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Panorama Geldautomatensprengung: Banken greifen zur Selbsthilfe
Mehr Hessen Panorama Geldautomatensprengung: Banken greifen zur Selbsthilfe
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16:38 10.02.2022
Blick in die Bankfiliale nach der Geldautomatensprengung.
Blick in die Bankfiliale nach der Geldautomatensprengung. Quelle: Polizei Wiesbaden/dpa/Archivbild
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Darmstadt

Sie kommen meist im Schutz der Dunkelheit, richten hohe Schäden an und flüchten dann mit schnellen Autos. Woche für Woche wird irgendwo in Deutschland von Ganoven in der Hoffnung auf schnelle Beute ein Geldautomat gesprengt. Meist sind Banden am Werk. Als mutmaßliches Mitglied einer solchen muss sich seit Donnerstag ein 39-Jähriger vor dem Darmstädter Landgericht verantworten. Seine möglichen Komplizen kennen die Ermittler allerdings nicht.

Der Mann soll im Januar 2020 an der Sprengung eines Geldautomaten im Offenbacher Hauptbahnhof und gut einen Monat später an einer versuchten Sprengung in Heusenstamm beteiligt gewesen sein. Erbeutet wurden in Offenbach damals 20.500 Euro. Der Angeklagte wurde im vergangenen Sommer festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Angeklagt ist er unter anderem wegen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und schweren Bandendiebstahls.

"Der Gassprengsatz bestand aus zwei Gasflaschen", sagte Staatsanwalt Fikret Yildiz bei der Anklageverlesung zur Tat in Offenbach. Gebaut haben soll ihn der 39-Jährige. Er habe einer hierarisch organisierten kriminellen Vereinigung angehört, die Geldautomaten aufhebelt, Gas einleitet und sie aufsprengt, um an die Geldkassetten zu kommen. Die Große Strafkammer des Landgerichts brachte zum Beginn des Verfahrens eine Verständigung ins Spiel. Voraussetzung: ein Geständnis, dass sich auf seine Tatbeteiligung beschränkt.

Der 39-Jährige erzählte ausführlich über sein Leben, von den Taten will er aber nichts gewusst haben. Er berichtete von wechselnden Jobs, Arbeitslosigkeit und Drogenkonsum. "Das Geld war knapp", sagte der Angeklagte. "Ich habe vier Kinder mit vier Frauen." Darunter seien ein Kind mit seiner letzten Lebensgefährtin, auch eines mit deren Zwillingsschwester. Mit den Verbrechen will er aber nichts zu tun haben. "Ich habe noch nie in meinem Leben eine Gasflasche gesehen", beteuerte er. Er kenne sich nicht mit Geldautomaten aus, sagte er zu der Tat in Offenbach. Auch in der Bank in Heusenstamm will er nicht gewesen sein. "Ich habe nie einen Geldautomaten gesprengt." So etwas würde er nie tun.

Im vergangenen Jahr wurden laut Generalstaatsanwaltschaft in Hessen 56 Geldautomaten gesprengt. Die Zahl der Fälle stieg damit im Vergleich zum Vorjahr um fast 90 Prozent. In 27 Fällen gelangten die Kriminellen an das Bargeld - insgesamt wurden so rund 2,7 Millionen Euro gestohlen. Der angerichtete Schaden an den Häusern und Automaten war mit rund 2,6 Millionen Euro fast genauso hoch. "Es gibt regionale Täter beziehungsweise Tätergruppen und überregionale, die zumeist aus den Niederlanden stammen und eigens für die Tatbegehung nach Deutschland einreisen", teilte das Landeskriminalamt auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Es könne aber festgehalten werden, dass der Schwerpunkt der Taten tatsächlich in Deutschland liegt.

Auch in den ersten Wochen dieses Jahres gab es in Hessen bereits mehrfach solche Fälle - etwa in Vellmar, Bebra, Langgöns oder Hungen. Alleine in Vellmar wurde der Schaden auf rund 1,5 Millionen Euro beziffert. Nach der Sprengung in Bebra lieferte sich ein Tatverdächtiger eine Verfolgungsjagd bis in die Niederlande. Hier wird von einem sechsstelligen Schaden ausgegangen.

Nach Angaben von Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) besteht durch das rücksichtslose Vorgehen der Täter die Gefahr, dass früher oder später Menschen erheblich verletzt oder sogar getötet werden. Erst am Mittwoch bei der Vorstellung der Kriminalstatistik kündigte er an, zusammen mit Banken in Hessen präventive Maßnahmen zu entwickeln, um die stark steigende Zahl dieser Verbrechen einzudämmen.

Einige Banken handeln hier schon. Die Sparkasse Oberhessen setzt seit einigen Wochen bereits schlichte Sicherheitsmaßnahmen um. "Wir schließen nachts die Selbstbedienungsbereiche an allen Standorten", sagte Sprecher Eric Zimdars. An den 59 Standorten im Wetterau- und Vogelsbergkreis seien die Türen von Mitternacht bis 5.00 Uhr geschlossen. "Wir wollen es den Kriminellen schwer machen." Und: Die Schließung diene schlicht als zusätzliches Hindernis. Vorbild seien hier Kreditinstitute in den Niederlanden oder auch in Nordrhein-Westfalen gewesen, wo dies als Prävention eingesetzt werde. Die Täter kämen meist nachts und die Zahl der Abhebungen in diesem Zeitraum liege bei gerade einem Prozent.

Nicht nur Banken haben Angst vor den skrupellosen Gangstern. So klagten Miteigentümer eines Mehrfamilienhauses in Ratingen bei Düsseldorf in dieser Woche in zweiter Instanz vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht. Sie wollen aus Angst vor Gebäudeschäden und auch vor Gefahren für Menschen, dass ein im Erdgeschoss untergebrachter Geldautomat abgebaut wird. Die Bank weigerte sich und bekam in erster Instanz Recht, und auch das Oberlandesgericht machte wenig Aussicht auf Erfolg.

© dpa-infocom, dpa:220209-99-50787/6

dpa