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Panorama Mehr Marketing als Qualität
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08:00 06.11.2019
Die Rolltore des Fleischherstellers Wilke Wurstwaren sind heruntergelassen. Quelle: Uwe Zucchi
Twistetal

Öko gilt längst als Erfolgsmodell beim Verkauf von Lebensmitteln und anderen Produkten. Auf den Zug der Nachhaltigkeit wollte auch der Geschäftsführer der Firma Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren, Klaus Rohloff, aufspringen. Doch das Unternehmen verkaufte regionale Bio-Wurst, die nach Recherchen der Hessisch-Niedersächsischen Allge­meinen (HNA) weder so regional noch so biologisch war wie angepriesen.

Hinter dem vielversprechenden Namen „Rohloff Fleischmanufaktur“ steckte mehr Marketing als Qualität. Unter den Artikeln, die nach der Schließung der Firma aufgrund der stark gesundheitsgefährdenden Listerien in Wilke-Produkten vorsorglich zurückgerufen wurden, waren auch mit „Bio“ ­gekennzeichnete Wurstwaren. Salami, Kronen-Schinken, Hinterschinken, Putenbrust.

"Keine Meldung einer Folgeproduktion"

Auf der Internetseite eines Wilke-Kunden fanden Reporter der HNA ein Verkaufsprospekt mit solchen Produkten der Wilke-Eigenmarke „Rohloff Fleischmanufaktur“ – ausgezeichnet mit dem sechseckigen deutschen Bio-Siegel, das das Unter­nehmen nach Aussagen des Regierungspräsidiums (RP) Gießen als zuständige Behörde nicht hätte verwenden dürfen.

Die Firma hatte sich zwar für eine Öko-Bescheinigung einer „geplanten Einstiegs- und Testproduktion unterstellt“. Um das Bio-Siegel verwenden zu dürfen, hätte sie dies aber bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) anzeigen müssen. „Dies ist nach Aussagen der BLE nicht erfolgt“, sagte ein RP-Sprecher.

Der Twistetaler Wursthersteller hatte ­Ende des vergangenen Jahres ein Verfahren gestartet, um eine Bio-Zertifizierung zu erlangen. Im Januar dieses Jahres hatte es dort eine Testproduktion gegeben, teilte das RP auf Nachfrage mit. Wilke hatte demnach die Auflage erhalten, jede Folgeproduktion bei der zuständigen Kontrollstelle anzumelden.

„Nach den Aussagen der Kontrollstelle erfolgte keine ­Meldung einer Folgeproduktion durch das Unternehmen Wilke“, so das RP. Trotzdem hat ­Wilke seitdem ­Bio-Produkte vermarktet. Die ­Rückruf-Liste eines Kunden von Wilke gibt Aufschluss darüber, dass es sich dabei um geschnittene Wurstprodukte mit einer Haltbarkeit von höchstens 35 Tagen handelte.

Firma Wilke nicht für das Umpacken zugelassen

Diese konnten somit nicht aus der Testproduktion im Januar stammen, was das RP zunächst als Option ­betrachtete. Wer diese Produkte tatsächlich hergestellt hat, darüber hatte das Regierungspräsidium nach eigener Aussage keine Infor­mationen. „Die ­Kontrollstelle hat entsprechende Fragen an das Unternehmen Wilke herangetragen, die von der Insolvenzverwaltung aber bislang nicht beantwortet wurden“, schreibt der stellvertretende RP-Presse­sprecher Thorsten Haas auf HNA-Nachfrage hin.

Die vermeintlichen Bio-Waren weisen die Nummer der Kontrollstelle Gesellschaft für Ressourcenschutz (GfRS) in Göttingen auf, bei der die Firma Wilke nicht im Ökokontrollverfahren gewesen ist. Auf Nachfrage hieß es dort: „Bei den Produkten handelt es sich um fertig verpackte und etikettierte Zukaufsware aus einem von uns zertifizierten Unternehmen.“

Diese zugekaufte Ware muss die Firma Wilke mit eigenen Etiketten versehen haben – nach Aussagen eines ihrer Kunden mit „Rohloff Fleischmanufaktur – Qualität aus dem Waldecker Land“. Wilke war demnach nicht der Hersteller der Bio-Wurst und dennoch trug die Ware ­erstens den Namen der Eigenmarke und zweitens das Identitätskennzeichen der Firma Wilke, das Aufschluss über den Erzeuger geben soll.

Denn vom Rückruf betroffen waren ausschließlich Produkte mit dem Identitätskennzeichen „DE EV 203 EG“, also alle Erzeugnisse der Firma Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren. Aber: „Es ist nur der Hersteller der Fleischerzeugnisse oder der Umpackbetrieb berechtigt, das Identitätskennzeichen anzubringen“, heißt es vonseiten des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). In dem Fall war Wilke weder noch: Ansgar Weiß, Pressereferent des BVL, erklärte, dass die Firma Wilke nicht für das Umpacken zugelassen gewesen sei, sondern nur für die Herstellung von Fleischerzeugnissen.

von Stefanie Rösner