Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama "Bilderbuchsprengung" der alten A45-Talbrücke bei Wilnsdorf
Mehr Hessen Panorama "Bilderbuchsprengung" der alten A45-Talbrücke bei Wilnsdorf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:52 06.02.2022
Die Talbrücke Rinsdorf auf der Autobahn A45 wird gesprengt.
Die Talbrücke Rinsdorf auf der Autobahn A45 wird gesprengt. Quelle: Rene Traut/dpa
Anzeige
Wilnsdorf

Die Erleichterung war ihm anzusehen und auch anzuhören. Auch wenn Sprengmeister Michael Schneider schon viele Bauwerke zu Boden gebracht hat, war die Sprengung der Talbrücke Rinsdorf an der Autobahn 45 bei Wilnsdorf in Nordrhein-Westfalen nahe der hessischen Landesgrenze am Sonntag etwas Besonderes: 70 Meter hoch, 500 Meter lang - eine Brücke von solchem Format ist in Deutschland noch nie zuvor gesprengt worden. 

"Es war eine Bilderbuchsprengung", sagte der Sprengmeister eine gute halbe Stunde nach Knall und Fall der acht Pfeilerpaare samt Fahrbahndecke. Es sei "richtig happy". Zum einen sei die Sprengung planmäßig verlaufen - Punkt 11 Uhr hatte er das Signal zur Zündung der 120 Kilogramm Sprengstoff geben können. Zum anderen sei niemand und nichts zu Schaden gekommen. Die alte Brücke sei exakt in ihrem auf dem Boden vorbereiteten Bett gelandet.

Unversehrt geblieben sei auch das seit Dezember 2021 schon befahrbare neue Teilstück gleich neben der gesprengten Brücke. "Wir haben die neue Brücke auf Herz und Nieren geprüft", sagte Schneider. Am späten Nachmittag sollte die seit dem Morgen gesperrte Autobahn zwischen den Anschlussstellen Wilnsdorf und Siegen-Süd wieder freigegeben werden.

Zahlreiche Schaulustige verfolgten das Ereignis aus sicherer Entfernung. Das Brückengelände selbst war zuvor in einem Radius von 300 Metern abgeriegelt worden. Sogar aus der Distanz war körperlich zu spüren, mit welcher Kraft die gezielt in den Pfeilern postierten Sprengsätze die Brücke zum Einsturz brachten. Mit einem vielstimmigen "Wow!" machten Beteiligte und Unbeteiligte ihrer Freude und auch ihrer Bewunderung Luft.

Im Bereich der gerade gesprengten Talbrücke Rinsdorf steht nun der Aufbau einer neuen Pfeilerreihe an. Nach deren Fertigstellung soll in rund zwei Jahren die bereits errichtete Brückenhälfte komplett - samt Pfeilern und Fundamenten - verschoben werden.

Dieses Projekt ist nur eines im Zuge der Generalsanierung der sogenannten Sauerlandlinie. Auf der gesamten Strecke gibt es 60 in die Jahre gekommene Talbrücken, die Zug um Zug erneuert werden müssen. Derzeit sind 15 davon im Bau oder werden noch in diesem Jahr in Bau gehen. Allein im südlichen NRW-Teil der A45 wird das "Drei, zwei, eins - Zündung!" daher mittelfristig noch mehrfach zu hören sein. So soll nach Angaben der Autobahn GmbH des Bundes in rund drei Wochen die benachbarte Talbrücke Rälsbach gesprengt werden. Zwei weitere Brücken folgen noch in diesem Jahr.

Ob es bald knallt oder ob die Brücke in dem engen Tal bei Lüdenscheid Stück für Stück abgetragen werden muss, bleibt die bange Frage beim derzeit wohl größten Talbrücken-Sorgenkind entlang der A45. Die Prüfung dieser Frage dauere an, sagte die Direktorin der Autobahnniederlassung Westfalen Elfriede Sauerwein-Brakiek am Sonntag in Wilnsdorf. Die dortige Rahmede-Talbrücke ist wegen gravierender Schäden seit Anfang Dezember gesperrt. Ein neues Bauwerk soll dort schnellstmöglich errichtet werden. Die zuständigen Experten gehen derzeit von einer Planungs- und Bauzeit von fünf Jahren aus.

Die bis dahin andauernde Sperrung der A45 ist ein Desaster für Südwestfalen: Viele Unternehmen in der wirtschaftlich starken Region sehen sich ohne Hilfen existenziell bedroht. Insbesondere in Lüdenscheid beklagen Anwohner angesichts extremer Lärm- und Abgasbelästigung massive gesundheitliche Belastungen vor allem an den Umleitungsstrecken.

Viele befürchten, dass die Talbrücke Rahmede bei Lüdenscheid längst nicht die einzige Schwachstelle entlang der A45 ist. Tatsächlich seien die Brückenneubauten auf dieser Strecke ein Projekt, das seit Jahren mit Hochdruck und mit erheblichen Bundesmitteln vorangetrieben werde, betonte die Autobahn GmbH des Bundes. Weitere Mittel und auch personelle Ressourcen sollten nun zusätzlich bereitgestellt werden.

© dpa-infocom, dpa:220205-99-991142/9

dpa