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Politik Ab März darf hoch-radioaktiver Müll nach Biblis
Mehr Hessen Politik Ab März darf hoch-radioaktiver Müll nach Biblis
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08:31 28.02.2020
Ein Polizeiwagen vor dem Atomkraftwerk (AKW) Biblis. Quelle: Boris Roessler/dpa/Archivbild
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Biblis

Angekettete Aktivisten, Straßenblockaden, blockierte Gleise und ein Großaufgebot der Polizei: Castortransporte sind für die Sicherheitsbehörden in Deutschland immer eine besondere Herausforderung. Der nächste Transport solcher Behälter mit hoch-radioaktiven Müll könnte unmittelbar bevorstehen. Für sechs Castoren aus der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage im britischen Sellafield in das Zwischenlager im südhessischen Biblis gibt es ab dem 1. März eine Transportgenehmigung.

Nach der Meinung des Atomexperten der Umweltorganisation Greenpeace, Heinz Smital, wird der Start der Castoren nicht lange auf sich warten lassen. "Das startet sehr wahrscheinlich im März oder April." Man werde nicht bis auf den letzten Drücker warten. Smital geht davon aus, dass der Transport zum Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl durch ist. Der vierte Block des sowjetischen Atomkraftwerks war am 26. April 1986 bei einem missglückten Experiment explodiert. Die radioaktive Wolke verstrahlte große Gebiete im heutigen Weißrussland, in der Ukraine und in Russland.

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In einer Mitteilung des zuständigen Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) heißt es: "Genehmigt ist der Transport der hoch-radioaktiven Abfälle in maximal sechs Transportbehältern im Zeitraum vom 1. März bis 31. Dezember 2020. Wann genau und auf welchem Weg konkret der Transport stattfindet, stimmt die Antragstellerin insbesondere mit den zuständigen Sicherheitsbehörden der Länder und des Bundes sowie dem Eisenbahn-Bundesamt als zuständige atomrechtliche Aufsichtsbehörde für den Schienentransport ab."

Bei der Transportfirma Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) heißt es "Per Schiff und Bahn nach Biblis". Etwas konkreter wird die GNS noch auf ihrer Homepage. Für die noch ausstehenden Castor-Transporte aus Sellafield heißt es dort: "Da durch den Eurotunnel keine Gefahrgut-Transporte fahren dürfen, werden die Behälter aus England mit dem Schiff nach Deutschland gebracht." Zunächst gehe es zum Hafen Barrow-in-Furness im Nordwesten Englands, von dort in einen deutschen Seehafen und weiter auf der Schiene bis ins Zwischenlager. Genauer wird es zunächst mal nicht.

"Es ist nicht leicht einzuschätzen, weil sie es ja verdeckt haben wollen", sagt Smital. Als deutscher Seehafen käme gerüchteweise Nordenham in Niedersachsen in Frage. Auch das Bündnis Castor-stoppen sieht Nordenham als wahrscheinlich an und spricht von einem "Geheimtransport" von Norden quer durch Deutschland nach Biblis.

In der Wesermarsch in Niedersachsen bereiten sich Atomkraftgegner indes schon mal vor. Hans-Otto Meyer-Ott geht fest davon aus, dass die Castor-Behälter per Schiff zum Hafen Nordenham gebracht und dort per Kran auf Züge geladen werden. Nordenham habe Erfahrung mit derartigen Transporten, sagt Meyer-Ott der zur Initiative Arbeitskreis Wesermarsch gehört. Diese Woche gab es ein erstes Info- und Koordinierungstreffen. "Wir werden Hinweise bekommen, wann das Schiff den Hafen in der Nähe von Sellafield verlässt", hofft Meyer-Ott. "Dann werden wir Beobachtungsposten aufstellen." Dafür eigne sich die zum Teil eingleisige 50 Kilometer lange Bahnstrecke Nordenham-Hude.

Wie viel Polizei bei einem solchen Transport im Einsatz sein wird, kann nach Angaben des hessischen Innenministeriums derzeit nicht mitgeteilt werden. Eine Aufbauorganisation der hessischen Polizeipräsidien und des hesschischen Bereitschaftspolizeipräsidiums werde vorbereitet. Die Einsatzleitung für die Landespolizeien habe aber das Land Niedersachsen.

Warum zurück ins südhessische Biblis im Kreis Bergstraße? Deutsche Energieversorger ließen bis 2005 ihre Brennelemente in Großbritannien und Frankreich aufarbeiten. Die dabei entstandenen flüssigen Abfälle wurden in Glas geschmolzen und nach und nach zurück transportiert. Die meisten landeten im Zwischenlager Gorleben in Niedersachsen. Doch seit 2013 müssen die verbliebenen Abfälle an den Standorten der Kraftwerke aufbewahrt werden - auch in Biblis, wo das vom Energieversorger RWE betriebene Kraftwerk 2011 stillgelegt wurde.

Umweltschützer und Atomgegner sehen bei dem Transport und der Zwischenlagerung in Biblis allerdings Sicherheitslücken. "Es gibt faktenkundige Defizite", sagt Smital. Der Bund für Umwelt und Naturschutz in Hessen (BUND) präsentierte gleich eine Mängelliste mit 26 Punkten vor und legte Widerspruch gegen die Transportgenehmigung ein. Diese sehe keine Möglichkeit einer Reparatur möglicher undichter Behälter, noch einen Transport zu einer Reparatureinheit vor. Es sei nur geprüft worden, wie die Behälter eingelagert werden können, aber nicht, wie man diese wieder abtransportieren kann, bemängelte der BUND. Eine Reparatureinheit, eine sogenannte heiße Zelle, gebe es nicht. Und Smital bemängelte auch den fehlenden Schutz. Terroristische Bedrohungen könne man ja nicht wegreden. Ein gezielter Flugzeugabsturz sei nicht einfach ein Restrisiko.

Dem BASE zufolge darf eine Genehmigung für hoch-radioaktive Abfälle nur erteilt werden, wenn die hohen Sicherheitsanforderungen des Atomgesetzes erfüllt sind. Für das Genehmigungsverfahren seien alle Sicherheitsfragen inklusive des "Schutzes gegen terroristische Maßnahmen" betrachtet worden, heißt es beim Bundesamt. Eine aufschiebende Wirkung hat der Widerspruch der Umweltschützer nicht.

dpa

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