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Panorama Gefährdete Muscheln in Flüssen werden aufwendig geschützt
Mehr Hessen Panorama Gefährdete Muscheln in Flüssen werden aufwendig geschützt
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14:11 09.07.2021
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Wiesbaden/Kassel/Gießen

Wer Muscheln nur im Meer vermutet, der irrt. In Hessens Flüssen und Bächen konnten laut Tanja Berg vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) bislang 27 heimische Muschelarten nachgewiesen werden. "Hiervon gelten jedoch zwischenzeitlich mindestens drei Arten als ausgestorben beziehungsweise verschollen", sagt die Diplom-Biologin.

Neben 18 Kleinmuschelarten gebe es aktuell noch Nachweise von sechs Großmuschelarten. Sie alle sind Berg zufolge auf der Roten Liste gefährdeter Schnecken und Muscheln Hessens zu finden. "Bis auf die Bachmuschel stehen alle Großmuscheln zudem über die Bundesartenschutzverordnung unter besonderem Schutz."

Gefährdet seien sie zum einen durch Wasserverschmutzung und Überdüngung und zum anderen durch die Zerstörung der Lebensräume durch Gewässerverbau wie Begradigungen und Uferverbau. Zudem seien die Großmuscheln zur Vermehrung auf bestimmte Fischarten in ihrer Umgebung angewiesen, da ihre Larven einige Zeit parasitisch in Fischkiemen leben. "Querbauwerke, die die Fischwanderung behindern, können sich somit auch nachteilig auf Großmuschelbestände auswirken", erläutert Berg. Auch Räuber wie Bisam und Waschbär könnten die Bestände beträchtlich verringern.

Darunter leidet die Wasserqualität, denn die Weichtiere erfüllen eine wichtige Funktion. "Flussmuscheln sind wahre Kraftwerke, sie filtern das Wasser und tragen so erheblich zur Verbesserung der Wasserqualität bei", erklärt Susanne Gilfert, Mitarbeiterin der Oberen Naturschutzbehörde beim Regierungspräsidium (RP) Kassel. Um sie zu schützen, sind in der nordhessischen Stadt kürzlich Tausende Muscheln in einer aufwendigen Aktion umgesiedelt worden.

Die Tiere hatten sich auf einer Sandbank im Flussbett der Fulda angesiedelt, die beseitigt wurde, um freie Fahrt für Ruderregatten zu schaffen. Zum Einsatz kam dabei ein schwimmendes Amphibienfahrzeug mit einer speziellen Saugvorrichtung. Die Muscheln landeten so über eine Rohrleitung an anderer Stelle wieder in der Regattastrecke. "Im Vorfeld waren bereits Taucher der Kasseler Berufsfeuerwehr im Einsatz, die Hunderte Muscheln von der Sandbank abgesammelt haben", erläutert Gilfert. Auch diese seien an anderer Stelle der Regattastrecke wieder ins Wasser gesetzt worden.

Eine weitere Hürde für die Muscheln ist ihre Fortpflanzung. Die Tiere müssen extrem viele Nachkommen produzieren, denn nur wenige überleben den komplizierten Entwicklungszyklus vom Ei bis zur jungen Muschel. Dem tragen beispielsweise Wiederansiedlungsprojekte in Weil, Emsbach, Dill und Felda im Regierungsbezirk Gießen Rechnung. Dabei werden im Frühjahr laut Thorsten Haas, Pressesprecher des dortigen Regierungspräsidiums, trächtige Bachmuschelweibchen aus ihrem Heimatbach entnommen und für einige Tage so lange im Labor unter geeigneten Bedingungen gehalten, bis sie ihre Larven abgeben.

"Parallel dazu werden geeignete Wirtsfische gefangen und in Strömungsbecken bereitgehalten", erläutert er. Sobald die Muscheln ihre Larven ausstoßen, würden diese sofort mit den gefangenen Wirtsfischen zusammengebracht, um die Fische dann wenige Wochen später mit den anhaftenden Larven wieder freizulassen. Nach vier bis sechs Wochen entwickelten sich die Glochidien genannten Larven zu Jungmuscheln und fielen vom Fisch ab. Ob die Maßnahmen Erfolg haben, sei erst nach mehreren Jahren zu sehen, wenn die Tiere an Größe gewonnen hätten und auffindbar seien. Ein 2019 durchgeführtes Monitoring habe ergeben, dass die Ansiedlungsmaßnahmen der letzten Jahre im Emsbach sehr erfolgreich waren.

© dpa-infocom, dpa:210709-99-320763/3

dpa