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Panorama Neue Mobilität für Heimbewohner: Mit der E-Rikscha unterwegs
Mehr Hessen Panorama Neue Mobilität für Heimbewohner: Mit der E-Rikscha unterwegs
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08:26 04.04.2021
Margarethe Stöhr (86) und Heinz Zammert (86), Bewohner des evangelischen Altenhilfezentrums "Haus Elisabeth" werden von Wolfgang Jarosch (69) ehrenamtlich mit einer E-Rikscha ausgefahren.
Margarethe Stöhr (86) und Heinz Zammert (86), Bewohner des evangelischen Altenhilfezentrums "Haus Elisabeth" werden von Wolfgang Jarosch (69) ehrenamtlich mit einer E-Rikscha ausgefahren. Quelle: Nadine Weigel/dpa/dpa/Archivbild
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Wiesbaden/Marburg

Wer nicht alleine in die Pedale treten kann, soll dennoch Ausflüge an der frischen Luft unternehmen - mit Hilfe von anderen und elektrischem Rückenwind. Das ist die Idee eines Projektes des Landes Hessen, bei dem etwa Alten- und Pflegeheime für eine gewisse Zeit mit Spezialrädern ausgestattet werden. Auf Tour geht es dann mit E-Rikschas oder E-Tandems. Auch Menschen mit einer Sehbehinderung sollen davon profitieren.

"Ich finde das eine ganz tolle Sache", sagt Katja Noll, die Leiterin der "Römergarten Senioren-Residenz Haus Ullrich" im mittelhessischen Kirchhain. Die Einrichtung ist eine von mehreren in Hessen, die an dem Projekt teilnehmen. Bisher hätten Mitarbeiter die Bewohner gefahren, nun seien auch Ehrenamtliche gefunden worden, die mit den Senioren Fahrten machten.

Zwei Passagiere finden auf der elektrisch angetriebenen Rikscha Platz. "Ausflüge in die Stadt, aber auch zu kleineren Seen in der Nähe sind beliebt", erzählt Noll. Für die Senioren bedeute das Freiheit und die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen. "Wenn das weiterhin so gut angenommen wird, wollen wir eine eigene Fahrrad-Rikscha anschaffen."

Zum Konzept des Projektes "Radfahren gemeinsam neu entdecken" gehört: Das Land stellt zusammen mit der "Arbeitsgemeinschaft Nahmobilität Hessen" sozialen Einrichtungen die Spezialfahrräder zur Verfügung, die für Menschen mit eingeschränkter Mobilität gedacht sind. Unterstützung gibt es zudem vom Verein "Radeln ohne Alter Deutschland". So sollen den Menschen neue Freizeitmöglichkeiten, mehr Abwechslung sowie Bewegungsfreiheit eröffnet werden. Zudem will die Initiative zeigen, welche Optionen es auch für jene gibt, die nicht alleine oder aus eigener Kraft auf Fahrradtour gehen können.

Die Nachfrage ist laut dem hessischen Wirtschaftsministerium groß: "Derzeit sind zehn Spezialräder im Umlauf", berichtet ein Sprecher. Der Großteil der Räder kommt demnach in der Senioren- und Altenpflege zum Einsatz. Drei Monate könne eine Einrichtung das Angebot nutzen. Das Projekt wurde im vergangenen November gestartet und soll bis Ende des Jahres laufen. "Wir prüfen die Möglichkeit einer Verlängerung bis ins nächste Jahr."

Auch die Blindenstudienanstalt in Marburg nutzt ein E-Tandem im Rahmen des Projektes: "Das ist eine tolle Möglichkeit für die blinden oder hochgradig sehbehinderten Schüler, Ausflüge zu unternehmen", sagt eine Sprecherin. Am Wochenende können demnach Schüler mit Betreuern des Internats das Tandem benutzen. Bei der hügeligen Umgebung sei das E-Rad von Vorteil. Zudem sei das Treten in der Liegeposition für die Schüler eine tolle Bewegungsmöglichkeit.

Der Sozialverband VdK Hessen-Thüringen steht der Initiative "sehr positiv gegenüber", wie eine Sprecherin mitteilt. Denn den Menschen werde ermöglicht, ihre Umgebung zu erkunden und mit anderen ins Gespräch zu kommen. Der Verband macht bei dem Projekt mit und stellt Sozialeinrichtungen im nordhessischen Niestetal und in Friedrichsdorf im Hochtaunuskreis je eines der Spezialräder zur Verfügung. "Für uns erschließt sich mit der Initiative ein neues ehrenamtliches Betätigungsfeld für Menschen, die sich für mehr soziale Teilhabe einsetzen möchten", ergänzt die Sprecherin. Denn die Räder würden von Ehrenamtlichen gefahren.

Die Corona-Pandemie sorgt laut dem Sozialverband aktuell allerdings für eine Verzögerung bei der Umsetzung: "Alten- und Pflegeeinrichtungen, mit denen wir bereits Kontakt aufgenommen haben, reagieren noch zurückhaltend." Man sei jedoch zuversichtlich, dass sich das mit dem Fortschreiten der Impfungen im Frühjahr ändern werde.

© dpa-infocom, dpa:210404-99-79414/2

dpa