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Panorama Weniger Wespen unterwegs: Frühjahr hat Tieren zugesetzt
Mehr Hessen Panorama Weniger Wespen unterwegs: Frühjahr hat Tieren zugesetzt
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05:09 19.08.2021
Eine Wespe fliegt vor einer Fensterscheibe.
Eine Wespe fliegt vor einer Fensterscheibe. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa/Symbolbild
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Darmstadt

Eigentlich sind die Monate Juli und August Wespenzeit - doch in diesem Jahr machen sich die gelb-schwarzen Insekten mit den von manchen Menschen gefürchteten Stacheln rar. Das nasskalte Wetter im Frühling habe dazu geführt, dass die Wespen nicht ausreichend Nahrung fanden, um ihre Larven zu füttern, sagte Brigitte Martin vom Umweltverband BUND Darmstadt der Deutschen Presse-Agentur. Das hat auch Folgen für andere Tierarten, denn die Wespen selbst und ihre Larven dienen ebenfalls als Nahrung - für die unter Artenschutz stehenden Hornissen beispielsweise, für Vogelarten wie den seltenen Wespenbussard oder für Spitzmäuse.

Martin ist ehrenamtlich als Wespenberaterin des BUND tätig und hilft im Rahmen einer privaten Nebentätigkeit bei Umsiedlungen von Wespen- und Hornissennestern. Die Tiere werden dabei mit einer speziellen Vorrichtung abgesaugt und finden dann nach Rücksprache mit Förstern oder Privatleuten beispielsweise in Wäldern oder auf geeigneten Gartengrundstücken in Nistkästen ein neues Zuhause. Konkret handelt es sich um Völker der Deutschen und der Gemeinen Wespe, die im Gegensatz zu anderen Arten lästig fallen können, weil sie es am Kaffeetisch, beim Eisessen oder Grillabend vor allem auf Süßes und Fleisch abgesehen haben. Die meisten anderen der rund 600 in Deutschland und Nachbarländern heimischen Wespenarten hingegen gelten als harmlos. Nützlich sind Wespen ohnehin, weil sie auch bei der Bestäubung von Pflanzen mithelfen und kleinere Schädlinge wie Blattläuse oder Mücken vertilgen.

Während sie im trockenen und heißen Sommer 2020 rund 50 Völker betreut habe, seien es in diesem Jahr nur 8, sagte Martin. Entsprechend sei auch die Zahl der Umsiedlungen in diesem Jahr auf etwa ein Fünftel zurückgegangen. Bei ihrer Tätigkeit steht die Expertin oft vor kniffligen Aufgaben, weil sich die Wespen gern in schwer zugänglichen und dunklen Hausecken einrichten - in Rollladenkästen, Dachbodennischen und Lüftungsrohren beispielsweise bauen sie ihre hell-beigefarbenen oder hellgrauen Nester.

Damit sie bei ihrer Arbeit nicht gestochen wird, trägt Martin Schutzanzug und Gummistiefel - gerade bei hochsommerlichen Temperaturen ist das eine schweißtreibende Angelegenheit, zumal eine Umsiedlung schon einmal mehrere Stunden in Anspruch nehmen kann, sagt Martin. Trotzdem, anders geht es nicht, denn die Tiere würden sonst die kleinsten Öffnungen nutzen, um sie mit Stichen zu attackieren. Wenn es keine Allergiker im Haus gebe und auch sonst niemand in Gefahr sei, rate sie auch oft dazu, Nester an Ort und Stelle zu lassen - zumal die Nester nach einer Saison ohnehin leer stehen, da eine neue Königin im Frühjahr stets ein neues Nest gründet.

Dass es in diesem Sommer so wenige Wespen gibt, heißt indes nicht, dass auch im kommenden Sommer weniger Exemplare unterwegs sein werden. Über die Wespenpopulation einer Saison entscheide allein die Witterung im Frühjahr, sagte Martin. Der Klimawandel, der anderen Insektenarten teils zusetzt, komme der Deutschen und der Gemeinen Wespe tendenziell eher zugute, weil sie mehr Nahrung vorfänden und die Larven im Frühjahr bessere Überlebenschancen hätten. Generell gelten sehr viele Insekten in Deutschland als bedroht - von Schwebfliegen und Heuschrecken über verschiedene Käfer- und Wanzenarten bis hin zu Schmetterlingen, Libellen und Wildbienen, wie Martin sagte.

Zum besseren Schutz der Insektenbestände soll in Hessen unter anderem der Ausbau des Ökolandbaus beitragen: Bei 121.740 Hektar lag die entsprechende Fläche im vergangenen Jahr, das waren 16 Prozent der Gesamtanbaufläche, wie eine Sprecherin des hessischen Umweltministeriums sagte. Bis 2025 ist ein Ausbau des Anteils auf 25 Prozent geplant. Auf Ökolandbau-Flächen ist der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verboten. Auch Blühstreifen an Ackerrändern sollen wieder mehr Insekten Nahrung und Heimat geben. Hier hat sich die Fläche bei einjährigen Blühstreifen von 418 Hektar im Jahr 2015 auf 1965 Hektar in diesem Jahr erhöht. Bei den mehrjährigen Blühstreifen wuchs die Fläche im gleichen Zeitraum von 806 auf 2025 Hektar.

"Unser Ökosystem ist unsere Lebensgrundlage – gerät es ins Wanken, hat das gravierende Folgen für die gesamte Natur und uns Menschen", erklärte das Ministerium. Vor allem bestäubende Insekten hätten einen entscheidenden Anteil daran. Ohne sie könnten Pflanzen keine Früchte bilden und Tiere und Menschen verlören ihre Nahrungsgrundlagen. Zudem seien Insekten als Nahrung für das Überleben anderer Tierarten wichtig. "Darum setzen wir uns besonders für den Schutz von Insekten ein", so das Ministerium. So gehe es in vielen Naturschutz- und Natura 2000-Gebieten auch um den Erhalt insektenreicher Lebensräume, wie extensiv genutzten Wiesen oder Sandtrockenrasen – oder auch um den gezielten Schutz von Arten oder Artengruppen wie Wildbienen, Grabwespen oder holzbewohnenden Käfern.

© dpa-infocom, dpa:210819-99-890925/3

dpa