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Panorama Mordprozess um Sabotage an ICE-Strecke: Gutachter sagen aus
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15:40 15.03.2021
Eine Hinweistafel an einem Sitzungssaal im Landgericht Wiesbaden.
Eine Hinweistafel an einem Sitzungssaal im Landgericht Wiesbaden. Quelle: Fredrik von Erichsen/dpa/Archivbild
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Wiesbaden

Kurz vor dem voraussichtlichen Ende des Prozesses um eine mutmaßliche Sabotage auf der ICE-Schnellstrecke Frankfurt-Köln haben zwei Sachverständige ausgesagt. Der eine äußerte sich am Montag vor dem Landgericht Wiesbaden zur körperlichen Verfassung des 52 Jahre alten Angeklagten, der andere über mögliche Folgen, wenn nach der Tat im März 2020 ein Zug entgleist wäre.

In dem Verfahren wirft die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten versuchten heimtückischen Mord vor. Als weitere Mordmerkmale sieht sie niedere Beweggründe sowie den Einsatz gemeingefährlicher Mittel erfüllt. Der Mann soll nahe der Theißtalbrücke bei Niedernhausen im Taunus Schienenbefestigungen abmontiert haben. Laut Anklage war das Ziel, einen Zug entgleisen zu lassen.

Mehr als 400 Züge passierten an mehreren Tagen in hohem Tempo die Stelle, bis zwei ICE-Lokführer am 20. März durch verändertes Fahrverhalten und Schläge aufmerksam wurden. Wenig später wurden auf einer Strecke von rund 80 Metern lose Gleise entdeckt. Der Angeklagte soll in den Jahren zuvor mehrmals unter anderem an das Bundeskanzleramt Briefe geschrieben und behauptet haben, eine Terrorzelle bereite Anschläge auf den Bahnverkehr vor. Nur er könne die Terroristen ermitteln, dafür soll er Geld verlangt haben. Er wurde nach Entdeckung der losen Gleise bei Köln festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Ein Rechtsmediziner hielt den Mann am Montag für körperlich fit genug, um Schienen-Befestigungen abzumontieren. Seine gesundheitlichen Einschränkungen seien "nicht ausreichend, als dass er nicht ein paar Schrauben lösen könnte", sagte der Experte bei der Vorstellung seines Gutachtens. Der 52-Jährige leide unter anderem unter Rückenbeschwerden, er habe zum Zeitpunkt der Tat jedoch ein schmerzlinderndes Medikament eingenommen. Wie genau solche Schrauben montiert seien, wisse er allerdings nicht, berichtete der Mediziner.

Ein ebenfalls geladener Technik-Experte betonte, dass Folgen bei Unfällen mit entgleisten Schnellzügen "immer unabsehbar" seien. Bei der Entgleisung eines Zugs mit einer Geschwindigkeit von 300 Kilometern pro Stunde könne "ein katastrophaler Ausgang mit einer Vielzahl von Toten" nicht ausgeschlossen werden, er sei sogar wahrscheinlich. Zwei Gleisüberführungen und eine Tunneleinfahrt am manipulierten Streckenabschnitt begünstigen demnach das Risiko.

Das Gericht verlas am Montag auch eine Auswertung von Daten vom Laptop des Angeklagten. Demnach hatte der Verdächtige in den Wochen vor der mutmaßlichen Tat mehrmals im Internet unter anderem nach Wörtern wie "Gleisbau" gesucht. In dem Prozess werden nun voraussichtlich am kommenden Montag (22. März) die Plädoyers gehalten, eine Woche später - am 29. März - könnte ein Urteil fallen.

© dpa-infocom, dpa:210314-99-819516/3

dpa