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Panorama Hohe Gewichte und Eile: Zusteller sind öfter krank
Mehr Hessen Panorama Hohe Gewichte und Eile: Zusteller sind öfter krank
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17:22 18.12.2020
Ein DHL-Paketzusteller geht mit einer Sackkarre zu einem Haus.
Ein DHL-Paketzusteller geht mit einer Sackkarre zu einem Haus. Quelle: Jan Woitas/zb/dpa
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Mainz

Rückenprobleme und verstauchte Knöchel: Post-, Kurier- und Expressdienstfahrer in Rheinland-Pfalz sind nach einer Erhebung der Krankenkasse Barmer überdurchschnittlich häufig krank. "Der Job geht Paketzustellern auf die Knochen", stellte die Krankenkasse in ihrem am Freitag in Mainz veröffentlichten Report für 2019 fest. "In der Vorweihnachtszeit müssen Beschäftigte bei Post- und Zustelldiensten oft Sonderschichten einlegen", sagte die Landesgeschäftsführerin der Krankenkasse, Dunja Kleis. Dazu komme 2020 noch Corona. Die Pandemie habe "zu einem Boom beim Online-Shopping geführt und dürfte die Paketzusteller zusätzlich belasten".

Eine Hauptursache der Gesundheitsgefährdungen sei die Gewichtsbelastung aufgrund schwerer und großer Pakete, sagte Landesfachbereichsleiterin Tanja Lauer von der Gewerkschaft Verdi. "Insbesondere dort, wo die Zustellung auf Sub-Sub-Sub-Unternehmen ausgelagert ist, fehlt der Schutz der Beschäftigten vollends." Solche Betriebe seien häufig sehr klein, so dass kaum Mitbestimmungsstrukturen aufgebaut werden könnten. Dazu kämen Sprachbarrieren, "so dass die Beschäftigten die gesetzlichen Regelungen gar nicht erst kennen". Nach Erkenntnissen des Zolls komme es in der Kurier-, Express- und Paketdienst-Branche regelmäßig zu Verstößen gegen Mindestlohn und sozialversicherungsrechtliche Pflichten, teilte das Arbeitsministerium in Mainz mit.

Rund 15 000 Menschen sind laut Barmer in Rheinland-Pfalz sozialversicherungspflichtig als Post-, Kurier- und Expressdienstfahrer beschäftigt. Die bei der zweitgrößten Krankenkasse des Landes versicherten Beschäftigten seien 2019 durchschnittlich an 22,8 Tagen arbeitsunfähig gewesen. Das sei einer der höchsten Werte aller 25 untersuchten Branchen und übertreffe den Landesdurchschnitt von 18,5 Arbeitsunfähigkeitstagen deutlich.

Rückenschmerzen, Bandscheibenvorfälle, Arthrose, Gelenkprobleme und andere Muskel-Skelett-Erkrankungen seien die häufigsten Gründe für die Krankschreibungen. Dazu kämen Brüche, Prellungen und Verstauchungen. Bei diesen Verletzungen sei die Branche sogar Spitzenreiter. Psychische Erkrankungen spielten bei den Zustellern dagegen eine geringe Rolle.

Mit dem Paketboten-Schutz-Gesetz von 2019 sei der Ausbeutung ein Riegel vorgeschoben worden, heißt es im Ministerium. "Für Solo-Selbstständige gelten die arbeitnehmerschützende Vorschriften wie beispielsweise zum Mindestlohn oder Arbeitszeiten aber nicht." Die Bundesregierung habe dazu umfassende Regelungen angekündigt. Rheinland-Pfalz setze sich dafür ein, dass die für die Postdienstleister geltende Befreiung von den Vorschriften der Sozialvorschriften im Straßenverkehr für den Transport von Paketen bis 20 Kilogramm gestrichen wird, da die Gewichtsgrenze nicht mehr sachgerecht ist. Mittlerweile würden auch regelmäßig über 30 Kilo schwere Pakete ausgeliefert. Für alle Dienstleistungen von Post- und Paketunternehmen solle zudem die Pflicht zur Aufzeichnung von Lenk- und Ruhezeiten gelten. Entsprechende Änderungsanträge hätten im Bundesrat aber noch keine Mehrheit gefunden.

dpa