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Panorama Telefonbetrüger setzen auf Panik bei Opfern
Mehr Hessen Panorama Telefonbetrüger setzen auf Panik bei Opfern
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05:28 01.10.2021
Blaulicht auf einem Polizeifahrzeug.
Blaulicht auf einem Polizeifahrzeug. Quelle: Jens Büttner/ZB/dpa/Symbolbild
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Wolfhagen/Frankfurt

"Man weiß, irgendetwas ist komisch. Aber man kann es in dem Moment nicht einsortieren, weil das Gehirn damit beschäftigt ist, den Schock zu verarbeiten" - so beschreibt eine 65-Jährige aus Wolfhagen im Landkreis Kassel ihren Zustand, als sie kürzlich Opfer von Telefonbetrügern wurde. Gleich zwei Mal innerhalb von sechs Wochen versuchten Kriminelle, der Frau einen hohen Betrag abzuluchsen, indem sie sich als Polizisten ausgaben.

Die Täter behaupteten, die Tochter der Frau habe soeben einen Unfall verursacht, bei dem ein Mensch tödlich verletzt worden sei. Die Mutter könne sie nun gegen die Zahlung einer Kaution an die Gerichtskasse in Kassel freikaufen. Die Anrufer verwendeten eine Kasseler Vorwahl. Die vermeintliche Tochter selbst bat ihre Mutter weinend um Hilfe, bevor ein angeblicher Polizist übernahm.

Beim ersten Versuch sei sie noch zur Bank gefahren, berichtet die 65-Jährige. "Ich stand wirklich unter Schock. Es ging mir schlecht." Die Betrüger hätten unablässig auf sie eingeredet. "Man findet keine Gelegenheit, einen klaren Gedanken zu fassen", sagt sie. Dann aber habe sie doch Zweifel an der Geschichte der Anrufer bekommen. Während sie mit den Betrügern weiter telefonierte, habe sie einem Bankangestellten einen Zettel zugeschoben, mit der Bitte, die Polizei zu verständigen. Irgendwann sei dann der Telefonkontakt abgebrochen.

Ein paar Wochen später erhielt die Nordhessin erneut einen sogenannten Schock-Anruf. Diesmal forderte eine angebliche Polizistin 80 000 Euro Kaution, um den Unfall der vermeintlichen Tochter abzuwickeln. Doch die Wolfhagerin war vorgewarnt. Sie sprach ihre angebliche Tochter mit falschem Namen an, den diese bestätigte. Zudem hatte sie erst wenige Minuten zuvor mit ihrer echten Tochter telefoniert.

Damit war klar, dass die Geschichte der Betrüger nicht stimmen konnte. Da habe sie gedacht: "Na warte" und den Spieß umgedreht. Die Frau lockte die Kriminellen ihrerseits in eine Falle, ließ sie in dem Glauben, Geld und Schmuck im Haus zu haben, das sie abholen könnten. Parallel telefonierte sie per Mobiltelefon mit der Polizei. Die Beamten lauerten dem Kurier auf und nahmen ihn fest.

Der Fall ist einer von Vielen: Gut 8,5 Millionen Euro ergaunerten Telefonbetrüger laut Polizeilicher Kriminalstatistik 2020 in Hessen. Das Hessische Landeskriminalamt (HLKA) erfasste nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr 2601 Fälle und 774 Versuche. Aufgeklärt wurden demnach rund 57 Prozent dieser Straftaten.

"Neben dem klassischen Enkeltrickbetrug, bei dem sich die Anruferin oder der Anrufer als ein in Not geratener Verwandter ausgibt und um Hilfe in Form einer Geldzahlung bittet, hat sich in den vergangenen Jahren ein weiteres Phänomen entwickelt: Der Anruf durch falsche Polizeibeamte beziehungsweise falsche Amtsträger", sagt HLKA-Pressesprecherin Laura Kaufmann-Conrad.

Bei dieser Masche würden sich die Täter als Polizeibeamte ausgeben oder sonstige Amtsträger wie etwa Staatsanwälte und täuschten eine Gefährdungslage vor. "Den Anrufern wird beispielsweise erzählt, ihr Geld oder Schmuck sei durch eine geplante Straftat in Gefahr und müsse durch eine Übergabe an die Polizei, die bald vor der Haustür stehe, vorsorglich sichergestellt werden." Natürlich handele es sich bei den Frauen und Männern, die nach einem solchen Anruf vor der Haustüre stehen, nicht um echte Polizistinnen und Polizisten, sondern um Betrügerinnen und Betrüger.

Die Täter passten sich den aktuellen Tatgelegenheiten an. "So wurde beispielsweise die Corona-Pandemie genutzt, um beim Enkeltrickbetrug eine Infektion mit dem Coronavirus als Grund für die Notlage vorzutäuschen - oder es wurde sich als Mitarbeiter eines Gesundheitsamts ausgegeben, um überteuerte Corona-Schnelltests an der Haustür durchzuführen", erläutert Kaufmann-Conrad.

Besonders von diesen Betrugsmaschen betroffen seien ältere Menschen. "Die Täter greifen häufig auf allgemein einsehbare Unterlagen wie Telefonbücher oder elektronische Telefonverzeichnisse zurück." Darin recherchierten sie nach eingetragenen (alt-)deutschen Vornamen, die eventuell auf ein höheres Lebensalter der Geschädigten schließen lassen. Frauen seien häufiger betroffen als Männer. Die Betrüger sind laut HLKA meist überregional und international aktiv. "Sie sind häufig bandenmäßig organisiert."

Sobald das Geld aus einem Betrug im Besitz der Täter ist, werde es meistens zeitnah an Mittäter weitergegeben oder ins Ausland transferiert, erklärt Kaufmann-Conrad. Nur unmittelbare Festnahmen durch die Polizei könnten den endgültigen Verlust des Geldes oder von Wertgegenständen verhindern. "Bei nachgelagerten Ermittlungen ist eine Wiedererlangung des Geldes oft aussichtslos."

Bei der Opferschutzorganisation Weißer Ring in Frankfurt gingen seit etwa drei Jahren vermehrt Anfragen von Opfern entsprechender Delikte ein, sagt Ulrich Warncke, Außenstellenleiter in Frankfurt und Präventionsbeauftragter des Landesverbands Hessen. Habe es früher ein bis zwei Anfragen im Jahr gegeben, seien es heute ein bis zwei pro Monat.

Die erbeuteten Beträge seien in der Regel hoch - nicht selten im sechsstelligen Bereich. "Die Betroffenen sind am Boden zerstört", berichtet Warncke. Eine Seniorin etwa sei kürzlich auf den Trick mit falschen Polizisten hereingefallen und habe ihre gesamten Ersparnisse in Höhe von 200.000 Euro verloren. "Sie muss jetzt Sozialhilfe beantragen, um im Alter versorgt zu sein."

Die Scham der Opfer sei oft sehr groß. "Familie und Nachbarn sollen nicht wissen, dass sie auf Betrüger hereingefallen sind." Dabei könne jeder den Betrügern auf den Leim gehen, denn sie übten starken Druck aus, erzeugten Angst und Panik bei ihren Opfern. "Als Außenstehender würde man sagen, die Geschichte ist doch nie und nimmer wahr", sagt Warncke. Doch die Betroffenen entwickelten unter dem Druck der Situation einen Tunnelblick.

Für die Betrüger sei es ein Riesengeschäft. Die Versuche träten oftmals in Wellen auf. Die Täter nähmen sich häufig systematisch Stadtgebiete vor. Ihre Erfolgsquote liege bei 10 bis 15 Prozent. "Wenn dann 20 von 200 Anrufen an einem Tag mit 20.000 Euro verfangen, haben sie 400.000 Euro verdient", rechnet Warncke vor. Und manchmal erbeuten die Täter auf einen Schlag sogar Beträge in Millionenhöhe. Die höchste Schadenssumme eines Einzelfalls innerhalb der vergangenen fünf Jahre, die dem Hessischen Landeskriminalamt bekannt ist, liegt bei rund 3,28 Millionen Euro.

© dpa-infocom, dpa:211001-99-436691/2

dpa