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Panorama Weniger Geldautomaten in Hessen gesprengt
Mehr Hessen Panorama Weniger Geldautomaten in Hessen gesprengt
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08:45 03.10.2020
Völlig zerstört ist eine SB-Filiale der Deutschen Bank, nachdem der Geldautomaten gesprengt wurde. Quelle: picture alliance / Arne Dedert/dpa/Archivbild
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Wiesbaden

Ein Knall - und kurz darauf sehen Zeugen einen dunklen Wagen davonrasen. Nach der Explosion eines Geldautomaten in Butzbach (Wetteraukreis) Ende September machen sich Unbekannte laut Polizei mit mindestens 10 000 Euro davon. Vier Tage vorher sprengen Unbekannte in Offenbach am frühen Morgen einen Geldautomaten, der Schaden wird zunächst nicht bekannt. Trotz der Häufung ist die Zahl solcher Taten in diesem Jahr in Hessen insgesamt rückläufig: Nach 34 Fällen von Januar bis August 2019 seien im gleichen Zeitraum dieses Jahres hessenweit noch 15 Fälle gezählt worden, teilte das Landeskriminalamt (LKA) der Deutschen Presse-Agentur mit.

Meist blieb es in diesem Jahr demnach beim Versuch einer Sprengung, in fünf Fällen kam es tatsächlich zur Explosion, in zwei dieser Fälle erbeuteten die Täter auch Bargeld. Insgesamt wurden so in diesem Jahr rund 165 000 Euro gestohlen - nach 1,95 Millionen Euro im Gesamtjahr 2019. Dazu kommen jeweils noch Gebäudeschäden sowie Schäden, wenn die betroffenen Bankfilialen wegen der Taten ihre Geschäftstätigkeit unterbrechen müssen. Die Gesamtschäden konnte das LKA allerdings nicht beziffern.

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Das Landeskriminalamt hatte im Frühjahr 2019 eine Ermittlungsgruppe eingerichtet, die sich mit Geldautomatensprengungen befasst. Bei der Prävention wollen sich die Kriminalisten nicht zu genau in die Karten schauen lassen, um den Tätern keine Hinweise zu geben. Zu den Maßnahmen gehören aber etwa Beratungsangebote für die Banken über ein spezielles Programm der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes sowie Schulungen für die Filialmitarbeiter.

An kritischen Standorten empfehle man außerdem, Filialen zu tendenziell riskanten Tages- und Nachtzeiten zu schließen, um den Tätern keinen Zugang zu den Automaten zu ermöglichen, hieß es. Eine abschreckende Wirkung sollen Videoüberwachung, Einfärbesysteme für Bargeld und verstärkte Streifen bei kritischen Standorten haben.

Nach Einschätzung der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt könnten die gesunkenen Fallzahlen auch mit niedrigeren Bargeldbeträgen zusammenhängen, die Banken zwischenzeitlich während der Corona-Krise in den Automaten vorhielten. Beim Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken hieß es dazu, tatsächlich hätten sich die Menschen zu Beginn der Krise zunächst stärker mit Bargeld eingedeckt. Deshalb sei sogar vorübergehend mehr Geld in den Automaten gewesen. Da Banken und Supermärkte aber geöffnet blieben und die Kunden möglichst kontaktlos bezahlten, sich die Nachfrage seit April wieder normalisiert.

Wenn die Täter nach Geldautomatensprengungen überführt werden, müssen sie mit Ermittlungsverfahren wegen des Herbeiführens einer Strengstoffexplosion rechnen - ein Verbrechenstatbestand, der mit einer Freiheitsstrafe von nicht unter einem Jahr geahndet wird, wie der Staatsanwalt Christian Hartwig von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt erläuterte. Sollten die Täter Beute gemacht haben, komme noch der Vorwurf des Diebstahls oder - falls sie die Tat zusammen mit anderen begangen haben - die Begehung eines gewerbsmäßigen Bandendiebstahls in Betracht.

Daraus werde dann eine einheitliche, entsprechend höhere Strafe ermittelt. Falls es beim Versuch bleibe, könne eine Strafe auch entsprechend milder ausfallen. Aber schon für die Vorbereitungen einer solchen Tat können die Täter strafrechtlich belangt werden. Und falls Menschen verletzt werden oder sogar wegen einer Explosion zu Tode kommen, könnten auch mehrjährige bis hin zu lebenslangen Haftstrafen verhängt werden.

Generell berge eine Geldautomatensprengung ein hohes Risiko, weil die Täter selbst gebaute Sprengsätze verwendeten, deren Gefährlichkeit sie häufig selbst nicht einschätzen könnten. Dass teils kein Geld erbeutet wird, führte Hartwig auch auf die Explosionen zurück - durch diese würden die Automaten und das Gebäude häufig derart schwer beschädigt, dass die Täter in der Eile nicht an das Geld kämen und ohne Beute flüchteten.

Mit einer ganzen Serie von Geldautomatensprengungen wird sich das Landgericht Fulda vom 6. Oktober an beschäftigen. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt hat Anklage gegen drei der mutmaßlichen Täter wegen des Verdachts des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und des schweren Bandendiebstahls in jeweils drei Fällen, der Vorbereitung eines Explosionsverbrechens in zwei Fällen sowie der Sachbeschädigung erlassen. Auch vor dem Landgericht Gießen läuft derzeit ein Prozess gegen eine Bande mutmaßlicher Geldautomatensprenger.

dpa