografiert, zum Beispiel als Osterhase und Nikolaus. Die Aktion sei mit einem Gewinnspiel auf Facebook verbunden worden und "ein tolles Beispiel, was auch in Corona-Zeiten möglich ist", sagt Promny. Gleichzeitig sei der Einzelhandel gestärkt worden, da es Gutscheine fürs örtliche Gewerbe zu gewinnen gab.

Ein Sprecher der Linkspartei berichtet unter anderem von landesweiten digitalen Veranstaltungen, die auf Internet-Plattformen verfolgt werden könnten. "Auf Hausbesuche wird eher verzichtet", teilt er mit. "Dafür wird mehr Material in die Briefkästen gesteckt." Infostände gäbe es weiterhin - aber mit Abstands- und Hygieneregeln.

Zu den kreativen Ideen der Linkspartei-Kandidaten zählten beispielsweise "Faschingstüten", die zur Fastnacht an den Frankfurter Haustüren abgegeben wurden oder die Aktion "Nulltarif-Busse". Dabei habe ein Mensch einen nachgebauten Bus getragen und sei damit durch die Frankfurter oder Darmstädter Innenstadt spaziert.

Bei der hessischen SPD gibt es nach Auskunft eines Sprechers keine Vorgaben, auf Informationsstände oder Hausbesuche zu verzichten. "Wir gehen aber davon aus, dass die Mitglieder, die den Kommunalwahlkampf bestreiten, nach einem Jahr wissen, wie die Regeln des Infektionsschutzes eingehalten werden und ihre Aktionen entsprechend organisieren." Auch die Sozialdemokraten nutzen das Internet - etwa für ein "Digitales Heringsessen mit analogem Fisch" in Bad Soden-Salmünster im Kinzigtal.

"Die meisten Veranstaltungen wie auch Neujahrsempfänge finden dieses Mal natürlich digital statt", erklären die Grünen-Landesvorsitzenden Philip Krämer und Sigrid Erfurth. Es würden teilweise recht aufwendige Video-Clips produziert. Für die nächsten Wochen sei ein Telefon- und Kurznachrichten-Wahlkampf geplant. "Ich selbst habe als Wahlkampf-Event eine kleine Fahrrad-Tour gemacht", berichtet Krämer. Ein Bürgermeisterkandidat in Michelstadt im Odenwald habe in jedem Stadtteil einen Ideenkasten aufgehängt und Bürger um Anregungen gebeten.

"Die sonst so beliebten Podiumsdiskussionen sind dieses Jahr natürlich sehr selten", berichten die Grünen-Landesvorsitzenden. Auf Hausbesuche wird verzichtet. "Wir wären sehr gerne direkter an den Menschen. Kommunalwahlkampf ist die Quelle der Demokratie", sagt Erfurth. "Auf Abstand die Sorgen und Nöte der Menschen zu erfahren, ist schwieriger als im direkten Kontakt."

Nach Worten von AfD-Landessprecher Klaus Herrmann gibt es auch in Corona-Zeiten AfD-Infostände, wo sich Wähler über das Programm informieren und mit AfD-Mitgliedern ins Gespräch kommen können. "Ergänzend können auch digitale Stammtische und Werbeveranstaltungen angeboten werden", erklärt Herrmann.

© dpa-infocom, dpa:210303-99-663856/2

dpa