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Panorama Mobiles Testzentrum soll Gewissheit in Altenheimen schaffen
Mehr Hessen Panorama Mobiles Testzentrum soll Gewissheit in Altenheimen schaffen
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13:51 09.04.2020
Ein Mitarbeiter des Test-Teams steht vor dem Corona-Testmobil des DRK (Deutsches Rotes Kreuz). Quelle: Andreas Arnold/dpa/Archivbild
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Frankfurt/Main

Allein auf die Plexiglasscheibe, die ihn von seinem Gegenüber abtrennt, vertraut Matthias Bollinger nicht. Der Arzt trägt eine Schutzmaske, Schutzoverall und Schutzbrille, wenn er im mobilen Testzentrum des Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Frankfurt im Einsatz ist, um Bewohner und Mitarbeiter von Alten- und Pflegeheimen zu testen. "Wenn alles gut vorbereitet ist, wenn alle zu Testenden die Papiere für das Labor dabei haben, können wir 20 bis 25 Menschen in der Stunde testen", schätzt Bollinger.

Nach zwei Stunden sei ohnehin Pause, dann werde auch der Schutzoverall gewechselt. "Zwei Stunden Arbeit im Schutzanzug - das ist hart", räumt Bollinger ein. Es werde daher darauf geachtet, dass keiner der ehrenamtlich arbeitenden Ärzte und Assistenten zwei Tage hintereinander in dem umgebauten Linienbus zum Einsatz kommt.

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Die Tests an Bewohnern und Mitarbeitern von Alten- und Pflegeheimen in Frankfurt hingegen laufen seit Dienstag täglich. Zu bettlägerigen Menschen kommt der Arzt aufs Zimmer, um den Testabstrich zu machen. Dank einer Rampe ist das rollende Testzentrum auch Menschen zugänglich, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind.

Auch an den Osterfeiertagen wird es keine Pause geben. Denn insgesamt sollen die Bewohner und Mitarbeiter in 50 stationären Einrichtungen auf das Coronavirus getestet werden - insgesamt etwa 8000 Menschen. "Wir wollen Gewissheit schaffen", so der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) am Donnerstag über die Initiative der Stadt. Zugleich betont er: "Der Bus ist kein Freifahrtschein für eine Änderung der Strategie." Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen müssten auch weiterhin aufrechterhalten werden.

"Die Testung schafft eine Momentaufnahme, keine Sicherheit", betont Feldmann. Ein Altenheimbewohner oder eine Pflegerin, die am Tag des Tests negativ getestet wurden, könnten sich dennoch zu einem späteren Zeitpunkt infizieren. Wichtig sei das Wissen um den Infektionsstand dennoch, so der Frankfurter Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne): Wenn die Einrichtungen frühzeitig Gewissheit über infizierte Bewohner oder Mitarbeiter hätten, könnten sie sofort Maßnahmen treffen. "Wir wollen wirklich wissen: Wie sieht es in den 50 Einrichtungen aus?" Er hoffe, dass die Testung bis Ende April oder Anfang Mai abgeschlossen sei. Dafür sei auch eine Aufstockung der DRK-Teams vorgesehen.

Seit die Stadt den Einsatz des rollenden Testzentrums bekannt gemacht habe, habe es Anfragen von vielen Städten und Gemeinden gegeben, sagt Majer. Denn die Situation in stationären Alten- und Pflegeeinrichtungen, der Schutz der besonders gefährdeten Menschen treibt derzeit alle um - Kommunen und Pflegeprofis, Betroffene und Angehörige.

Das DRK in Frankfurt sei schon früh für das Thema Coronavirus sensibilisiert gewesen, so Bollinger. "Viele von uns können sich noch an die SARS-Epidemie erinnern. Hinzu kommt, Frankfurt ist eine Messestadt, die auch von vielen chinesischen Ausstellern besucht wird. Uns war schon früh klar: Da kommt ein Problem." Dass bereits im Januar begonnen wurde, Schutzmaterial zu kaufen und ein kleines Depot anzulegen, macht sich nun buchstäblich bezahlt, da die Beschaffung nicht nur schwieriger, sondern auch immer teurer wird.

Vorrang in der Reihenfolge der Tests haben Einrichtungen, in denen bereits Covid-19 Fälle aufgetreten sind. So war am Mittwoch das August Stunz-Zentrum dran, in dem in der vergangenen Woche vier Krankheitsfälle bekannt geworden waren. Nach einer ersten Testreihe in den betroffenen Wohnbereichen sind seit Dienstagabend weitere 21 Infektionsfälle bestätigt. "Das gibt uns einen Überblick, aber wir dürfen uns nicht in Sicherheit fühlen", warnt Heimleiterin Sabine Kunz. Die Testung zeige eben nur die Ist-Situation. "Das heißt nicht, dass einen Tag später jemand infiziert werden kann."

Doch allein dieser Überblick ist schon wichtig, ehe weitere Entscheidungen zum Umgang mit der Pandemie getroffen werden, sagt Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. "Es ist überfällig, den Blick dorthin zu lenken, wo eine Kettenreaktion auf das Brutalste zuschlagen kann."

dpa

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